Deutschland blockiert chinesische Übernahme im größten deutschen Seehafen
Berlin lehnt den geplanten Kauf von 80 Prozent an der Logistikgruppe Konrad Zippel durch die chinesische Reederei Cosco ab.

Die Bundesregierung hat den geplanten Einstieg der staatlichen chinesischen Reederei Cosco bei einer Logistikgruppe im Hamburger Hafen blockiert. Das Kabinett billigte die Entscheidung am Mittwoch, wie aus einem Bericht der Financial Times hervorgeht. Betroffen ist der geplante Kauf eines 80-Prozent-Anteils an Konrad Zippel Spediteur, einer mittelgroßen Logistikgruppe, die im größten deutschen Seehafen tätig ist.
Mit dem Schritt unterstreicht Berlin seinen entschlosseneren Kurs gegenüber Peking unter Bundeskanzler Friedrich Merz. Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der die Regierung neue Gesetzgebungsinitiativen vorbereitet, um die Investitionsprüfung zu verschärfen. Zugleich verschärft sich der Ton gegenüber China, dessen günstige Elektrofahrzeuge und Stahlprodukte deutsche Hersteller im Inland sowie in ihren traditionellen Exportmärkten unter Druck setzen.
Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums begründete die Ablehnung mit Sicherheitsbedenken. "Der Erwerb hätte Abhängigkeiten vertieft und die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten Deutschlands und der EU gefährdet", teilte er der FT per E-Mail mit. Weder Cosco noch die chinesische Botschaft in Berlin reagierten auf Anfragen zur Stellungnahme; auch das chinesische Außenministerium äußerte sich zunächst nicht.
Die Details
Im Zentrum der Prüfung stand der geplante Erwerb eines 80-Prozent-Anteils an Konrad Zippel Spediteur durch Cosco. Die Zippel Group spezialisiert sich nach Angaben des deutschen Wirtschaftsministeriums auf den Binnencontainerverkehr und verbindet vor allem Deutschlands größten Hafenkomplex mit den ostdeutschen Bundesländern. Cosco ist ein staatliches chinesisches Schifffahrtsunternehmen.
Berlin hat nach eigenen Angaben von rund 300 jährlichen Prüfungen acht Auslandsinvestitionen abgelehnt. Das Land "begrüße ausländische Investitionen", betonte das Ministerium am Mittwoch, doch seine Gesetze ermöglichten es, Transaktionen "im Einzelfall" zu prüfen. "Das Kriterium für die Prüfung ist, ob der Erwerb wahrscheinlich die öffentliche Ordnung oder die Sicherheit gefährdet", erklärte das Ministerium.
Die Entscheidung fällt in einen breiteren politischen Kontext. Am Montag hatten Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron vorgeschlagen, dass die EU ein wirksames Handelsinstrument einführt, das Länder davon abhalten soll, wirtschaftlichen Zwang auszuüben. Dieser Vorstoß wurde weithin als Reaktion auf Pekings Beschränkungen bei Seltenen Erden und Magneten im vergangenen Jahr gesehen, die wegen Engpässen einige deutsche Automobilproduktionsstätten zum Stillstand brachten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 14.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ein weitreichendes Paket wirtschafts- und sicherheitspolitischer Maßnahmen vorbereitet, um strategische Industrien vor China abzusichern. Wie mit den Plänen vertraute Personen der Nachrichtenagentur dpa mitteilten, kartierten deutsche Ministerien damals die Abhängigkeiten von der Volksrepublik und prüften mögliche Gegenmaßnahmen. Das Paket könnte unter anderem neue Zölle auf Hybridfahrzeuge aus China umfassen; die Regierung strebte die Zustimmung des Bundeskabinetts am 14. Oktober an, bevor sie breitere Unterstützung innerhalb der Europäischen Union einholt.
