Deutschlands Gasspeicher bei 62 Prozent: Winterziel von 70 Prozent verfehlt
Ein Sprecher des Wirtschafts- und Energieministeriums nennt Konflikte in der Straße von Hormus als Grund für die verfehlte Speichermarke.

Deutschlands Gasspeicher haben bis Freitag 62 Prozent ihrer Kapazität erreicht und damit das Ziel des Landes von 70 Prozent verfehlt. Das teilte ein Sprecher des deutschen Wirtschafts- und Energieministeriums mit. Die Lücke führt das Ministerium auf Konflikte in der Straße von Hormus zurück, die zu Preiserhöhungen geführt und es erschwert hätten, die Speicherziele zu erreichen.
Der Beamte betonte, dass ein höherer Füllstand wünschenswert gewesen wäre. Zugleich verwies er auf die veränderte Versorgungslage in Deutschland. Das Land habe nun Zugang zu zusätzlichen Gaslieferungen über LNG-Terminals und Pipelines aus Norwegen – Optionen, die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 nicht verfügbar gewesen seien.
"Man sollte nicht ausschließlich die Gasspeicherfüllstände betrachten", sagte der Sprecher bei einer regulären Pressekonferenz. "Anders als im Jahr 2022, als sich der Zustand der Gasspeicher in einer kritischen Lage befand, verfügen wir heute über völlig andere Möglichkeiten, zusätzliches Gas zu beziehen."
Die Details
Im Zentrum der Mitteilung steht eine Zahl: 62 Prozent. So hoch war der Füllstand der deutschen Gasspeicher bis Freitag. Die Zielmarke des Landes liegt bei 70 Prozent – sie wurde also nicht erreicht. Als Begründung nannte der Sprecher des Wirtschafts- und Energieministeriums die Konflikte in der Straße von Hormus. Diese hätten zu Preiserhöhungen geführt und damit die Erreichung der Speicherziele erschwert.
Der Ministeriumssprecher machte deutlich, dass die Bewertung der Lage nicht allein an den Speicherständen festgemacht werden sollte. Als Alternative nannte er die zusätzlichen Bezugswege, die Deutschland inzwischen zur Verfügung stehen: LNG-Terminals und Pipelines aus Norwegen. Beide Optionen seien nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 nicht verfügbar gewesen.
Ein weiterer Punkt der Pressekonferenz war eine Zurückweisung. Der Sprecher des Ministeriums wies Anschuldigungen Italiens zurück, Deutschland habe seine Gasspeicher vor dem Winter vorsätzlich nicht voll gefüllt, um die Kosten für seine Gasimportunternehmen im Vorfeld der Privatisierung zu senken. Diese Darstellung wies der Beamte zurück.
Der Sprecher ordnete die deutsche Situation in einen größeren Zusammenhang ein. Europäische Regierungen bemühen sich, Verbraucher vor steigenden Energiekosten und höherer Inflation zu schützen, während Konflikte im Iran, in der Ukraine und in den Jemen die Öl- und Gaspreise weiter in die Höhe treiben. Die Speicherfüllstände sind in diesem Umfeld nur ein Faktor unter mehreren.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Meldung reiht sich in eine Serie von Berichten über die angespannte Lage an den europäischen Gasmärkten ein. Bereits am 06.08.2026 berichtete aktien.news, dass die europäischen Erdgaspreise sich kräftig erholt hatten. Der niederländische Benchmark-Terminkontrakt für den Folgemonat – der sogenannte TTF-Future – stieg damals um 2,2 Prozent auf rund 54,50 Euro pro Megawattstunde. Der britische Großhandels-Gaskontrakt legte um mehr als 2,4 Prozent auf 134,20 Pence pro Therm zu. Auslöser waren grundlegende Versorgungsengpässe, die gegenüber vorsichtigen diplomatischen Signalen aus dem Nahen Osten wieder die Oberhand gewannen.
Nur wenige Tage später, am 10.08.2026, meldete aktien.news erneut steigende europäische Erdgaspreise. Die niederländischen Frontmonats-Futures – der wichtigste Benchmark für den europäischen Gasmarkt – stiegen um 2,9 Prozent auf rund 56,90 Euro pro Megawattstunde. Auch die britischen Großhandelskontrakte zogen um 2,6 Prozent auf 139,50 Pence pro Therm an. Als Auslöser galt die anhaltende Unsicherheit rund um die Transitbedingungen in der Straße von Hormus.
