Frankreich und Deutschland wollen Großbritannien in Made in Europe aufnehmen
Paris und Berlin verlangen im Gegenzug, dass London seine Zölle auf chinesische Elektroautos an das EU-Niveau angleicht.

Frankreich und Deutschland sind bereit, den britischen Automobilsektor in das öffentliche Beschaffungssystem der EU „Made in Europe" aufzunehmen. Das geht aus einem Entwurf der Vereinbarung hervor, der der Financial Times vorliegt. Damit würde eine langjährige Forderung der britischen Regierung erfüllt.
Die Zustimmung ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: London müsste seine Zölle auf China an die des EU-Blocks angleichen. Das Abkommen würde festlegen, dass die Regeln für „Made in Europe", die den Zugang zu Subventionen und öffentlichen Aufträgen auf europäische Unternehmen beschränken sollen, auch Automobilhersteller in den 27 EU-Mitgliedstaaten und im Vereinigten Königreich umfassen.
Konkret sollen „andere europäische Partner, die am 1. Januar 2020 Teil des EU-Binnenmarktes waren", einbezogen werden. Das Vereinigte Königreich müsste sich allerdings mit „EU-Handelschutzmaßnahmen" wie Zöllen auf chinesische Elektrofahrzeuge angleichen, um von diesem Status zu profitieren. Für die britische Regierung wäre das schwer akzeptabel.
Die Details
Andere Handelspartner, die die Aufnahme ihrer Automobilhersteller gefordert hatten, würden nicht einbezogen. Dazu zählen Japan, Südkorea und die Türkei. Das noch nicht endgültige Abkommen würde zudem einer deutschen Forderung entsprechen, den Ausstieg aus dem Verkauf von Verbrennungsmotoren in der EU bis 2035 zu lockern. Es enthält eine Reihe weiterer Vorschläge, die die Klimaziele des Blocks schwächen würden.
Frankreich und Deutschland verhandeln seit dem Sommer über Automobilrichtlinien. Die Maßnahmen sollen Regeln für den Ausstieg aus Verbrennungsmotoren festlegen sowie neue europäische Präferenzregeln für Autos und Autoteile, einschließlich Batterien, einführen.
Das Vereinigte Königreich hat sich bisher geweigert, ähnliche strenge Maßnahmen gegenüber chinesischen Importen wie die EU durchzuführen, und verzeichnet einen deutlich größeren Anteil chinesischer Fahrzeuge in seinem Fahrzeugmix. London müsste außerdem strengere Bedingungen für ausländische Direktinvestitionen im Vereinigten Königreich festlegen.
Die strikte Vision der EU27 wurde von Frankreich als Mittel zur Wiederbelebung der angeschlagenen europäischen Autoindustrie vorangetrieben. Deutschland hatte dagegen versucht, das Vereinigte Königreich und andere Handelspartner in das Abkommen einzubeziehen. Der Kompromissvorschlag stellt das Vereinigte Königreich vor ein Dilemma: Er bietet den Marktzugang, den der britische Premierminister Andy Burnham gefordert hat, aber zum Preis der Angleichung an die EU-Handelsmaßnahmen.
Beim Zollniveau liegen die Partner weit auseinander. Das Vereinigte Königreich erhebt derzeit nur einen Standard-Zollsatz von 10 Prozent auf chinesische Elektroautos. Die EU hat seit 2024 ihren maximalen Satz von 45 Prozent erhoben, während die USA einen Zoll von 100 Prozent verhängt haben.
Der britische Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds hat die Idee höherer britischer Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge „in Überprüfung" gestellt. Er ist jedoch vorsichtig bezüglich Maßnahmen, die reziproke Zölle auf britische Automobilhersteller zur Folge haben könnten, die nach China exportieren, insbesondere Jaguar Land Rover.
Ein Beamter der britischen Regierung sagte: „Dies ist ein französisch-deutscher Vorschlag, und es gibt noch einen europäischen Prozess zu durchlaufen, aber wenn bestätigt, begrüßen wir das Ziel, das Vereinigte Königreich in Made in Europe einzuschließen." Er fügte hinzu, dass „dies gute Nachrichten für die britische Automobilindustrie und die Arbeitsplätze und Investitionen sein würde, die sie im gesamten Vereinigten Königreich unterstützt".