Am 24.09.2026 berichtete aktien.news, dass Großbritannien und Deutschland einer aktuellen Analyse zufolge zu den Volkswirtschaften mit der höchsten Abhängigkeit von China gehören. Die größten Volkswirtschaften Europas seien unverhältnismäßig stark potenzieller wirtschaftlicher Erpressung durch Peking ausgesetzt, hieß es unter Verweis auf eine Analyse im wöchentlichen Newsletter der Financial Times, den Herausgeberin Roula Khalaf verantwortet.
Auch die Schifffahrtsbranche stand zuletzt im Fokus geopolitischer Spannungen. Am 27.03.2026 berichtete aktien.news, dass der Iran zwei Schiffe des chinesischen Staatskonzerns Cosco Shipping an der Durchfahrt durch die Straße von Hormus gehindert habe. Laut einem Bericht des Wall Street Journal seien die Schiffe rund 20 Meilen vor dem iranischen Hafen Bandar Abbas zur Umkehr gezwungen worden. Die Straße von Hormus gilt als einer der strategisch wichtigsten Schifffahrtswege der Welt.
Im Hamburger Hafen selbst gab es bereits 2022 einen Präzedenzfall. Damals erlaubte die dreiparteiige Koalition unter Merz' Vorgänger, dem Sozialdemokraten Olaf Scholz, Cosco den Erwerb von 24,9 Prozent der Containeranlage Tollerort, eines von mehreren Terminals, die den Hafen von Hamburg bilden. Das staatliche chinesische Unternehmen hatte ursprünglich einen Anteil von 35 Prozent angestrebt. Der Deal war ein Kompromiss zwischen Scholz, dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister, der die Investition unterstützte, und seinen Wirtschafts-, Außen-, Verteidigungs- und Innenministerien, die sie aus Sicherheitsgründen ablehnten. Die Regierung deckelte die Investition auf unter 25 Prozent.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entscheidung ein Signal, dass sich der regulatorische Rahmen für chinesische Beteiligungen an kritischer Infrastruktur weiter verschärft. Berlin prüft Transaktionen im Einzelfall und hat nach eigenen Angaben von rund 300 jährlichen Prüfungen acht Auslandsinvestitionen abgelehnt. Unternehmen mit stark exponierter Lieferkette nach China oder mit chinesischen Anteilseignern müssen daher mit strengeren Auflagen rechnen.
Zugleich bleibt die Regierung nach eigener Darstellung offen für ausländische Investitionen. Merz versucht seit seinem Amtsantritt im Mai 2025, das Bestreben, ausländische Investitionen anzuziehen und die stagnierende deutsche Wirtschaft wieder anzukurbeln, mit der Notwendigkeit in Einklang zu bringen, Instrumente zum Schutz kritischer Infrastrukturen zu stärken und potenziell schädliche wirtschaftliche Abhängigkeiten zu reduzieren. Diese Balance prägt die Bewertung von Hafen-, Logistik- und Industrieunternehmen.
Ausblick
Die Regierung bereitet neue Gesetzgebungsinitiativen vor, um die Investitionsprüfung zu verschärfen. Bereits am 14.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Bundesregierung die Zustimmung des Bundeskabinetts zu einem China-Paket am 14. Oktober anstrebt, bevor sie breitere Unterstützung innerhalb der EU einholt. Zudem wollen Merz und Macron auf EU-Ebene ein Handelsinstrument gegen wirtschaftlichen Zwang vorantreiben. Wie Cosco oder die chinesische Seite auf die Ablehnung reagieren, ist offen — beide hatten zunächst nicht auf Anfragen geantwortet.
Kurz erklärt
- Investitionsprüfung: Staatliches Verfahren, mit dem eine Regierung ausländische Beteiligungen an inländischen Unternehmen auf Sicherheitsrisiken prüft.
- Lieferkettenresilienz: Fähigkeit einer Volkswirtschaft, Versorgungswege auch bei Störungen oder Abhängigkeiten aufrechtzuerhalten.
- Wirtschaftlicher Zwang: Druckmittel eines Staates, um ein anderes Land über Handels- oder Rohstoffbeschränkungen zu beeinflussen.
