EU-Gaspreise: Warum der Markt trotz LNG-Störungen stabil bleibt
Trotz massiver LNG-Ausfälle aus dem Nahen Osten blieben europäische Gaspreise bisher überraschend stabil – doch der Winter naht.

Die europäischen Erdgaspreise haben sich angesichts erheblicher Störungen bei den Flüssigerdgas-Exporten (LNG) aus dem Nahen Osten bislang bemerkenswert stabil gehalten. Analysten der UBS erklären dieses Phänomen mit einem Zusammenspiel aus zusätzlichem Angebot anderer Produzenten und einer schwächeren Nachfrage in Europa und Asien. In einem Bericht vom 5. Oktober warnte die Schweizer Großbank jedoch, dass diese Ausgleichseffekte mit Beginn der Heizsaison an ihre Grenzen stoßen könnten.
Das Kernproblem ist bekannt: Der Iran-Krieg hat die LNG-Lieferketten aus dem Nahen Osten empfindlich getroffen. Zwischen März und September schrumpfte das LNG-Angebot aus der Region um etwa 60 Milliarden Kubikmeter (bcm). Dass die Preise dennoch nicht stärker reagiert haben, liegt an einem Bündel von Faktoren, die bislang als Puffer wirkten – aber zunehmend unter Druck geraten.
Die Details
Die UBS schlüsselt die Angebots- und Nachfrageverschiebungen präzise auf. Auf der Angebotsseite konnte die zusätzliche LNG-Produktion außerhalb des Nahen Ostens fast 40 bcm beisteuern, davon allein 17 bcm aus den Vereinigten Staaten. Das deckt jedoch nur einen Teil der ausgefallenen Mengen ab – eine Lücke von rund 20 bcm bleibt bestehen.
Auf der Nachfrageseite federten zwei Entwicklungen den Preisdruck ab: Die asiatischen LNG-Importe sanken im Berichtszeitraum im Jahresvergleich um rund 9 bcm, die europäischen Importe gingen um etwa 10 bcm zurück. Beides zusammen begrenzte den unmittelbaren Aufwärtsdruck auf die Preise erheblich.
Die europäischen Gasspeicher befinden sich dennoch in einer angespannten Lage. Sie liegen rund 15 Prozent unter dem saisonalen Durchschnitt. Die UBS erwartet, dass die Speicher mit einer Kapazität von 74 Prozent in den Winter gehen und bis zum Frühjahr auf etwa 25 Prozent sinken werden. Für den Winter schätzt die Bank, dass Europa etwa 27 bcm mehr LNG benötigen könnte als in den Sommermonaten dieses Jahres. Hinzu kommt eine potenziell steigende asiatische Nachfrage von weiteren 2 bcm auf über 20 bcm.
Vor diesem Hintergrund hat die UBS ihre Preisprognose für den niederländischen TTF-Gaspreis im vierten Quartal von zuvor 62 Euro auf 75 Euro pro Megawattstunde angehoben. Auch die Langfristprognose für 2027 wurde von 40 Euro auf 45 Euro pro Megawattstunde nach oben korrigiert – ein Zeichen dafür, dass die Bank mit einer langsamen Erholung der katarischen LNG-Exporte und anhaltenden Bemühungen Europas rechnet, russisches Gas schrittweise zu ersetzen.
Die Bandbreite möglicher Szenarien ist dabei erheblich. Im ungünstigsten Fall – länger anhaltende Störungen kombiniert mit kälterem Wetter – sieht die UBS den TTF-Preis im vierten Quartal bei durchschnittlich 90 Euro pro Megawattstunde, mit potenziellen Spitzenwerten nahe 120 Euro pro Megawattstunde. Im günstigsten Szenario – schnellere Erholung der katarischen Lieferungen und mildere Temperaturen – könnten die Preise im vierten Quartal in Richtung 50 Euro pro Megawattstunde fallen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuellen UBS-Einschätzungen fügen sich in eine Serie von Marktbewegungen ein, die aktien.news seit dem Sommer begleitet hat. Bereits am 16. Juli 2026 berichtete aktien.news, dass der TTF-Frontmonatskontrakt bei 54,92 Euro pro Megawattstunde notierte – dem höchsten Stand seit 15 Wochen. Haupttreiber war damals die militärische Eskalation im Nahen Osten, die viele Marktteilnehmer nach einer längeren Ruhephase unvorbereitet traf.
