Microsoft-Präsident: KI weniger reguliert als Milch und Waschmaschinen
Brad Smith fordert globale KI-Sicherheitsregeln – und stellt sich damit offen gegen Donald Trumps Kurs der Selbstregulierung.

Der Präsident von Microsoft, Brad Smith, hat mit einem provokanten Vergleich auf die fehlende Regulierung von Künstlicher Intelligenz aufmerksam gemacht. „Derzeit unterliegt Ihre Waschmaschine strengeren Sicherheitsvorschriften als KI. Jeder Karton Milch, den Sie im Supermarkt sehen, unterliegt Sicherheitsregeln und Inspektionen", sagte Smith in einem Interview mit der BBC-Reihe „Big Boss". Mit dieser Aussage positioniert er sich klar gegen US-Präsident Donald Trump, der auf Selbstregulierung der Branche setzt.
Smith bezeichnete KI als „Werkzeug als auch als Waffe" und forderte unmittelbares Handeln: „Lassen Sie uns heute damit beginnen." Der Microsoft-Präsident plädiert für verbindliche gesetzliche Rahmenbedingungen auf globaler Ebene – ein Standpunkt, der innerhalb der US-Tech-Branche zunehmend Gehör findet, politisch in Washington jedoch auf Widerstand stößt.
Die Details
Smith skizzierte in dem Interview konkrete Maßnahmen, die er für notwendig hält. Erstens fordert er eine gesetzliche Verpflichtung, betroffene Personen zu informieren, wenn ihr System durch einen sogenannten „abtrünnigen KI-Agenten" kompromittiert wird. Zweitens sollen Unternehmen verpflichtet werden, „Vorfallberichte" zu verfassen, wenn KI-Technologie außer Kontrolle gerät. Drittens spricht er sich für unabhängige staatliche Prüfer aus, die neue KI-Technologien vor ihrer Veröffentlichung begutachten sollen.
Ein weiteres zentrales Element seiner Forderungen sind sogenannte „Notbremsen" – in der Branche als „Kill Switches" bekannt. Diese sollen Unternehmen in die Lage versetzen, KI-Systeme anzuhalten oder zu verlangsamen, falls sie außer Kontrolle geraten. „Wir wissen, wie man das bei anderen Produkten macht", so Smith. „Wir sollten auf diesem Wissen aufbauen und darüber nachdenken, wie wir es auf KI anwenden können."
Als geeignetsten Akteur für die Entwicklung globaler KI-Regeln sieht Smith das Vereinigte Königreich. Er begründet dies mit dem dort ansässigen AI Security Institute, das unter dem ehemaligen Premierminister Rishi Sunak als AI Safety Institute gegründet wurde. Smith lobte die britische Expertise ausdrücklich: „In der Welt der Technologie, im Tech-Sektor, würden die meisten Leute, die ich kenne, auf die Frage nach dem Land mit der führenden technischen Kompetenz antworten: Es ist ganz einfach. Es ist das Vereinigte Königreich. Sie sind die Besten."
Zugleich deutete Smith an, dass Washington einer britisch geführten Regulierung offener gegenüberstehen könnte als einer europäischen. „In Washington D.C. blickt man nicht so auf das Vereinigte Königreich und London, wie man auf Brüssel blickt – das ist eine Stärke", sagte er. Diese geopolitische Einschätzung ist bemerkenswert, da sie einen möglichen Weg aufzeigt, wie globale KI-Standards trotz des amerikanischen Widerstands gegen Überregulierung entstehen könnten.
Ende letzten Monats empfing Trump die Chefs der US-Tech-Giganten OpenAI, Anthropic, Nvidia, SpaceX, Meta und Google im Weißen Haus. Die Führungskräfte unterzeichneten dort ein „moralisch bindendes" Dokument, in dem sie sich bereit erklärten, mit „unabhängigen Prüfern" zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, sicherzustellen, dass ihre KI-Systeme wie beabsichtigt funktionieren und nicht „auf unbeabsichtigte Weise in technische Systeme eindringen oder darauf zugreifen". Smith begrüßte diese Erklärung und erklärte, Microsoft sei „bereit, sie zu unterzeichnen" – hält sie aber für unzureichend: „Es ist ein guter Schritt, es ist ein notwendiger Schritt. Aber ich glaube nicht, dass er noch ausreicht."
