Offshore-Wind in der Flaute: China-Konkurrenz und 40 Milliarden Auftragslücke
Deutsche Offshore-Windbranche kämpft mit Auftragsmangel, hohen Kosten und zollfreier Konkurrenz aus China.

Die deutsche Offshore-Windenergie steckt in einer tiefen Krise. Seit zwei Jahren wurden in Nord- und Ostsee keine neuen Windpark-Projekte mehr auf den Weg gebracht. Der Branche fehlen Aufträge im Wert von rund 40 Milliarden Euro für die kommenden Jahre – eine Größenordnung, die die industrielle Basis der gesamten Wertschöpfungskette infrage stellt.
Besonders kritisch werden die Jahre 2027 und 2028. Für diesen Zeitraum fehlen nach Angaben aus der Branche bislang die nötigen Flächenausschreibungen. Ohne neue Projekte drohen Fertigungskapazitäten brachzufallen und Arbeitsplätze verloren zu gehen. Gleichzeitig belasten gestiegene Material-, Personal- und Finanzierungskosten die Unternehmen zusätzlich.
„Der Offshore-Windenergie-Branche geht es zurzeit sehr schlecht“, sagt Karina Würtz, Chefin der Stiftung Offshore-Windenergie. Damit bringt sie die Stimmungslage einer Branche auf den Punkt, die jahrelang zu den Wachstumsmotoren der Energiewende zählte.
Ein Rostocker Werk im Zentrum der Probleme
Ein Beispiel für die Schwierigkeiten ist das Unternehmen EEW Special Pipe Constructions in Rostock. Dort fertigt EEW Monopiles – gigantische Stahlfundamente, die bis zu 70 Meter lang und bis zu 2.000 Tonnen schwer sind und die Turbinen im Meeresboden verankern. „Nach vielen Jahren des erfolgreichen Agierens der gesamten Branche sehen wir jetzt, dass in den nächsten Jahren weniger Bedarf im Markt ist“, erklärt Geschäftsführer Robert Dreves.
Verschärft wird die Lage durch ungleiche Wettbewerbsbedingungen im internationalen Handel. Die EU erhebt zwar Zölle von mehr als 70 Prozent auf chinesischen Rohstahl. Fertige chinesische Monopiles dürfen jedoch zollfrei nach Europa importiert werden. EEW muss seinen Stahl dagegen in Europa zum doppelten Preis einkaufen. Dreves spricht von einer erheblichen Wettbewerbsverzerrung.
Diese Konstellation weckt unangenehme Erinnerungen. In der Branche wächst die Furcht vor einem Déjà-vu wie bei der deutschen Solarindustrie, die einst technologisch führend war und dann von chinesischer Konkurrenz verdrängt wurde. Verlieren die hiesigen Hersteller ihre Kapazitäten, könnten sie für künftige Projekte nicht mehr zur Verfügung stehen.
16 Gigawatt liegen brach
In der Nordsee liegen rund 16 Gigawatt Flächen brach – Kapazitäten, die für die Stromerzeugung genutzt werden könnten. Um den Stillstand zu beheben, sollen die Rückgaberegeln für ungenutzte Flächen verbessert werden. Die Bundesregierung plant dazu ein zweistufiges Verfahren im Windenergie-auf-See-Gesetz: zunächst eine Versteigerung der Flächen, danach eine Verhandlung über die Stromerlöse.
Branche und Wissenschaft halten diesen Weg für zu kompliziert und fordern ein einstufiges CfD-Modell. CfD steht für Contracts for Difference, also Differenzverträge. Dabei wird ein fester Preis für den Strom vereinbart. Liegt der Marktpreis darüber, fließt die Differenz an den Staat; liegt er darunter, erhalten die Betreiber einen Ausgleich. Würtz erklärt den Vorteil: „Der Betreiber hat damit eine fixe Kalkulationsgrundlage seiner Erlöse über 20 Jahre oder länger.“
Solche langfristigen Preisgarantien senken die Finanzierungskosten – den größten Kostenblock bei Offshore-Projekten. Großbritannien und Dänemark nutzen dieses Instrument bereits. Für Privatanleger ist die Entwicklung insofern relevant, als sie den Rahmen für künftige Investitionen in erneuerbare Energien und die daran gekoppelten Industrieunternehmen setzt.
Warum Offshore-Wind wichtig bleibt
Der Bau von Offshore-Windparks ist aufwendig und teuer. Vor der Errichtung müssen Meeresboden, Windverhältnisse und Umwelt untersucht werden. Es braucht gigantische Fundamente, Türme, Turbinen und Unterseekabel. Danach aber ist die Stromproduktion günstig: Die Erzeugungskosten liegen bei 6 bis 12 Cent pro Kilowattstunde. Nur Onshore-Wind und Solarstrom sind noch billiger.
Der Wind auf See weht zuverlässig und im Winter besonders kräftig. Würtz zufolge ist Offshore-Wind am ehesten grundlastfähig – kann also vergleichsweise stetig Strom liefern. Das ist umso bedeutender, als Wärmepumpen im Winter viel Strom benötigen und die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme den Strombedarf insgesamt steigen lässt. Heimischer Windstrom verringert zudem die Abhängigkeit von Energieimporten und stärkt die Widerstandsfähigkeit der europäischen Energieversorgung.
Entscheidend bleibt, dass neue Projekte zügig auf den Weg kommen. Nur so bleiben Fertigungskapazitäten wie die in Rostock ausgelastet und die industrielle Wertschöpfung in Deutschland erhalten. Ob dies gelingt, hängt maßgeblich von den kommenden Ausschreibungen und der Ausgestaltung der Förderinstrumente ab.
