Brasilien: Wetter statt Preis bestimmt Zuckerproduktion der Mühlen
Feuchter Winter und El Niño verhindern höhere Zuckerquote in Brasiliens Mühlen – Ethanol bleibt im Fokus.

Die Zuckerrohrverarbeiter in Brasilien, dem weltweit größten Produzenten von Zucker und zweitgrößten von Ethanol, richten ihren Blick in den verbleibenden Monaten der Ernte bis Dezember weniger auf die Marktpreise als auf das Wetter. Zu diesem Ergebnis kommen Analysten und Händler, die sich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters äußerten. Ausschlaggebend sind die über dem Normalwert liegenden Wetterbedingungen in Mittel-Südbrasilien, die als typisches Merkmal starker El-Niño-Ereignisse gelten.
Diese Bedingungen dürften verhindern, dass die Mühlen die Zuckerproduktion steigern – entgegen den Erwartungen einiger Marktteilnehmer nach dem Anstieg der Rohzuckerpreise um mehr als 21 Prozent im vergangenen Monat. Stattdessen werden die brasilianischen Mühlen nach Einschätzung der Experten weiterhin mehr Zuckerrohr für die Ethanolherstellung statt für die Süßstoffproduktion verwenden.
Als Grund führen die Fachleute die hohe Feuchtigkeit im gerade geernteten Zuckerrohr an. Diese mache die Ernte besser für die Ethanolproduktion geeignet. Die Feuchtigkeit fördere das vegetative Wachstum der Pflanze, was die Zuckerkonzentration reduziere, aber keinen Einfluss auf die Nutzung als Kraftstoff habe.
Die Details
Die Entscheidung über die sogenannte Produktionsmischung – also die Frage, welcher Anteil des Zuckerrohrs zu Zucker und welcher zu Ethanol verarbeitet wird – ist für den globalen Markt von großer Bedeutung. Ein Prozentpunkt mehr der Mischung zugunsten von Zucker entspricht rund 750.000 zusätzlichen Tonnen Zucker. Die aktuelle Ernte wies während des Großteils des Jahres eine stärkere Ethanolmischung auf. Als Gründe nennt der Bericht hohe Energiepreise im Zuge des Konflikts im Nahen Osten sowie zuvor niedrigere Zuckerpreise.
Bis Anfang Juli verwendeten die Mühlen nur 42,5 Prozent des Zuckerrohrs zur Zuckerherstellung. Die Zucker-Futures stiegen im August jedoch um 21 Prozent, vor allem aufgrund des El Niño. Dadurch wurde die Süßstoffherstellung für die Mühlen profitabler als die Ethanolproduktion. „Die Spanne beträgt derzeit rund 20 Prozent zugunsten von Zucker“, sagte Fabio Meneghin, Partner bei der Beratungsagentur Veeries. Er fügte hinzu, dass ein klarer Anreiz für die Mühlen bestehe, den Süßstoff zu produzieren. „Die Zuckerquote steigt nur wegen des Wetters nicht an“, sagte er.
Marcelo Bonifacio Filho, Zuckeranalyst bei der Brokerfirma StoneX, formulierte es so: „Letztendlich schauen wir nicht mehr auf die Marktpreise, um die Produktionsmischung im letzten Abschnitt der Ernte zu schätzen. Der Fokus liegt auf dem Klima.“ Teile des brasilianischen Zuckeranbaugebiets verzeichneten nach Angaben der Universität São Paulo den feuchtesten Winter seit mehr als 100 Jahren, was bereits zu Verzögerungen bei der Ernte führte.
Der Händler GSX Commodities erklärte gegenüber Reuters, der aktuelle Anstieg der Zuckerpreise könnte begrenzt sein, wenn es den brasilianischen Mühlen gelingt, die Zuckerquote zu erhöhen und zusätzliche Mengen auf den Markt zu bringen. Sollte dies jedoch nicht gelingen und sollten nasse Bedingungen die Mühlen daran hindern, das gesamte verfügbare Zuckerrohr zu ernten, könnten die Zuckerpreise weiter steigen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entwicklung ist Teil einer längeren Reihe von Berichten über den brasilianischen Zucker- und Ethanolsektor. Bereits am 17.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Rohzucker-Futures unter Druck geraten seien, weil sinkende Ölpreise die Produktionsentscheidungen in Zuckerfabriken der wichtigsten Produzentenländer beeinflussten. Damals gab der Rohzucker SBc1 um 0,3 Prozent auf 17,88 US-Cent pro Pfund nach. Niedrigere Ölpreise ließen es für Zuckerfabriken in Brasilien und Indien attraktiver erscheinen, die Zuckerproduktion statt der Ethanolproduktion zu steigern. Der Süßstoff hatte sich zuvor von einem jüngsten 16-Monats-Hoch entfernt.
