Ölpreise fallen deutlich: Hoffnung auf Diplomatie im Iran-Konflikt
Brent verliert über drei Prozent auf 110,05 Dollar, WTI sinkt auf 100,68 Dollar – Anleger setzen auf Verhandlungen, die Zwischenwahlen bleiben ein Risiko.

Die Ölpreise sind zum Wochenstart deutlich gefallen. Die Nordseesorte Brent verbilligte sich um mehr als drei Prozent auf 110,05 Dollar je Fass, für US-Leichtöl der Sorte WTI wurden 100,68 Dollar gezahlt. Ein Fass entspricht 159 Litern. Auslöser des Preisrutsches ist die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung im Konflikt zwischen den USA und dem Iran.
Der Iran verhandelt seit drei Tagen mit katarischen Vermittlern. Diese Gespräche gelten als wichtigster Grund dafür, dass der Markt einen Teil der Risikoprämie zurücknimmt, die sich in den vergangenen Wochen aufgebaut hatte. Der Oktober endete für Brent auf dem höchsten Stand seit sechs Monaten.
Allein am Freitag zuvor war Brent bis auf 117,45 Dollar geklettert – der höchste Stand seit April. Am 26. Oktober notierte Brent bei 109,78 Dollar und lag damit mehr als 6,5 Prozent unter diesem Freitagswert. Zwischenzeitlich hatte der Preis über 116 Dollar erreicht, dem höchsten Stand seit März. Seit Jahresbeginn hat sich Brent fast 90 Prozent verteuert, das Jahreshoch liegt bei rund 120 Dollar.
Die US-Zwischenwahlen gelten als größter Unsicherheitsfaktor
Am Dienstag, dem 3. November, stehen in den USA die Zwischenwahlen an. Sie sind für den Ölmarkt deshalb relevant, weil der Markt zwischen zwei Szenarien unterscheidet: einer weiteren Eskalation mit neuen Angriffen und einer Verhandlungslösung. Bleibt beides aus, stellt sich die Frage nach der Bewertung des geopolitischen Risikos neu.
Die Analysten der ING formulieren genau diesen Punkt: "Wenn die Zwischenwahlen ohne Angriffe und auch ohne eine Einigung vorübergehen, ist die entscheidende Frage, ob der Markt weiterhin einen erheblichen geopolitischen Risikoaufschlag einpreist oder ob dieser Aufschlag allmählich wieder abgebaut wird."
Evakuierung und Drohungen halten die Risiken hoch
Trotz der Verhandlungen ist die Lage angespannt. Die US-Regierung ordnete die Evakuierung diplomatischen Personals im Nahen Osten an. US-Präsident Donald Trump deutete eine Wiederaufnahme der Angriffe auf den Iran an, während der Iran Vergeltungsmaßnahmen vorbereitet. Zusätzlich erhöhen Kämpfe der Huthi gegen Saudi-Arabien die Risiken für Öllieferungen.
Hintergrund ist der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran, der die Ölströme aus dem Persischen Golf stört. Eine Schlüsselrolle kommt der Straße von Hormus zu, über die ein großer Teil der Exporte läuft. Der Iran beansprucht die Kontrolle über die Meerenge. Die Liefermengen haben sich inzwischen auf etwa 80 Prozent des Niveaus vor Kriegsbeginn erholt – ein Zeichen der Entspannung, aber noch keine Normalisierung.
Auch die Infrastruktur selbst war betroffen. Ein Drohnenangriff traf das Ölfeld Schaiba des staatlichen Konzerns Saudi Aramco, das über eine Förderkapazität von einer Million Barrel Rohöl pro Tag verfügt. Bei einem Angriff auf den Flughafen Dammam gab es einen Toten und acht Verletzte. Die Sorge um die Meerenge trieb Brent am 20. Oktober zeitweise auf 111,05 Dollar, am 22. Oktober zeitweise über 112 Dollar – der höchste Stand seit Anfang Mai. Am 13. Oktober hatte Brent bei 104,85 Dollar notiert, ein Minus von 1,19 Prozent, nachdem der Preis an den drei vorangegangenen Handelstagen um mehr als sechs Prozent gestiegen war.
Hamad Hussain von Capital Economics fasst die Gemengelage so zusammen: "Die Risiken für die Ölpreise sind eindeutig nach oben gerichtet."
Notenbanken treten bei der Geldpolitik auf die Bremse
Für Privatanleger ist der zweite Blick auf die Geldpolitik wichtig. Die US-Notenbank Fed dürfte ihren Leitzins in der Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent belassen. Sie hatte den Satz im September angehoben – die erste Erhöhung seit drei Jahren. Am Markt wird eine mögliche weitere Fed-Zinserhöhung im Dezember erwartet.
Die Europäische Zentralbank steht vor einer Zinspause. EZB-Präsidentin Christine Lagarde signalisierte, dass die Notenbank vom Gleichschritt mit der Inflation abweichen könnte. Die EZB hatte im Juni und zuletzt im September an den Zügeln gezogen und könnte zum Jahresende nachlegen. Höhere Zinsen verteuern tendenziell die Finanzierung und dämpfen die Nachfrage – ein Effekt, der bei einem Ölpreis auf Rekordniveau doppelt wirkt.
Anleger sollten die Nachrichtenlage engmaschig verfolgen
Für den weiteren Verlauf kommt es auf wenige, klar benennbare Faktoren an: den Ausgang der Verhandlungen in Katar, den Verlauf der Zwischenwahlen und die Frage, ob es erneut zu Angriffen auf Förderanlagen oder auf Schiffe in der Region kommt. Jede dieser Nachrichten kann die Preise kurzfristig deutlich bewegen.
Anleger mit Öl- und Energiepositionen im Depot profitieren von einem hohen Preisniveau, tragen aber auch das Risiko schneller Rücksetzer. Wer breit über Aktienindizes investiert ist, spürt die Wirkung indirekt: Energiepreise schlagen auf die Inflation durch und beeinflussen damit die Erwartungen an die Notenbanken. Ein Blick auf die eigene Gewichtung im Energiesektor und auf die Abhängigkeit von Ölimporten kann helfen, das Klumpenrisiko einzuschätzen. Der Markt hat in den vergangenen Wochen gezeigt, wie schnell sich die Stimmung dreht – am 13. Oktober ging es abwärts, in der Woche darauf deutlich aufwärts.
