Gen Z setzt beim Dating auf Magie, Tarot und Manifestation
64 Prozent der Generation Z vertrauen bei der Partnersuche auf mystische Methoden – von Astrologie bis Liebeszauber.

Manifestation, Tarotkarten, Wahrsager, Liebeszauber – was früher als esoterische Randerscheinung galt, ist für viele junge Menschen heute fester Bestandteil der Partnersuche. Laut einer neuen Umfrage von DatingNews unter 1.013 Amerikanern im Alter von 18 bis 60 Jahren haben 64 Prozent der Generation Z mindestens eine dieser mystischen Methoden ausprobiert. Die Fehlermarge der Umfrage liegt bei ±3,1 Prozentpunkten bei einem Konfidenzniveau von 95 Prozent.
Der Generationenunterschied ist dabei frappierend: Während 51 Prozent der Millennials ebenfalls auf übernatürliche Liebestaktiken zurückgegriffen haben, sind es bei der Generation X nur 25 Prozent und bei den Babyboomern lediglich 12 Prozent. Das Phänomen ist also klar generationsspezifisch – und es wächst.
Amy Chan, Beziehungscoach und Autorin des Buches „Unsingle: How to Date Smarter and Create Love That Lasts", beobachtet diesen Trend unmittelbar in ihrer Arbeit. „Besonders das Thema Astrologie", sagt sie. „Ich kann den Gesprächen über Astrologie und den rückläufigen Merkur nicht entkommen." Auch die in New York ansässige Psychologin Sabrina Romanoff hat die Veränderung bei ihren Klienten registriert: „In der Vergangenheit habe ich erlebt, dass Leute es als Scherz erwähnten", sagt sie. Heute machen sie es sich zu eigen.
Die Details
Die Bandbreite der eingesetzten Methoden ist groß: Manifestation, Astrologie, Tarotkarten, Wahrsager und Liebeszauber zählen zu den gängigsten Praktiken. Die Kosten variieren erheblich. Eine Tarot-Sitzung kann laut der Plattform Thumbtack bis zu 162 US-Dollar kosten. Liebeszauber sind auf dem Online-Marktplatz Etsy bereits ab 2 US-Dollar erhältlich – die Einstiegshürde ist also denkbar niedrig.
Beide Expertinnen sehen den Hauptgrund für den Trend in einem Gefühl der Ohnmacht. „Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben – und derzeit ist Dating ein einziges Desaster –, werden sie anfälliger für magisches Denken", erklärt Chan. Das Mystische vermittle den Betroffenen das Gefühl, die Zügel in der Hand zu halten, und gebe ihnen Hoffnung.
Romanoff ergänzt eine weitere Dimension: „Es herrscht einfach so viel Unsicherheit – nicht nur in der Liebe, sondern jede einzelne Erwartung, die viele aus der Gen Z an ihre Zukunft hatten, ist gewissermaßen zerbröckelt." Diese allgemeine Lebensverunsicherung mache junge Menschen möglicherweise empfänglicher für das Mystische als jede andere Altersgruppe. Hinzu kommt die digitale Sozialisation: „Sie sind auf TikTok, sie sind auf Instagram, und ihnen werden Inhalte über diese Aktivitäten ausgespielt", sagt Chan. Die algorithmische Verstärkung sorgt dafür, dass Astrologie- und Manifestationsinhalte in den sozialen Medien omnipräsent sind.
Hintergrund: Was bisher geschah
Das Phänomen steht nicht isoliert, sondern reiht sich in eine breitere Krise des modernen Datings ein. Bereits am 11. Juli 2026 berichtete aktien.news, dass laut einer Umfrage von Forbes Health aus dem Jahr 2025 rund 78 Prozent der Befragten sich zumindest zeitweise emotional, geistig oder körperlich von Dating-Apps erschöpft fühlen. Beziehungscoach Amy Chan sprach damals von einer weit verbreiteten „App-Müdigkeit" – endloses Swipen und ausbleibende echte Verbindungen zermürben die Nutzer.