Am 26.09.2026 berichtete aktien.news über eine Warnung der Europäischen Union vor einer drohenden Energiepreiskrise. Wie aus einem Schreiben von EU-Energiekommissar Dan Jørgensen an die Energieminister der 27 Mitgliedstaaten hervorging, über das Bloomberg berichtete, war die Abhängigkeit der EU von fossilen Brennstoffimporten ein erhebliches Risiko für die Stabilität der Energiemärkte. Jørgensen betonte in dem Dokument: "Wir stehen vor einer Preiskrise, die mit einer Versorgungskrise verknüpft ist." Zu diesem Zeitpunkt waren die Gasspeicher laut dem Bericht nur zu 70 Prozent gefüllt.
Am 12.10.2026 folgte ein weiterer Bericht von aktien.news, wonach europäische Haushalte und Industrieunternehmen sich auf mindestens ein weiteres Jahr mit hohen Gaspreisen einstellen müssen. Die europäischen Referenzpreise für Erdgas waren in diesem Jahr um mehr als 150 Prozent gestiegen. Hauptursache waren Störungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus, die fast 20 Prozent der weltweiten LNG-Exporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten blockierten. Der Ausfall dieser Liefermengen verschärfte den Wettbewerb um Spot-Ladungen auf dem Weltmarkt erheblich. Zwar steigerten Länder wie die USA, Kanada und Nigeria ihre Exporte, doch konnte dies den Verlust aus dem Nahen Osten nicht vollständig kompensieren.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Meldung vor allem ein Signal für anhaltende Unsicherheit an den Energiemärkten. Die verfehlte Speichermarke von 70 Prozent fällt in eine Phase, in der europäische Regierungen versuchen, Verbraucher vor steigenden Energiekosten und höherer Inflation zu schützen. Die Konflikte im Iran, in der Ukraine und in den Jemen treiben die Öl- und Gaspreise weiter in die Höhe – ein Umfeld, das die Inflation stützen und damit auch die Zinspolitik beeinflussen kann.
Zugleich relativiert das Ministerium die Bedeutung der reinen Speicherstände. Der Verweis auf LNG-Terminals und Pipelines aus Norwegen zeigt, dass Deutschland über Bezugswege verfügt, die 2022 nicht vorhanden waren. Für Anleger bedeutet das: Die Versorgungssicherheit hängt nicht mehr allein vom Füllstand der Speicher ab, sondern auch von der Verfügbarkeit alternativer Lieferquellen. Die Preisentwicklung an den Großhandelsmärkten bleibt jedoch der zentrale Indikator für die Belastung von Haushalten und Unternehmen.
Die zurückgewiesenen Anschuldigungen aus Italien sind ein Hinweis auf den politischen Druck, unter dem die europäische Energiepolitik steht. Streitigkeiten zwischen Mitgliedstaaten über die Speicherbewirtschaftung können die gemeinsame Krisenbewältigung erschweren. Anleger sollten die weitere Entwicklung der Speicherstände und der Großhandelspreise aufmerksam verfolgen, ohne aus einzelnen Meldungen unmittelbare Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Ausblick
Konkrete neue Termine oder Zielvorgaben nannte der Ministeriumssprecher nicht. Klar ist, dass die europäischen Regierungen ihre Bemühungen fortsetzen, Verbraucher vor steigenden Energiekosten und höherer Inflation zu schützen. Die Konflikte im Iran, in der Ukraine und in den Jemen bleiben laut der Meldung die treibenden Faktoren für die Öl- und Gaspreise. Ob und wann die deutschen Gasspeicher die Marke von 70 Prozent erreichen, ließ der Sprecher offen. Deutschland setzt dabei auf die zusätzlichen Lieferoptionen über LNG-Terminals und Pipelines aus Norwegen.
Kurz erklärt
- Gasspeicherfüllstand: Anteil der Speicherkapazität, der mit Gas befüllt ist, angegeben in Prozent.
- LNG-Terminal: Anlage an der Küste, in der verflüssigtes Erdgas angelandet und wieder in gasförmigen Zustand umgewandelt wird.
- Straße von Hormus: Meerenge im Nahen Osten, durch die ein großer Teil der weltweiten Öl- und Gaslieferungen per Schiff verläuft.
- TTF-Future: Terminkontrakt auf Erdgas, der als wichtigster Referenzpreis für den europäischen Gasmarkt gilt.
