Ölmarkt unter extremem Stress: Was Dated Brent verrät
Eine beispiellose Preislücke zwischen physischem Rohöl und Futures-Kontrakten signalisiert anhaltende Anspannung am globalen Energiemarkt.

Der Preis für Dated Brent, die globale Benchmark für physische Rohölmengen, sendet alarmierende Signale. Energieanalysten warnen, dass die akute Anspannung am physischen Ölmarkt kaum Anzeichen einer Besserung zeigt – trotz eines fragilen Waffenstillstands im Nahen Osten. Im Zentrum der Verwerfungen steht die Straße von Hormus, durch die üblicherweise rund 20 Prozent des weltweiten Öls und Gases transportiert werden.
Der Spotpreis für Dated Brent lag am Donnerstagnachmittag laut Daten von Platts bei 131,97 US-Dollar pro Barrel. Das entspricht einem Anstieg von über 7 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Handelstag. Zum Vergleich: Am Dienstag hatte Dated Brent mit 144,42 Dollar pro Barrel ein Rekordhoch erreicht – unmittelbar bevor die USA und der Iran einen zweiwöchigen Waffenstillstand ankündigten.
Dated Brent bezieht sich auf physische Ladungen mit Lieferterminen zwischen zehn Tagen und einem Monat im Voraus. Es wird auf Grundlage von Geboten, Angeboten und Abschlüssen am offenen physischen Spotmarkt bewertet und spiegelt damit den tatsächlichen Preis für Rohöl wider. Brent-Rohöl-Futures für die Lieferung im Juni wurden dagegen am Freitagmorgen lediglich 0,6 Prozent höher bei 96,51 Dollar pro Barrel gehandelt.
Beispiellose Lücke zwischen Spot und Futures
Diese massive Preisdifferenz zwischen dem physischen Markt und den Finanz-Futures ist das eigentliche Alarmsignal. Strategen von Morgan Stanley erklärten, dass die Unterbrechung in der Straße von Hormus bei den physischen, an Brent gebundenen Mengen einen weitaus heftigeren Schock ausgelöst habe als beim wichtigsten Finanzkontrakt für Brent-Futures. Die Marktverwerfung zeige, dass das Brent-System identifiziere, wo der Schock am akutesten und unmittelbarsten sei.
Schifffahrts- und Maritimexperten erklärten gegenüber CNBC, dass sich der Verkehr durch die Straße von Hormus – den schmalen Seekorridor, der den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet – in absehbarer Zeit nicht normalisieren werde. Für deutsche Verbraucher und Unternehmen ist das von besonderer Bedeutung: Europa bezieht erhebliche Mengen an Rohöl aus der Golfregion, und anhaltende Lieferengpässe treiben die Energiekosten weiter in die Höhe.
Traditionelle Handelsmuster brechen zusammen
Pavel Molchanov, Senior Analyst bei Raymond James Investment, wies darauf hin, dass diese Phase der Versorgungsunterbrechung dazu geführt habe, dass traditionelle Handelsmuster zwischen verschiedenen Rohölsorten zusammengebrochen seien. Als Beispiel nannte er das Verhältnis zwischen Brent und der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI): In den vergangenen zehn Jahren wurde Brent üblicherweise 3 bis 5 Dollar pro Barrel höher gehandelt als WTI. Während der Krise im Nahen Osten erreichte WTI jedoch kurzzeitig einen Aufschlag von mehr als 10 Dollar gegenüber Brent – eine historische Ausnahme.
Noch drastischer ist die Entwicklung beim russischen Urals-Rohöl. Seit Russlands umfassender Invasion in der Ukraine Anfang 2022 wurde Urals stets mit deutlichen Abschlägen gegenüber Brent gehandelt. Nun erreichten die Urals-Preise laut Molchanov in den letzten Wochen ein Niveau von bis zu 30 Dollar über Brent – eine vollständige Umkehrung der bisherigen Marktlogik.
Besonders bemerkenswert ist zudem die Entscheidung Saudi-Arabiens: Das Königreich hob den Aufschlag für Arab Light Rohöl gegenüber der Benchmark Oman/Dubai auf 19,50 Dollar an. Molchanov betonte, dass dieser Aufschlag „noch nie zuvor" das Niveau von 10 Dollar überschritten habe. Auch dies unterstreicht, wie außergewöhnlich die aktuelle Lage am globalen Ölmarkt ist und wie stark die Lieferengpässe die Preisbildung verzerren.