Am 6. August 2026 meldete aktien.news einen weiteren Preisanstieg: Der TTF-Future legte um 2,2 Prozent auf rund 54,50 Euro pro Megawattstunde zu, nachdem grundlegende Versorgungsengpässe gegenüber vorsichtigen diplomatischen Signalen aus dem Nahen Osten wieder die Oberhand gewannen. Berichte über ein mögliches Interimsabkommen mit dem Iran hatten kurzzeitig für Entspannung gesorgt, ohne jedoch nachhaltige Wirkung zu entfalten.
Nur vier Tage später, am 10. August 2026, stiegen die niederländischen Frontmonats-Futures erneut – diesmal um 2,9 Prozent auf rund 56,90 Euro pro Megawattstunde. Auslöser war die anhaltende Unsicherheit rund um die Transitbedingungen in der Straße von Hormus. Auch britische Großhandelskontrakte zogen um 2,6 Prozent auf 139,50 Pence pro Therm an.
Am 14. September 2026 schließlich berichtete aktien.news, dass die internationalen Erdgaspreise nahe dem ölpreisäquivalent von 150 Dollar pro Barrel notierten. Analysten warnten vor einem harten Winter, auch wenn eine Wiederholung der Rekordniveaus von 2022 als unwahrscheinlich galt. Als strukturelles Problem wurden die anhaltend niedrigen Füllstände der europäischen Gasspeicher identifiziert.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Situation am Gasmarkt aus mehreren Gründen relevant. Direkt betroffen sind Energieversorger, Industrieunternehmen mit hohem Gasverbrauch sowie Haushalte, die mit steigenden Heizkosten im Winter rechnen müssen. Indirekt wirken Gaspreise auf die Inflationsentwicklung und damit auf die Kaufkraft.
Die UBS-Analyse zeigt, dass der Markt derzeit in einem fragilen Gleichgewicht operiert. Die bisherige Preisstabilität täuscht über die strukturellen Risiken hinweg: Die Speicherstände sind unterdurchschnittlich, die Nachfrage wird im Winter steigen, und das Ersatzangebot aus anderen Regionen kann die Ausfälle aus dem Nahen Osten nur teilweise kompensieren. Anleger, die in energieintensive Sektoren oder in Energieunternehmen investiert sind, sollten die Entwicklung der Wintertemperaturen und den Fortschritt der katarischen LNG-Exporte genau verfolgen.
Die UBS betont zudem, dass sich das LNG-Angebot aufgrund von Transport-, Infrastruktur- und vertraglichen Beschränkungen langsamer erholen wird als das Ölangebot. Das bedeutet: Selbst wenn sich die geopolitische Lage im Nahen Osten entspannt, ist eine schnelle Normalisierung der Gasversorgung nicht zu erwarten.
Ausblick
Die UBS macht zwei Faktoren für die weitere Preisentwicklung verantwortlich: die Wintertemperaturen und das Tempo der Erholung der katarischen LNG-Exporte. Beide Variablen sind derzeit mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Die Bank erwartet, dass Europa im Winter rund 27 bcm mehr LNG benötigen wird als im Sommer dieses Jahres – eine Menge, die der Markt erst noch bereitstellen muss.
Die angehobene Langfristprognose für 2027 von 45 Euro pro Megawattstunde spiegelt die Erwartung wider, dass die Erholung der katarischen Lieferungen langsam vonstatten gehen wird und Europa weiterhin aktiv daran arbeiten muss, russisches Gas durch alternative Quellen zu ersetzen. Ob die verhaltene Preisreaktion der vergangenen Monate anhält, wird sich spätestens in den kommenden Winterwochen zeigen.
Kurz erklärt
- LNG (Flüssigerdgas): Erdgas, das durch Abkühlung auf sehr niedrige Temperaturen verflüssigt wird, um es per Schiff transportieren zu können.
- TTF (Title Transfer Facility): Der wichtigste europäische Handelsplatz für Erdgas, dessen Preise als Benchmark für den gesamten europäischen Gasmarkt gelten.
- bcm (Milliarden Kubikmeter): Standardmaßeinheit für große Erdgasmengen im internationalen Energiehandel.
