Energieaktien trotz Ölkrise und Krieg historisch günstig bewertet
Trotz steigender Ölpreise und geopolitischer Spannungen handeln US-Energieaktien mit einem Rekordabschlag gegenüber dem Gesamtmarkt.

Die Welt befindet sich mitten in einer historischen Ölkrise – und dennoch gehören US-Energieaktien aktuell zu den günstigsten Titeln an der Wall Street. Trotz stark gestiegener Ölpreise und massiver Angebotsausfälle haben Energieaktien kaum von der Krise profitiert, was Analysten und Anleger gleichermaßen aufhorchen lässt.
Nach der jüngsten Runde der Quartalsberichte von Ölproduzenten haben Analysten ihre Gewinnprognosen für den Sektor deutlich angehoben. Laut dem Datenanbieter FactSet erwarten sie nun, dass die Energieaktien im S&P 500 im Jahr 2026 einen um 58 Prozent höheren Gewinn pro Aktie erzielen werden als noch vor Beginn des Iran-Krieges. Eine bemerkenswerte Revision, die das veränderte Marktumfeld widerspiegelt.
Ölpreis nahe 100 Dollar – Aktien kaum bewegt
Dennoch hat der Energiesektor, genau wie der Rest des Marktes, auf jede Schlagzeile reagiert, die einen potenziellen Durchbruch in den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran andeutete. Der Kurs des Energiekorbs im S&P 500 liegt lediglich zwei Prozent über dem Stand vor dem Krieg – obwohl sich das fundamentale Umfeld grundlegend verändert hat.
Vor Kriegsbeginn notierten Öl-Futures bei knapp 70 US-Dollar pro Barrel, und weltweit herrschte ein Überangebot. Heute liegen die Ölpreise näher bei 100 US-Dollar pro Barrel, und der Welt fehlen rund eine Milliarde Barrel an Ölangebot. Die Schließung der Straße von Hormus hat die globalen Lieferketten für Rohöl erheblich belastet.
Infolgedessen verzeichnete ausgerechnet der Sektor, der am unmittelbarsten von dieser Angebotsverknappung profitiert, die stärkste Kontraktion der Gewinnmultiplikatoren seit Kriegsbeginn. Mit anderen Worten: Die Gewinne steigen, aber die Bewertungen fallen – eine ungewöhnliche Konstellation, die Einstiegschancen eröffnen kann.
Bewertungsabschlag deutlich über historischem Durchschnitt
Für Anleger, die bisher nicht im Energiesektor positioniert sind, könnte dies ein günstiger Zeitpunkt für einen Einstieg sein. Zwar wurde der Sektor vor Beginn des Konflikts noch mit hohen Multiplikatoren gehandelt. Der aktuelle Ausverkauf hat die Bewertungen jedoch deutlich gedrückt: Energieaktien werden derzeit mit weniger als dem 14-fachen der erwarteten Gewinne bewertet.
Das entspricht einem Abschlag von 36 Prozent gegenüber dem Gesamtindex S&P 500. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Discount der vergangenen zehn Jahre lag bei lediglich 29 Prozent. Der aktuelle Bewertungsabschlag ist damit historisch ungewöhnlich hoch und deutlich ausgeprägter als in früheren Marktphasen.
Die jüngsten Kommentare der Energieunternehmen zu ihren Quartalszahlen hätten eigentlich ein optimistisches Signal für die Aktien sein müssen. Trotz der stark gestiegenen Ölpreise halten die großen Ölkonzerne und die US-Schieferölproduzenten an einer disziplinierten Kapitalallokation fest – ein Faktor, der die Gewinndynamik des Sektors zusätzlich stützt.
Für deutsche Privatanleger, die eine Positionierung im Energiesektor erwägen, bietet der US-Markt damit eine interessante Ausgangslage: hohe Gewinndynamik, niedrige Bewertung und ein strukturell verändertes Angebotsumfeld – kombiniert mit einer Bewertung, die historisch selten so attraktiv war wie heute.
