Europa verliert Wettlauf um Gallium – FTSE-100-Chef schlägt Alarm
Europäische Unternehmen zahlen lieber günstig aus China statt heimische Produktion zu unterstützen.

Europa droht im Wettlauf um das Hochtechnologie-Metall Gallium den Anschluss zu verlieren. Davor warnt Evangelos Mytilineos, Vorsitzender des im griechischen FTSE-100-Konzern Metlen. Obwohl das Unternehmen ab nächstem Jahr genug Gallium produzieren wird, um den gesamten europäischen Bedarf zu decken, fehlt es an Abnehmern aus der EU.
Der Grund: Europäische Unternehmen sind nicht bereit, den höheren Preis für das in Europa produzierte Gallium zu zahlen. Stattdessen kaufen sie weiterhin günstiger aus China ein. „Wenn wir keine gut strukturierte europäische Nachfrage auf dem Tisch haben, wird das Metall außerhalb Europas an Käufer in den USA und Japan verkauft“, warnte Mytilineos.
Gallium – ein strategischer Rohstoff für Hochtechnologie
Gallium ist ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Hochtechnologie. Es wird in militärischen Systemen wie Radaranlagen, Lenksätzen für Raketen, Satelliten und Funksystemen eingesetzt. Zudem findet es Verwendung bei der Herstellung von Halbleitern, die dem KI-Boom zugrunde liegen. Die strategische Bedeutung des Metalls ist damit enorm.
Bereits heute zeigt sich, dass die Nachfrage außerhalb Europas deutlich größer ist. Ein Viertel der 50 Tonnen Gallium, die Metlen jährlich zu produzieren plant, wurde bereits an ein nicht näher genanntes US-Technologieunternehmen verkauft. Zwei weitere potenzielle Geschäfte außerhalb Europas stehen in der Pipeline. Dabei würden diese 50 Tonnen laut Metlen ausreichen, um den gesamten jährlichen Galliumbedarf Europas zu decken.
Europa hinkt hinterher
Die Warnung von Metlen ist nur ein Beispiel für ein grundsätzliches Problem. Europäische Beamte, Führungskräfte und Analysten warnen seit längerem, dass die EU im Wettlauf um eine breite Palette kritischer Mineralien den Anschluss verliert – von Seltenerdmetallen für Hochleistungsmagnete bis hin zum Batteriemetall Lithium.
Henry Sanderson von der Preisberichterstattungsagentur Fastmarkets betont den Unterschied zu den USA: „Große Summen werden in den USA investiert, um mit dem Marktführer China aufzuholen. In Europa ist das nicht der Fall. Die Frage in Europa war immer: Wo ist das Geld?“
Jack Bedder, Gründer der Mineralienforschungsgruppe Project Blue, ergänzt, dass Japan seit Jahren in seine Lieferketten für kritische Materialien investiere. Die jüngsten Marktinterventionen der USA gehörten „zu den größten in den Rohstoffmärkten seit einer Generation“. Die US-Regierung hat Milliardenbeträge an Finanzmitteln für kritische Mineralien zugesagt, wobei einige Deals Washington Beteiligungseigentumsanteile an Bergbauunternehmen einräumten.
Chinas Dominanz und die Folgen
Peking wird beschuldigt, seine Kontrolle über die Branche durch Zugangsbeschränkungen zu weaponisieren – als Teil eines umfassenderen Handelskriegs mit den USA. Dieser Schritt hat die Preise in die Höhe getrieben und die Angebote eingedämmt. Zwar fließt noch etwas Metall, doch Käufer benötigen Lizenzen, um bestimmte Materialien wie Gallium zu erhalten.
Als Reaktion darauf bringen eine Handvoll nicht-chinesischer Unternehmen neue Galliumquellen online, darunter Alcoa, der Rivale von Metlen, dessen Projekt in Australien von mehreren westlichen Regierungen unterstützt wird.
Metlen zeigt sich wettbewerbsfähig
Mytilineos zeigte sich verwundert über die Abwesenheit europäischer Käufer, zumal die EU „uns sehr stark dränge, etwas Material nach Europa zu verkaufen“. Die Produktionskosten von Metlen liegen unter 300 Dollar pro Kilogramm, verglichen mit einem aktuellen europäischen Marktpreis von über 3.000 Dollar pro Kilogramm.
Nicht-chinesische Produzenten beklagen seit Jahren, dass sie nicht mit den günstiger produzierten Metallen aus China konkurrieren können. Die Angst, dass China den Markt mit billigem Gallium überschwemmen und den Preis drücken könnte, hat viele Unternehmen von Investitionen in neue Versorgungsquellen abgehalten.
Doch Mytilineos gibt sich kämpferisch: Sein Unternehmen arbeite „Tag und Nacht“, um die Produktionskosten auf 100 Dollar pro Kilogramm zu senken. „Wir haben keine Angst vor den Chinesen – lassen Sie sie den Markt überschwemmen. Das wird alle töten, nicht uns.“
