Purdue Pharma zu 5,5 Milliarden Dollar Strafe verurteilt
Ein US-Bundesrichter verurteilte den OxyContin-Hersteller zu Rekordstrafen – und ebnete damit den Weg für einen 7,4-Milliarden-Dollar-Vergleich.

Ein US-Bundesgericht in New Jersey hat den Pharmahersteller Purdue Pharma zu Geldstrafen und Strafzahlungen in Höhe von 5,5 Milliarden Dollar verurteilt. Bundesrichterin Madeline Cox Arleo leitete die Anhörung, die auf dem Schuldbekenntnis des Unternehmens aus dem Jahr 2020 basiert. Das Urteil markiert einen entscheidenden Meilenstein im seit über sechs Jahren andauernden Insolvenzverfahren des OxyContin-Herstellers.
Purdue Pharma hatte zugegeben, Ärzten illegale Kickbacks gezahlt zu haben, um OxyContin-Verschreibungen zu fördern. Zudem täuschte das Unternehmen Bundesbehörden über seine angeblichen Bemühungen, die Umleitung seiner Medikamente in illegale Märkte zu verhindern. Diese Vergehen stehen im Zentrum der strafrechtlichen Aufarbeitung der Opioidkrise in den USA – einer der schwersten Gesundheitskrisen der amerikanischen Geschichte.
Milliarden-Vergleich und Opferentschädigung
Obwohl die Gesamtstrafe 5,5 Milliarden Dollar beträgt, wird die tatsächliche Barauszahlung an das US-Justizministerium deutlich geringer ausfallen. Die Regierung erwartet eine Zahlung von 225 Millionen Dollar, sofern das Unternehmen seine verbleibenden Vermögenswerte vorrangig zur Rückzahlung an Gläubiger verwendet – in erster Linie staatliche und kommunale Behörden, die die finanzielle Last der Opioidkrise getragen haben. Der umfassendere Vergleichsfonds beläuft sich auf 7,4 Milliarden Dollar, davon sind 865 Millionen Dollar speziell für individuelle Opfer der Krise vorgesehen.
Die Anhörung war von intensiven emotionalen Aussagen geprägt. Über 200 Opfer reichten schriftliche Berichte über ihre Erfahrungen mit Sucht und Verlust ein. Mehr als 40 Personen legten während einer siebenstündigen Sitzung mündlich Zeugnis ab. Richterin Arleo forderte Purdue-Vorstandsvorsitzenden Steve Miller auf, den anwesenden Opfern direkt eine Entschuldigung auszusprechen. Miller erklärte, das Unternehmen „bedauere zutiefst und übernehme die Verantwortung" für sein vergangenes Fehlverhalten.
In einem ungewöhnlichen Schritt entschuldigte sich Richterin Arleo auch selbst bei den Opfern. Sie räumte ein, dass die Regierung es versäumt habe, rechtzeitig einzugreifen, um die betrügerischen Praktiken des Unternehmens zu stoppen. „Ihre Regierung hat Sie im Stich gelassen", sagte sie den Opfern und betonte, dass die Möglichkeiten des Rechtssystems zur Wiedergutmachung angesichts des Ausmaßes der Tragödie grundsätzlich unzureichend seien.
Kritik: Keine persönliche Haftung für Sackler-Familie
Trotz des Urteils äußerten viele Opfer tiefe Unzufriedenheit. Ein wiederkehrendes Thema unter den Aussagenden war die Überzeugung, dass die Geldstrafen lediglich „Kosten des Geschäftemachens" darstellten und keine echte Gerechtigkeit bedeuteten. Kritiker, darunter Ed Bisch, der seinen Sohn im Jahr 2001 durch eine Überdosis verlor, argumentierten, dass der Vergleich weder einzelne Manager noch Mitglieder der Sackler-Familie persönlich zur Rechenschaft zieht. Richterin Arleo stellte klar, dass sie keine rechtliche Befugnis habe, die Sacklers oder andere Führungskräfte zu inhaftieren, da das Justizministerium keine Strafanzeige gegen sie persönlich erstattet hatte.
Ein weiterer Streitpunkt ist die Zugänglichkeit des 865-Millionen-Dollar-Opferentschädigungsfonds. Viele Familien berichten, dass das Insolvenzverfahren erhebliche bürokratische Hürden auferlegt – insbesondere die Anforderung, jahrzehntealte Rezeptunterlagen vorzulegen, um Ansprüche geltend machen zu können. Richterin Arleo wies Purdues Anwaltsteam an, bei der Prüfung von Anträgen Flexibilität zu zeigen, und betonte: „Ich möchte, dass es eine gewisse Flexibilität für die Opfer gibt. Wir sagen nicht einfach ‚Nein', weil die Unterlagen nicht vorhanden sind." Dennoch äußerten Betroffene wie Alexis Pleus, die ihren Sohn durch eine Überdosis verlor, Skepsis darüber, ob viele Familien tatsächlich Zugang zu den Mitteln erhalten werden.
Purdue Pharma wird zu gemeinnütziger Organisation
Mit dem Abschluss des Insolvenzverfahrens – das unter anderem den US-Supreme Court beschäftigte – steht Purdue Pharma vor einer grundlegenden Transformation. Am 1. Mai soll das Unternehmen seinen laufenden Betrieb einstellen und als neue gemeinnützige Organisation neu entstehen. Diese soll sich der Herstellung von Suchtbehandlungs- und Überdosisumkehrmitteln widmen – ein Wandel, den das Unternehmen und seine Unterstützer als konstruktiven Schritt zur Schadensbegrenzung darstellen.
Das Urteil gegen Purdue Pharma steht symbolisch für den jahrelangen juristischen und gesellschaftlichen Kampf gegen die Opioidkrise in den USA. Für deutsche Beobachter verdeutlicht der Fall, wie weitreichend die Folgen von Unternehmensfehlverhalten im Pharmasektor sein können – und wie begrenzt die Möglichkeiten des Rechtssystems sind, individuelle Gerechtigkeit für Hunderttausende Betroffene herzustellen.
