Ölpreise erholen sich trotz fragilem Waffenstillstand und Hormus-Risiken
Brent und WTI legen deutlich zu, während Versorgungsrisiken rund um die Straße von Hormus weiter hoch bleiben.

Die Ölpreise haben sich am Donnerstagmorgen spürbar erholt. Brent-Rohöl-Futures stiegen um 06:45 Uhr GMT um 2,18 US-Dollar oder 2,3 Prozent auf 96,93 Dollar pro Barrel. Die US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) legte sogar um 3,00 Dollar bzw. 3,18 Prozent auf 97,41 Dollar pro Barrel zu.
Beide Referenzsorten waren in der vorangegangenen Handelssitzung unter die psychologisch wichtige Marke von 100 Dollar pro Barrel gefallen. WTI verzeichnete dabei den stärksten Tagesrückgang seit April 2020 – ausgelöst durch anfänglichen Optimismus, dass ein Waffenstillstand zu einer Wiedereröffnung der Straße von Hormus führen könnte.
Straße von Hormus: Schlüsselrolle für die globale Energieversorgung
Die Straße von Hormus ist eine der bedeutendsten Wasserstraßen der Welt. Sie verbindet die Öllieferungen der Golfproduzenten – darunter Irak, Saudi-Arabien, Kuwait und Katar – mit den Weltmärkten und transportiert üblicherweise rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gasangebots. Eine anhaltende Blockade oder Einschränkung des Transits hätte damit unmittelbare Auswirkungen auf die globale Energieversorgung.
Analysten zufolge zögern die Marktteilnehmer jedoch, die geopolitische Risikoprämie vollständig aus den Preisen herauszunehmen. Unklar bleibt insbesondere, was laufende Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran für die Ölströme bedeuten würden. „Die Chancen auf eine baldige, bedeutsame Wiedereröffnung der Straße von Hormus erscheinen gering", sagte Vandana Hari, Gründerin des Analysehauses Vanda Insights. Sie prognostizierte eine anhaltende Volatilität der Ölpreise. „Der Terminmarkt wirkt etwas angeschlagen", so Hari weiter. „Andernfalls hätten die Preise inzwischen längst wieder das Niveau von vor dem Waffenstillstand erreichen müssen."
Waffenstillstand unter Druck – Reedereien warten auf Klarheit
Die Tragfähigkeit des Waffenstillstands wird zunehmend infrage gestellt. Israel setzte seine Angriffe auf den Libanon am Mittwoch fort, woraufhin der Iran erklärte, es sei „unangemessen", die Gespräche über ein dauerhaftes Friedensabkommen fortzuführen. Reedereien verlangten am Mittwoch mehr Klarheit über die Bedingungen des Waffenstillstands, bevor sie den Transit durch die Straße von Hormus wieder aufnehmen.
Der Iran hat zwar Karten veröffentlicht, um Schiffe um Minen in der Wasserstraße herumzuführen, und in Abstimmung mit den Revolutionsgarden sichere Durchfahrtswege ausgewiesen. Dennoch bleiben die praktischen Hürden erheblich. „Logistische Unterbrechungen, Sicherheitsbedenken, erhöhte Versicherungsprämien und betriebliche Einschränkungen bedeuten, dass in den nächsten zwei Wochen wahrscheinlich nur sehr wenig zusätzliches Öl über die Straße von Hormus geliefert wird", warnten Analysten von Standard Chartered in einer Mitteilung.
Regionale Ölanlagen weiterhin bedroht
Auch nach dem Waffenstillstand griff der Iran Standorte in Nachbarländern an. Betroffen war unter anderem eine Pipeline in Saudi-Arabien, die zur Umgehung der blockierten Straße von Hormus genutzt wird. Kuwait, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate meldeten ebenfalls Raketen- und Drohnenangriffe. Die Sicherheitslage für regionale Energieinfrastruktur bleibt damit angespannt.
Vor diesem Hintergrund hat Goldman Sachs seine Ölpreisprognosen nach unten korrigiert. Die US-Investmentbank senkte ihre Brent-Prognose für das zweite Quartal 2026 auf 90 Dollar pro Barrel und die WTI-Prognose auf 87 Dollar pro Barrel. Zuvor hatte Goldman Sachs für Brent einen Durchschnittspreis von 99 Dollar und für WTI von 91 Dollar pro Barrel erwartet. Die Revision spiegelt die Erwartung wider, dass sich die Lage am Golf zumindest teilweise entspannt – auch wenn die Risiken für die Versorgung vorerst bestehen bleiben.
