Quantencomputing: Kann Europa im globalen Technologiewettrennen siegen?
Das französische Start-up Alice & Bob baut Quantencomputer und investiert 50 Millionen Dollar in eine neue Anlage bei Paris.

In einem Labor am westlichen Rand von Paris arbeitet ein junges französisches Unternehmen an einer Technologie, die die Welt der Computerwissenschaft grundlegend verändern könnte. Alice & Bob heißt das Start-up, das mit rund 200 Mitarbeitern an Quantencomputern der nächsten Generation forscht. Die Maschinen sehen aus wie übergroße Warmwasserbereiter – doch in ihrem Inneren spielt sich Physik ab, die selbst Albert Einstein in Staunen versetzte.
Das Herzstück der Technologie ist ein sogenannter Kryostat: eine Kaskade aus gold- und silberfarbenen Zylindern, die durch ein Geflecht von Drähten verbunden sind. Am Boden dieser Apparatur sinken die Temperaturen auf minus 273 Grad Celsius – nahe dem absoluten Nullpunkt. Bei dieser extremen Kälte werden thermische Schwingungen auf ein Minimum reduziert, und das System ist vollständig von der Außenwelt isoliert. In diesem Umfeld findet der sogenannte Quantensprung statt: Teilchen ändern ihr Energieniveau auf eine Weise, die vorhersagbar, reproduzierbar und dennoch scheinbar unmöglich ist.
50-Millionen-Dollar-Investition in neue Anlage
In den kommenden Monaten will Alice & Bob eine wesentlich größere Einrichtung im Norden von Paris eröffnen. Die neue Anlage soll 50 Millionen US-Dollar kosten – umgerechnet rund 37 Millionen britische Pfund. Sie wird eine Test- und Betriebseinrichtung für immer größere Maschinen sowie einen Reinraum umfassen, in dem das Unternehmen eigene Chips selbst herstellen wird. Das ist ein bedeutender Schritt hin zur industriellen Fertigung von Quantencomputern in Europa.
Mitbegründer und CEO Théau Peronnin zeigt sich überzeugt, dass die Technologie kurz vor dem Durchbruch steht. „Früher bezweifelten Physiker, dass es möglich sei, das seltsame Verhalten von Teilchen in der Quantenwelt zu nutzen. Das tun sie heute nicht mehr", sagt er. Für Peronnin ist die entscheidende Frage nicht mehr das „Ob", sondern das „Wann".
Rechenleistung, die das Machbare neu definiert
Der CEO beschreibt das Potenzial der Technologie in beeindruckenden Worten: „In wenigen Jahren werden wir zuverlässige Quantencomputer haben, die wir an Hochleistungsrechner in Rechenzentren anschließen können, um deren Rechenleistung exponentiell zu steigern." Dabei gehe es nicht nur darum, schneller zu rechnen. „Es geht darum, so dramatisch viel schneller zu sein, dass sich das Spektrum des Machbaren verändert. Wir werden in der Lage sein, Probleme zu lösen, die mit klassischen Computern absolut unlösbar sind", so Peronnin.
Als konkretes Beispiel nennt der CEO die Medizin: Quantencomputer könnten die Medizin zu einer exakten Wissenschaft machen – ein Anspruch, den er nur halb im Scherz formuliert. Tatsächlich gilt die Simulation molekularer Prozesse, etwa für die Entwicklung neuer Medikamente, als eines der vielversprechendsten Anwendungsfelder für Quantencomputer. Klassische Rechner stoßen hier schnell an ihre Grenzen.
Europa im globalen Wettbewerb um Quantentechnologie
Das Rennen um die Vorherrschaft im Quantencomputing ist längst in vollem Gange. Große Technologiekonzerne aus den USA und Forschungseinrichtungen in China investieren Milliarden in die Entwicklung. Europäische Start-ups wie Alice & Bob setzen darauf, mit spezialisierten Ansätzen und wissenschaftlicher Exzellenz eine eigene Nische zu besetzen. Das junge Team aus überwiegend 20- und 30-Jährigen steht dabei sinnbildlich für eine neue Generation europäischer Technologieunternehmen, die den Anspruch haben, globale Maßstäbe zu setzen – nicht nur zu folgen.