Am 25. April 2026 hatte aktien.news zudem berichtet, dass Dating für junge Amerikaner auch finanziell zur Belastung wird: Laut dem „2026 BMO Real Financial Progress Index" gab die Hälfte der befragten alleinstehenden Amerikaner an, aufgrund steigender Kosten weniger Dates wahrzunehmen. Besonders betroffen: 48 Prozent der Generation Z und 40 Prozent der Millennials gaben an, dass hohe Dating-Kosten ihrer Erreichung finanzieller Ziele im Weg stehen.
Bereits am 1. Mai 2026 hatte aktien.news berichtet, dass 84 Prozent der Befragten einer Hinge-Umfrage unter mehr als 30.000 Nutzern angaben, neue Wege finden zu wollen, um tiefere Verbindungen zu ihren Dating-Partnern aufzubauen. Authentizität steht für die Gen Z beim Dating klar im Vordergrund – das mystische Denken könnte als Versuch gelesen werden, genau diese tiefere Verbindung herzustellen, wenn konventionelle Wege versagen.
Was das für Anleger bedeutet
Für Anleger, die in Plattformen wie Etsy oder in den Bereich digitaler Lifestyle-Inhalte investiert sind, liefert der Trend interessante Hinweise auf das Konsumverhalten der Generation Z. Die Tatsache, dass Liebeszauber auf Etsy bereits ab 2 US-Dollar angeboten werden und Tarot-Sitzungen bis zu 162 US-Dollar kosten können, zeigt eine breite Preisspanne, die unterschiedliche Käuferschichten anspricht. Der Markt für esoterische Dienstleistungen und Produkte bedient offenbar eine wachsende Nachfrage – insbesondere unter jungen Konsumenten, die trotz finanzieller Engpässe bereit sind, für emotionale Orientierung zu zahlen.
Plattformen, die nutzergenerierte Inhalte oder Dienstleistungen rund um Wellness, Spiritualität und persönliche Entwicklung hosten, könnten von diesem Trend profitieren. Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass das Vertrauen in klassische Dating-Apps schwindet – ein Signal, das für Investoren in diesem Segment relevant sein dürfte.
Ausblick
Weder Chan noch Romanoff sehen mystische Liebestaktiken grundsätzlich als schädlich an. Entscheidend sei der richtige Umgang damit. Wer „das Universum, Magie oder das Schicksal nutzt, um sich der eigenen Verantwortung und Rechenschaftspflicht zu entziehen" und sonst nichts unternimmt, bringe sein Liebesleben nicht voran, warnt Chan. Das sei keine produktive Herangehensweise.
Wenn jedoch ein Liebeszauber oder eine Tarot-Sitzung dazu führe, dass jemand sich selbstbewusster und hoffnungsvoller fühle, und diese veränderte Einstellung genutzt werde, um sich für einen Kurs anzumelden oder ein Gespräch mit einem Fremden zu beginnen, dann seien diese Aktivitäten hilfreich, so Romanoff. Die Praxis werde so zu einem „Sprungbrett, um tatsächlich das zu bekommen, was man will." Ob der Trend anhält, dürfte maßgeblich davon abhängen, ob sich die allgemeine Unsicherheit – wirtschaftlich wie gesellschaftlich – für die Generation Z verringert.
Kurz erklärt
- Manifestation: Eine Praxis, bei der durch gezieltes positives Denken und Visualisierung bestimmte Lebensziele oder Ereignisse herbeigeführt werden sollen.
- Magisches Denken: Ein psychologisches Konzept, das beschreibt, wie Menschen Zusammenhänge zwischen Handlungen und Ereignissen herstellen, die rational nicht belegt sind.
- Konfidenzniveau: Ein statistischer Begriff, der angibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit das wahre Ergebnis einer Umfrage innerhalb der angegebenen Fehlermarge liegt.