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 16.09.2026 berichtete aktien.news, dass das Vereinigte Königreich, Japan und die Türkei Abkommen mit der Europäischen Union anstreben, um ihre Automobilsektoren in die neuen „Made-in-Europe"-Regeln aufzunehmen. Hintergrund waren wachsende Befürchtungen, dass die neue Industriepolitik des Blocks Arbeitsplätze und Produktion in diesen Ländern schädigen könnte.
Am 24.09.2026 berichtete aktien.news über hitzige Diskussionen der EU-Industrieminister in Brüssel über den Industrial Accelerator Act (IAA). Im Zentrum stand die Frage, was „Made in Europe" künftig wirklich bedeuten soll — Frankreich und Deutschland vertraten dabei gegensätzliche Positionen.
Am 25.09.2026 meldete aktien.news, dass Brüssel den britischen Premierminister Andy Burnham gewarnt habe, Großbritannien müsse Zölle auf chinesische Autos anheben und sich der EU-Handelspolitik enger angleichen. Andernfalls drohten „Made-in-Europe"-Hürden, die wichtige britische Exporte treffen würden. Die EU teilte London mit, dass ihre beste Lösung der Beitritt zur Zollunion der Union wäre.
Am 28.09.2026 berichtete aktien.news, die EU fürchte, dass Großbritannien zur Hintertür für chinesische Elektrofahrzeuge auf den europäischen Markt wird. Das Vereinigte Königreich sei laut FT verzweifelt darauf bedacht, innerhalb des „Made in Europe"-Verfahrens für öffentliche Aufträge und Subventionszuteilung aufgenommen zu werden.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist der Entwurf vor allem für die Automobilbranche relevant. Die Automobilindustrie des Vereinigten Königreichs und der EU argumentierte, dass der Ausschluss Großbritanniens vom Made-in-Europe-Programm für beide Seiten schädlich wäre — aufgrund der hochintegrierten Lieferketten. Britische Automobilhersteller könnten von einer Aufnahme profitieren, da sie unter Druck durch chinesische Konkurrenz sowie höhere US-Zölle stehen, die zu großen Kürzungen geführt haben.
Die Branche bleibt jedoch vorsichtig hinsichtlich der britischen Zölle auf chinesische E-Autos und potenzieller Vergeltungsmaßnahmen Pekings. Die Regierung ist zugleich bestrebt, Investitionen chinesischer Automobilhersteller in Fabriken in Großbritannien anzuziehen.
Zulasten der deutschen Autoindustrie wässert der Entwurf des Abkommens die Anforderungen an Automobilhersteller weiter aus, ihre Emissionen zu reduzieren. Die Europäische Kommission hat ein Ziel für 2035 vorgeschlagen, die CO₂-Emissionen von Autos um 90 Prozent gegenüber dem Niveau von 2021 zu senken, anstatt der zuvor vereinbarten 100 Prozent. Die verbleibenden 10 Prozent sollten durch die Verwendung von in der EU hergestelltem kohlenstoffarmem Stahl oder nachhaltigen Kraftstoffen ausgeglichen werden. Der Vorschlag würde stattdessen diese „Kompensation" entfernen, was bedeuten würde, dass Hersteller diese Emissionen nicht „ausgleichen" müssten.
Weitere politische Maßnahmen im Abkommen umfassen weniger strenge Emissionsvorschriften für Plug-in-Hybridfahrzeuge und ein günstigeres Regime für erneuerbare Kraftstoffe sowie flexiblere Anforderungen an die Elektrifizierung von Unternehmensflotten. All dies sind Forderungen Deutschlands und der Automobilindustrie.
Ausblick
Mehrere Personen, die mit den Diskussionen vertraut sind, sagten, dass ein Abkommen nahe sei. Die Verhandlungen laufen jedoch noch, und das Abkommen könnte Änderungen unterliegen, insbesondere in Bezug auf die Vorschriften für die CO₂-Emissionen von 2030. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte am Montag, ein Abkommen sei „imminent".
Jedes Abkommen müsste vor Inkrafttreten mit anderen EU-Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament vereinbart werden. Der Élysée-Palast antwortete nicht umgehend auf eine Anfrage zur Kommentierung. Ein deutscher Regierungsbeamter sagte, „die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen".
Kurz erklärt
- Made in Europe: Regelwerk, das öffentliche Aufträge und Subventionen auf Fertigung innerhalb Europas konzentrieren soll.
- Handelschutzmaßnahmen: Staatliche Instrumente wie Zölle, mit denen heimische Branchen vor Importen geschützt werden.
- Reziproke Zölle: Gegenmaßnahmen eines Handelspartners, die auf die Exporte des anderen Landes erhoben werden.
