Britische Investment Trusts schlagen den S&P 500 überraschend deutlich
Zwei Diagramme zeigen: Britische Trusts mit Fokus auf unterbewertete Aktien übertrafen den US-Index – trotz negativer Stimmung.

Britische Investment Trusts, die auf unterbewertete heimische Aktien setzen, haben den S&P 500 über die vergangenen drei Jahre übertroffen. Das ist das Ergebnis einer Analyse von Thomas McMahon von Kepler Trust Intelligence, die am 23. Oktober 2026 veröffentlicht wurde. Der Analyst konzentriert sich darin auf britische geschlossene Investmentfonds, die trotz der anhaltend negativen Stimmung gegenüber inländischen Trusts besser abschneiden als der US-Index.
Zwei Diagramme stehen im Mittelpunkt der Untersuchung, und McMahon räumt ein, dass sie für ihn selbst "ziemlich überraschend" waren – und es wohl auch für viele Leser sein dürften. Sie zeigen die Gesamtrenditen mehrerer britischer Trusts im Vergleich zur Sterling-Rendite des S&P 500. Die Kernaussage: Wer auf eine Stimmungswende gewartet hat, hat den größten Teil der Outperformance bereits verpasst.
McMahon bettet die Zahlen in einen breiteren Vergleich der britischen Wirtschaft mit anderen großen Volkswirtschaften ein. Auslöser ist der IWF-Bericht vom vergangenen Wochenende, der nach seinen Worten mit erheblicher Überraschung und Skepsis aufgenommen wurde. Die Zahlen selbst seien jedoch klar: Großbritannien konzentriere sich stark auf die eigenen wirtschaftlichen Probleme, schneide nach internationalen Maßstäben aber gar nicht so schlecht ab. Zur Veranschaulichung verweist der Analyst auf eine Debatte in den sozialen Medien über Union-Jack-Flaggen auf Gemüse in britischen Supermärkten – wer nie im Ausland gelebt habe, wisse nicht, dass Supermärkte überall auf der Welt Herkunftsflaggen auf Lebensmittel kleben.
Die Details
Konkret nennt die Analyse folgende Werte für den Dreijahreszeitraum bis zum 13. Oktober 2026. Fidelity Special Values Ord (LSE:FSV) aus dem Sektor AIC UK All Companies erzielte eine Gesamtrendite des Nettoinventarwerts (NAV) von 75,8 Prozent und eine Gesamtrendite des Kurspreises von 92,9 Prozent. Die Sterling-Rendite des S&P 500 lag im selben Zeitraum bei 69,8 Prozent. Beide Werte des Trusts übertrafen den Index also deutlich.
Aberforth Smaller Companies Ord (LSE:ASL) aus dem Sektor AIC UK Smaller Companies kam auf eine NAV-Gesamtrendite von 65,6 Prozent und eine Gesamtrendite des Kurspreises von 74 Prozent. Die NAV-Rendite lag damit leicht unter der des S&P 500, die Kursrendite jedoch darüber. Anleger beider Fonds hätten den "berühmten kostengünstigen Indextracker" übertroffen, schreibt McMahon.
Im Segment der Micro-Caps fällt das Bild ähnlich aus. Rockwood Strategic Ord (LSE:RKW) erreichte eine NAV-Rendite von 71,7 Prozent, River UK Micro Cap Ord (LSE:RMMC) von 75,9 Prozent – jeweils über denselben Dreijahreszeitraum. Die Kurspreise beider Trusts hätten noch besser abgeschnitten. Als Datenquelle nennt Kepler Trust Intelligence durchgängig Morningstar; der Hinweis, dass vergangene Leistungen kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse sind, ist beiden Grafiken beigefügt.
Zur Einordnung der britischen Lage führt McMahon mehrere Kennzahlen an. Das britische fiskalische Defizit liegt bei 3,8 Prozent und sinkt; in Frankreich beträgt es 5,4 Prozent, in den USA 8,5 Prozent. Die Bruttoverschuldung des Staates beläuft sich auf 104 Prozent des BIP, gegenüber 119 Prozent in Frankreich und 127 Prozent in den USA. Das britische Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent ist höher als in allen G7-Ländern außer den USA und entspricht dem Niveau Deutschlands. Steigende Gilt-Yields seien ein Problem, doch es gebe zahlreiche Länder, die eher vor Großbritannien eine fiskalische Krise erleben könnten.
