KI-Start-ups kämpfen gegen den „stillen Killer" im Einzelhandel
Virtuelle Anproben per KI sollen explodierende Retourenquoten senken – und die Margen des Einzelhandels retten.

Retouren kosten den Einzelhandel Milliarden – und KI-Start-ups wollen das ändern. Modehändler weltweit setzen zunehmend auf künstliche Intelligenz, um das Problem steigender Rücksendequoten zu bekämpfen, das in der Branche als „stiller Killer" gilt. Eine neue Generation von Apps ermöglicht es Kunden, Kleidung virtuell anzuprobieren, bevor sie kaufen – und soll so die Wahrscheinlichkeit einer Rücksendung deutlich verringern.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des Problems: Die U.S. National Retail Federation (NRF) schätzte, dass im Jahr 2025 rund 15,8 Prozent des jährlichen Einzelhandelsumsatzes zurückgegeben wurden – das entspricht einem Gesamtwert von 849,9 Milliarden US-Dollar. Bei Online-Verkäufen lag die Retourenquote sogar bei 19,3 Prozent. Besonders die Generation Z treibt diesen Trend voran: Käufer im Alter von 18 bis 30 Jahren kamen laut NRF im vergangenen Jahr auf durchschnittlich fast acht Online-Retouren pro Person.
Die wirtschaftlichen Folgen sind gravierend. Die meisten zurückgegebenen Artikel schaffen es nie wieder zurück in die Regale. Die Bearbeitung einer Retoure kostet den Händler oft mehr als der Wert der Rückerstattung selbst – ein Multimilliarden-Dollar-Problem, das die Margen direkt schmälert.
Digitale Zwillinge und spiegelähnlicher Realismus
Im Zentrum der neuen Technologiewelle stehen sogenannte virtuelle Anprobetools. Ed Voyce, Gründer und CEO des KI-Start-ups Catches, erklärte gegenüber CNBC, dass die Unsicherheit über die Passform der Hauptgrund für Retouren und abgebrochene Warenkörbe sei. Catches hat eine Plattform entwickelt, die es Nutzern ermöglicht, einen „digitalen Zwilling" zu erstellen und Kleidung mit einem, wie das Unternehmen es nennt, „spiegelähnlichen Realismus" anzuprobieren. Im Gegensatz zu anderen Lösungen berücksichtigt die Catches-Plattform die Physik der Stofftextur und die Art, wie Material mit einem sich bewegenden Körper interagiert. Die Anwendung ging zuletzt auf der Website der Luxusmarke Amiri live.
Catches prognostiziert, dass seine App eine Steigerung der Konversionen um 10 Prozent und eine 20- bis 30-fache Investitionsrendite für Markenpartner bewirken kann. Das Unternehmen konzentriert sich aufgrund des höheren Preisniveaus auf Luxusmarken und strebt „massive Reduzierungen" bei den Retouren an – konkrete Zahlen dazu hat das Start-up bislang jedoch nicht genannt.
Obwohl die Passform-Technologie niemals so gut sein werde wie eine persönliche Anprobe, sei sie ein hervorragendes Mittel, um diese Lücke zu schließen, so die Einschätzung aus der Branche. „Sie wird immer besser werden, und ich denke, das wird die Retouren weiter reduzieren", hieß es.
Große Namen setzen auf virtuelle Anprobe
Auch etablierte Einzelhändler und Technologiegiganten haben das Thema längst für sich entdeckt. Zara, eine Tochtergesellschaft von Inditex, gehörte zu den ersten Unternehmen, die Gebühren für Online-Retouren einführten – eine umstrittene, aber wirksame Maßnahme zum Schutz der Bruttomarge. Im Dezember führte der spanische Modehändler zusätzlich ein virtuelles Anprobetool namens „Zara try-on" ein.
Der Online-Fast-Fashion-Anbieter ASOS hob kürzlich eine deutliche Verbesserung der Rentabilität hervor, die teilweise durch eine Senkung der Retourenquote um 160 Basispunkte getrieben wurde. ASOS experimentiert in Zusammenarbeit mit dem Deep-Tech-Start-up AIUTA mit virtuellen Anproben, die es Kunden ermöglichen, ein Kleidungsstück an verschiedenen Körpertypen, Körpergrößen und Hauttönen zu sehen. Das Unternehmen weist jedoch darauf hin, dass das Tool als allgemeine Orientierungshilfe gedacht ist und Kunden weiterhin die Größentabellen prüfen sollten.
Shopify hat die KI-App für virtuelle Anproben des Start-ups Genlook in seine Handelsplattform integriert. Laut Shopify „räumt dies Zweifel an der Größe aus, stärkt das Vertrauen der Käufer und führt zu höheren Konversionsraten, während gleichzeitig kostspielige Retouren reduziert werden." Technologiegiganten wie Amazon, Adobe und Google haben ebenfalls virtuelle Anproben in verschiedenen Formen entwickelt. Seit dem 30. April ist Googles virtuelle Anprobe-Technologie direkt in den Produktsuchergebnissen auf allen Google-Plattformen verfügbar.
Technologie allein reicht nicht aus
Während der E-Commerce in den letzten Jahren rasant gewachsen ist, steht der Sektor aktuell unter zusätzlichem Druck. Die US-Handelspolitik unter Präsident Donald Trump belastet Einzelhändler, die stark von der Fertigung in Südostasien abhängen. Gleichzeitig reagieren Verbraucher angesichts des Inflationsdrucks zunehmend preisbewusst – was die Margen weiter unter Druck setzt.
Daten der NRF zeigen, dass 82 Prozent der Konsumenten kostenlose Rücksendungen für unverzichtbar halten. Die Kosten für deren Bereitstellung werden für viele Marken jedoch untragbar. Einzelhändler testen daher eine Mischung aus Technologie und Richtlinien: von Rücksendegebühren über detailliertere Größeninformationen bis hin zu Anreizen für Umtausch statt Rückerstattung.
Analysten mahnen dennoch zur Vorsicht: KI sei kein Zauberstab. Über die Passform hinaus prüfen Einzelhändler den Einsatz von KI auch für die Bestandsverwaltung, die gezielte Kundenansprache und die Betrugsprävention. Technologieunternehmen versuchen bereits seit den 2010er-Jahren, Passformprobleme im Online-Handel zu lösen – erst die rasante Entwicklung der generativen KI hat diese Anwendungen nun so weit verbessert, dass sie das Unternehmensergebnis der Einzelhändler maßgeblich beeinflussen können.