Das grundlegende Problem der Selbstregulierung benennt Smith klar: „Die guten Unternehmen werden das tun, was man will. Es sind die Unternehmen, die weniger verantwortungsbewusst sind, um die man sich Sorgen machen muss."
Hintergrund: Was bisher geschah
Das Thema KI-Regulierung beschäftigt die Tech-Welt und die Politik seit Monaten. Bereits am 22. September 2026 berichtete aktien.news, dass US-Präsident Trump das Justizministerium als Sicherheitsnetz für KI-Risiken benannte, gleichzeitig aber die Gefahren der Technologie wiederholt als „Betrug" bezeichnete. Trump betonte stets den Wettbewerbsvorteil amerikanischer KI-Unternehmen gegenüber China.
Am 3. Juli 2026 hatte aktien.news bereits über Trumps Grundhaltung berichtet: „Man braucht gewisse Leitplanken, aber man möchte so wenig wie möglich tun", sagte der Präsident damals in einem CNBC-Interview. Dieser Kurs der minimalen Regulierung steht in direktem Widerspruch zu Smiths aktuellen Forderungen.
Auch innerhalb des Microsoft-Umfelds gibt es mahnende Stimmen. Am 26. September 2026 berichtete aktien.news über eine drastische Warnung von Microsoft-Mitgründer Bill Gates, der erklärte, KI sei „stark genug, um Ereignisse auszulösen, die zu einer Milliarde Todesfällen führen", falls sie in falsche Hände gerate. Gates forderte ebenfalls strengere staatliche Regulierungen.
Bereits am 19. Februar 2026 hatte Brad Smith selbst vor den massiven staatlichen Subventionen gewarnt, die chinesische KI-Konkurrenten von ihrer Regierung erhalten. Smith mahnte damals, die USA müssten die chinesische Entwicklung ernst nehmen – ein Argument, das Trump nutzt, um Regulierung abzulehnen, das Smith nun aber nicht als Grund gegen Sicherheitsregeln gelten lässt.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in Technologieunternehmen wie Microsoft investiert sind oder dies erwägen, ist die Debatte um KI-Regulierung von erheblicher Bedeutung. Verbindliche Sicherheitsregeln könnten die Entwicklungskosten für KI-Produkte erhöhen und Markteinführungen verzögern. Gleichzeitig würden klare Regeln Rechtssicherheit schaffen und das Vertrauen in KI-Anwendungen stärken – was langfristig die Marktdurchdringung begünstigen könnte.
Die Tatsache, dass ausgerechnet der Präsident eines der weltgrößten Technologieunternehmen strengere Regulierung fordert, signalisiert, dass die Branche selbst die Risiken unkontrollierter KI-Entwicklung ernst nimmt. Für Anleger ist dies ein Hinweis darauf, dass das Thema KI-Governance in den kommenden Jahren ein zentraler Faktor für die Bewertung von Tech-Unternehmen werden dürfte.
Ausblick
Smith hat klar formuliert, welche Rolle er sich für das Vereinigte Königreich und für Microsoft in der globalen KI-Regulierungsdebatte vorstellt. „Wenn man sich KI-Agenten ansieht, die der menschlichen Kontrolle entglitten sind, wenn man sich Modelle ansieht, die so mächtig sind, dass sie die Cybersicherheit der Welt gefährden, würde ich sagen: Der Moment ist gekommen", erklärte er. Er hofft, dass sowohl Microsoft als auch das Vereinigte Königreich als Land eine führende Rolle dabei spielen können, internationale Standards zu entwickeln und Akteure zusammenzubringen.
Die Chefs der in den USA ansässigen KI-Giganten Anthropic, OpenAI und Google DeepMind haben sich bereits für eine Verlangsamung der KI-Entwicklung ausgesprochen. Ob und wie sich diese Forderungen in konkrete gesetzliche Regelungen übersetzen lassen, bleibt angesichts des politischen Widerstands aus Washington offen.
Kurz erklärt
- KI-Agent: Ein autonomes Softwareprogramm, das auf Basis von Künstlicher Intelligenz selbstständig Aufgaben ausführt und Entscheidungen trifft.
- Kill Switch: Eine technische Notabschaltung, die es ermöglicht, ein KI-System sofort zu stoppen oder zu verlangsamen, wenn es außer Kontrolle gerät.
- AI Security Institute: Eine staatliche Einrichtung im Vereinigten Königreich, die sich mit der Sicherheitsbewertung von KI-Systemen befasst.