Auch die Sorge über Delistings und Übernahmen relativiert der Analyst. Die Zahl der börsennotierten Unternehmen an der Euronext Paris hat sich seit 2006 halbiert, in den USA gab es im selben Zeitraum einen Rückgang um 37 Prozent. Die Entequitisierung sei damit zu einem großen Teil globalen Faktoren zuzuschreiben, auch wenn es reale Bewertungsprobleme in Großbritannien gebe.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 5. Oktober 2026 berichtete aktien.news über die wöchentliche Reihe "Rabattgräber" von interactive investor, in der Dave Baxter die zehn größten Veränderungen bei den Abschlägen von Investmenttrusts hervorhob. Schon damals galt der Hinweis, dass ein Trust, der mit einem Abschlag zum NAV handelt, nicht zwangsläufig eine Kaufgelegenheit ist – es gibt meist einen guten Grund für den günstigen Preis.
Am 14. Oktober 2026 meldete aktien.news, dass sich Investment Trusts nach Einschätzung von Kepler Trust Intelligence in den vergangenen zwei Jahren deutlich widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger entwickelt haben. Analyst Josef Licsauer führte dies in einer am 9. Oktober 2026 veröffentlichten Analyse darauf zurück, dass die Verwaltungsräte proaktiver im Interesse der Aktionäre handeln. Auslöser war der Angriff des New Yorker Hedgefonds Saba Capital, der im Dezember 2024 die Verwaltungsräte von sieben britischen Investment Trusts ins Visier genommen hatte, nachdem der Fonds Anteile zwischen 19 und 29 Prozent erworben hatte.
Ebenfalls am 14. Mai 2026 berichtete aktien.news über Daten der Association of Investment Companies (AIC): 77 Prozent der untersuchten Trusts übertrafen ihre "Schwesterfonds" über einen Zeitraum von zehn Jahren. Die Daten stammen von der AIC in Zusammenarbeit mit Morningstar; der Branchenverband ist zugleich Interessenvertreter der Trusts, was bei der Bewertung der Zahlen zu berücksichtigen ist. Und am 19. April 2026 erklärte aktien.news in der Reihe zu den zehn günstigsten Discounts der Woche, dass ein hoher Abschlag nicht automatisch ein Kaufsignal ist.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger sind die Zahlen vor allem ein Argument gegen den Reflex, einen Markt allein an der Stimmungslage zu messen. McMahon betont, dass eine schlechte Marktstimmung selbst ein Treiber für schwache Renditen ist – und dass Anleger angesichts der besonders düsteren Stimmung gegenüber Großbritannien durchaus berechtigt skeptisch sein können. Die vorgestellten Trusts zeigen jedoch, dass sich diese Skepsis in den vergangenen drei Jahren nicht in schwächeren Renditen niedergeschlagen hat.
Zugleich bleibt die Analyse eine Marketingkommunikation eines Drittanbieters. Kepler Trust Intelligence ist nach eigener Angabe kein Teil von interactive investor, die Materialien gelten nicht als unabhängige Forschung, und Kepler Partners ist nicht autorisiert, Empfehlungen an Privatanleger zu geben. Der Hinweis auf vergangene Leistungen als nicht verlässlichen Indikator für die Zukunft gehört zu jeder der genannten Grafiken. Wer in britische Trusts investiert, sollte zudem beachten, dass Kurspreis und NAV auseinanderfallen können – genau daraus entstehen Abschläge und Aufschläge.
Ausblick
McMahon erwartet, dass die Stimmung erst dann zugunsten britischer Aktien kippt, wenn Anleger mit ihren britischen Fonds deutlich mehr verdient haben als mit ihren US- oder Tech-Fonds – zu diesem Zeitpunkt werde ein Großteil der Outperformance aber bereits erzielt sein. Eine KI-Blase hält er nicht für wahrscheinlich, wohl aber einen anspruchsvolleren Markt mit sinkenden Renditen technologie-lastiger Indizes.
Als aktuelle Beispiele nennt er das verlangsamte Umsatzwachstum von Anthropic und die Behauptung des chinesischen Chip-Herstellers CXMT, einen Durchbruch in der DRAM-Technologie erzielt zu haben. Beide Nachrichten aus der vergangenen Woche zeigten, dass sich die KI-Geschichte zunehmend kompliziert und Anleger woanders nach Wachstumsmöglichkeiten suchen sollten. Angesichts der niedrigen Bewertungen in Großbritannien und der wahrscheinlichen Beibehaltung höherer Zinssätze über einen längeren Zeitraum hält Kepler den Hintergrund für wertorientierte Strategien weiterhin für überlegen gegenüber dem für Wachstumsstrategien.
Kurz erklärt
- Nettoinventarwert (NAV): Der Wert aller Vermögenswerte eines Fonds abzüglich seiner Verbindlichkeiten, umgerechnet auf einen einzelnen Anteil.
- Investment Trust: Eine börsennotierte geschlossene Investmentgesellschaft, deren Aktien unabhängig vom Wert des verwalteten Vermögens gehandelt werden.
- Abschlag (Discount): Der Unterschied, um den der Börsenkurs einer Trust-Aktie unter dem Nettoinventarwert liegt.
