Börsenausblick: Warum Midterm-Wahlen historisch gesehen Chancen für Anleger bieten
Historische Daten zeigen für Oktober und November in Wahljahren überdurchschnittliche Renditen – doch Prognosemärkte warnen vor Risiken.

Die bevorstehenden Midterm-Wahlen am 3. November werfen ihre Schatten auf die Finanzmärkte voraus. Während Prognosemärkte vor einem möglichen „Worst-Case-Szenario" für die Wall Street warnen, deutet ein Blick in die Historie darauf hin, dass die Monate Oktober und November für Investoren besonders attraktiv sein könnten. Für deutsche Anleger, die über ETFs oder Einzelaktien am US-Markt engagiert sind, lohnt sich daher ein genauer Blick auf die saisonalen Muster.
Historische Daten der Carson Group zeigen, dass der Oktober seit 1950 in Jahren von Zwischenwahlen durchschnittlich um 3 % und der November um 2,7 % zulegte. Keine anderen Monate erreichen in diesen Zyklen vergleichbare Renditen. Beide Monate weisen zudem eine Erfolgsquote von über 70 % bei positiven Ergebnissen auf.
Noch deutlicher fällt die Bilanz für das Jahr nach der Wahl aus. Laut Fidelity folgt auf das Jahr der Midterm-Wahlen ein Kalenderjahr, das im Durchschnitt ein Plus von 14,5 % beim S&P 500 liefert – bei einer beeindruckenden Erfolgsquote von 95 %. Der breite US-Index gilt als wichtigster Gradmesser für die Stimmung an den internationalen Aktienmärkten.
Die Details
Die Gründe für diese positive Entwicklung im vierten Quartal sind vielfältig. Analysten betonen, dass Investoren Unsicherheit meiden. Sobald die Wahlergebnisse feststehen, entfällt ein Unsicherheitsfaktor, was für mehr Planungssicherheit sorgt. Zudem führt die häufige Machtverschiebung im Kongress zu einer besseren Balance der politischen Kräfte, was wiederum eine stärkere fiskalische Disziplin fördern kann.
Sean Williams merkt dazu an, dass seit 1923 eine einheitliche republikanische Regierung historisch gesehen die zweithöchsten durchschnittlichen jährlichen Aktienrenditen geliefert hat. Diese Beobachtung relativiert die verbreitete Annahme, dass politische Konstellationen eindeutig in nur eine Richtung auf die Kurse wirken.
Dennoch gibt es unterschiedliche Einschätzungen zur aktuellen Marktlage. Während die historische Statistik für das vierte Quartal spricht, weisen Analysten von J.P. Morgan darauf hin, dass die Zeit unmittelbar vor den Wahlen oft nur geringe Gewinne erzielt. Im Jahr 2026 zeigt sich jedoch ein abweichendes Bild: Der Vanguard S&P 500 ETF konnte bereits in den ersten drei Quartalen um etwa 13 % zulegen. Dies könnte darauf hindeuten, dass der Optimismus nach den Wahlen bereits eingepreist ist oder dass der aktuelle Boom im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) politische Bedenken überlagert.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 26.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Midterm-Wahlen als Marktsignal gelten: Laut einer Studie von Fidelity verzeichnete der S&P 500 in den Jahren nach den Midterm-Wahlen seit 1938 in 95 Prozent aller Fälle eine positive Entwicklung. Bemerkenswert war dabei die Feststellung, dass es keine Rolle spielt, welche Partei gewinnt oder ob die Amtsinhaber oder Herausforderer mehr Sitze hinzugewinnen.
Am 08.07.2026 wies Barclays darauf hin, dass US-Aktienmärkte rund um die amerikanischen Zwischenwahlen einem klaren historischen Muster folgen. Demnach erreicht der Gegenwind für Aktien typischerweise im Spätsommer seinen Höhepunkt, bevor eine deutliche Erholung nach dem Wahltag einsetzt. Besonders Technologiewerte zählen laut der britischen Großbank zu den größten Profiteuren dieses Zyklus. Analyst Venu Krishna bezeichnete die schwächeren Renditen des S&P 500 in Wahljahren als „gut dokumentiertes Phänomen".
Nur wenige Wochen später, am 27.07.2026, dämpfte Goldman Sachs die Erwartungen an große Marktbewegungen durch das Wahlergebnis selbst. Die Investmentbank erwartete im Vorfeld der Abstimmung im November eine zunehmende politische Unsicherheit und erhöhte Marktvolatilität, sah das Wahlergebnis jedoch nicht als wesentlichen Treiber für die Aktienperformance. Der S&P 500 verzeichnete seit 1974 zwischen Anfang August und dem Wahltag eine mediane Rendite von 0 %.
Am 23.09.2026 zerstreute schließlich die britische Großbank HSBC die Sorgen der Anleger. Die von Max Kettner angeführten Strategen rechneten mit steigenden Kursen in fast allen Assetklassen und verwiesen dabei auf verbesserte Meldungen zum Ölfluss.
Was das für Anleger bedeutet
Für Anleger stellt sich nun die Frage, ob ein Einstieg sinnvoll ist. Angesichts solider Gewinnprognosen und leicht gesunkener Bewertungen sehen Experten durchaus Spielraum für weitere Kursgewinne. Inflations- und Zinsrisiken scheinen weitgehend eingepreist, und die allgemeine Marktstimmung bleibt positiv.
Unabhängig von den politischen Konstellationen bleibt die Fähigkeit des Aktienmarktes, langfristig Vermögen zu schaffen, unbestritten. Während langfristig orientierte Anleger ihre Strategie kaum anpassen müssen, könnten kurzfristig agierende Investoren die historische Saisonalität als Gelegenheit betrachten.
Zu beachten ist allerdings, dass die genannten Durchschnittswerte vergangene Entwicklungen abbilden und keine Garantie für die Zukunft darstellen. Die unterschiedlichen Einschätzungen der Häuser – von der erwarteten Erholung bei Barclays über die begrenzte Wirkung des Wahlergebnisses bei Goldman Sachs bis zum breiten Optimismus bei HSBC – zeigen, wie uneinheitlich die Lage vor dem 3. November bewertet wird.
Ausblick
Der entscheidende Termin ist der 3. November, wenn die Midterm-Wahlen stattfinden. Danach dürfte sich zeigen, ob die historische Saisonalität greift. Die Analysten von J.P. Morgan rechnen für die Zeit unmittelbar vor den Wahlen mit nur geringen Gewinnen, während die historischen Daten der Carson Group für Oktober und November deutlich höhere Zuwächse ausweisen.
Barclays erwartet eine deutliche Erholung nach dem Wahltag, Goldman Sachs sieht das Wahlergebnis selbst dagegen nicht als wesentlichen Treiber der Aktienperformance. HSBC rechnet mit steigenden Kursen in fast allen Assetklassen. Wie sich diese Einschätzungen auflösen, wird sich erst in den Wochen nach dem 3. November zeigen.
Kurz erklärt
- Midterm-Wahlen: Zwischenwahlen in den USA, bei denen ein Teil des Kongresses neu gewählt wird, ohne dass der Präsident zur Wahl steht.
- S&P 500: Breiter US-Aktienindex, der die Kursentwicklung der größten börsennotierten Unternehmen der USA abbildet.
- Saisonalität: Bezeichnung für wiederkehrende Muster der Kursentwicklung im Verlauf eines Jahres.