Am 17.07.2026 berichtete aktien.news, dass Brasiliens Zucker- und Ethanolproduzenten mit scharfer Kritik auf neue US-Zölle in Höhe von 25 Prozent reagierten, die die US-Regierung auf tausende brasilianische Produkte verhängt hatte. Die Abgaben sollten voraussichtlich am 22. Juli in Kraft treten und trafen eine Branche, die die USA als einen ihrer wichtigsten Absatzmärkte betrachtet. Nach Angaben des Verbandes der Zuckerrohr- und Bioenergieindustrie UNICA exportierte Brasilien im Jahr 2025 insgesamt 253 Millionen Liter Ethanol im Wert von 163 Millionen US-Dollar in die USA.
Auch die Lage einzelner Unternehmen spielte eine Rolle. Am 09.02.2026 berichtete aktien.news über den angeschlagenen brasilianischen Zucker- und Ethanolproduzenten Raizen, ein Joint Venture zwischen dem brasilianischen Mischkonzern Cosan und dem britischen Ölriesen Shell. Das Unternehmen engagierte die Anwaltskanzleien Pinheiro Neto und Cleary Gottlieb, um die Liquiditätssituation zu verbessern und die Kapitalstruktur zu optimieren. Im zweiten Quartal der Zuckerernte 2025-2026 meldete Raizen einen Nettoverlust von über 2,3 Milliarden Reais.
Auf der Angebotsseite war zudem Indien ein Thema. Am 07.04.2026 berichtete aktien.news, dass Indien, der weltweit zweitgrößte Zuckerproduzent, keine Beschränkungen für Zuckerexporte einführen werde. Das erklärte Sanjeev Chopra, Staatssekretär im indischen Ernährungsministerium, gegenüber Reuters. Die Entscheidung überraschte angesichts einer hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Produktionssaison. Als entscheidenden Faktor nannte Chopra den gesunkenen Inlandsverbrauch.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in Agrarrohstoffen oder in Unternehmen der Zucker- und Ethanolbranche engagiert sind, ist die brasilianische Produktionsmischung ein zentraler Frühindikator. Sie bestimmt, wie viel Zucker aus Brasilien auf den Weltmarkt kommt und damit auch das Preisniveau. Der Bericht zeigt, dass die Preissignale des Marktes derzeit nicht die alleinige Richtschnur für die Mühlen sind. Selbst ein klarer Preisvorteil von rund 20 Prozent zugunsten von Zucker reicht nach Einschätzung der befragten Experten nicht aus, um die Zuckerquote zu erhöhen, solange das Wetter die Zuckerkonzentration im Rohr niedrig hält.
Gleichzeitig deuten die Prognosen auf ein knapperes Angebot hin. StoneX gab an, der Markt habe seine Erwartungen für die Zuckerproduktion in Mittel-Südbrasilien bereits unter die 40 Millionen Tonnen gesenkt, die zu Beginn der Ernte erwartet wurden. Das Unternehmen sehe die Möglichkeit, dass die Gesamtproduktion 38 Millionen Tonnen nicht überschreiten werde. Solche Angebotsrückgänge können den Zuckerpreis stützen, bergen aber auch Risiken für Verarbeiter, die auf ausreichende Rohstoffmengen angewiesen sind.
Ausblick
Weitere Absenkungen der Ernteprognosen sind nach Einschätzung von Michael McDougall, Senior-Zuckeranalyst bei StoneX, möglich. Als Begründung nennt er erhebliche Regenmengen, die für Mittel-Südbrasilien im frühen Oktober zu erwarten sind. Ob die Mühlen ihre Zuckerquote im letzten Abschnitt der Ernte bis Dezember noch erhöhen können, hängt damit maßgeblich vom weiteren Wetterverlauf ab. Der Markt wird die Produktionsmischung und die tatsächlichen Erntemengen in den kommenden Wochen genau beobachten.
Kurz erklärt
- El Niño: Klimaphänomen, das weltweit Wetterbedingungen verändert und in Brasilien häufig für überdurchschnittliche Niederschläge sorgt.
- Produktionsmischung: Der Anteil des Zuckerrohrs, den eine Mühle zu Zucker oder zu Ethanol verarbeitet.
- Ethanol: Ein aus Zuckerrohr gewonnener Biokraftstoff, dessen Herstellung bei hohen Ölpreisen wirtschaftlich attraktiver wird.
- Rohzucker-Futures: Terminkontrakte auf Zucker, mit denen Marktteilnehmer Preise absichern oder auf Kursbewegungen setzen.
