BofA warnt: Selbstzufriedenheit an Märkten ist das wahre Risiko
Trotz steigender Anleiherenditen und Rohstoffpreise zeigen die Märkte keine Anzeichen von Panik.

Die Strategen der Bank of America (BofA) schlagen Alarm – allerdings nicht wegen der offensichtlichen Volatilität. In einer aktuellen Analyse warnt das Team um Jared Woodard davor, dass derzeit nicht die Nervosität, sondern die Selbstzufriedenheit der Marktteilnehmer das größere Risiko darstellt.
Die Rendite für 30-jährige US-Staatsanleihen habe ihr höchstes Niveau seit Juni 2007 erreicht, und die Rohstoffpreise seien stark gestiegen. Dennoch sei „überall keine Panik“ zu spüren, so die Strategen. Diese Kombination aus gelassener Marktstimmung und mutvollem politischem Eingreifen bezeichnen sie als „Rezept für Volatilität“.
Der wahre Druckpunkt: Diesel statt Öl
Ein zentraler Punkt der Analyse ist der Fokus auf Diesel. Während die medienwirksame Marke von 100 US-Dollar pro Barrel Rohöl oft im Mittelpunkt steht, sehen die BofA-Strategen den Dieselpreis als den eigentlichen wirtschaftlichen Druckpunkt. Der Preis für Diesel habe einen Rekordwert von sechs US-Dollar pro Gallone erreicht. Dies bedrohe zentrale Wirtschaftsbereiche wie die Schifffahrt, den Lkw-Transport, die Landwirtschaft, das Bauwesen und den Bergbau.
Positionierung und Marktsignale
Im Bereich der Positionierungen erklären die Strategen, dass „Peak-Yield“-Trades vor den erwarteten Zinserhöhungen der Zentralbanken funktionieren, um die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik wiederherzustellen. Gleichzeitig habe die Rallye bei langlaufenden Anlagen wie Biotech-Aktien, Regionalbanken und REITs die tatsächlichen Kapitalzuflüsse in diese Bereiche überholt.
Ein besonderes Augenmerk legen die Analysten auf Transportaktien. Dieser Sektor teste derzeit seine 200-Tage-Durchschnittskurve. Ein Bruch unter dieses Niveau würde bestätigen, dass der Sommer-Höhepunkt der Märkte – den die Strategen als „so gut wie möglich“ beschreiben – in eine Herbstangst vor Stagflation umschlägt.
Anleihen als Diversifikator verlieren an Bedeutung
Die BofA greift zudem das klassische Argument für die Haltung von Anleihen als Diversifikator auf und stellt fest, dass dieses Argument zunehmend an Boden verliere. Die Renditen von Anleihen und Aktien seien in diesem Jahr wieder positiv korreliert. Dies stelle eine Umkehr gegenüber dem Zeitraum von 2000 bis 2019 dar, der durch Globalisierung und niedrige Inflation geprägt war. Damals wurde eine Rendite von zwei bis drei Prozent eher als Bonus denn als Risikoprämie behandelt. Diese Verschiebung bedeute möglicherweise, dass Allokatoren höhere Renditen erwarten würden, bevor sie weiteres Kapital in Anleihen investieren.
KI-Investitionen ohne Produktivitätsnachweis
Ein weiterer kritischer Punkt betrifft den Bereich der künstlichen Intelligenz (KI). Trotz Ausgaben in Höhe von 1,5 Billionen US-Dollar über drei Jahre hinweg lägen noch wenig Beweise für gesamtwirtschaftliche Produktivitätssteigerungen vor. Die totale Faktorproduktivität (TFP) sei tatsächlich unter den Trend gefallen – ein Maß, das laut den Strategen seit 50 Jahren eng mit dem Verbrauchervertrauen korreliert.
Kapitalströme zeigen klares Bild
Die jüngsten Kapitalströme zeichnen ein gemischtes Bild. In der Woche bis zum 9. September zogen globale Aktienanlagen 9,8 Milliarden US-Dollar an Zuflüssen an. Der Drei-Wochen-Durchschnitt sei jedoch auf sieben Milliarden US-Dollar gesunken – ein deutlicher Rückgang vom Durchschnitt von 52 Milliarden US-Dollar im Juli.
Anleihen verzeichneten Zuflüsse in Höhe von 17,5 Milliarden US-Dollar, Bargeld 12,9 Milliarden US-Dollar, Kryptowährungen 1,3 Milliarden US-Dollar und Gold 600 Millionen US-Dollar. US-Aktienfonds verzeichneten mit 14,2 Milliarden US-Dollar ihre größten Abflüsse über drei Wochen hinweg. Chinesische Aktien verbuchten dagegen mit 1,1 Milliarden US-Dollar ihre ersten Zuflüsse seit sechs Wochen. Materialwerte verlängerten ihre Zuflussserie auf nun zehn aufeinanderfolgende Wochen mit 1,9 Milliarden US-Dollar.
Im Bereich der festverzinslichen Wertpapiere verzeichneten Investment-Grade-Anleihen die 23. aufeinanderfolgende Woche mit Zuflüssen in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar. Staatsanleihe- und Treasuries-Fonds verbuchten die elfte Woche mit 6,6 Milliarden US-Dollar. Bei High-Yield-Anleihen wurden die Abflüsse mit 100 Millionen US-Dollar wieder aufgenommen.
Auf Sektorebene führte Technologie die Zuflüsse mit 2,2 Milliarden US-Dollar an, während Fonds für Konsumgüter, Gesundheitswesen und Versorgungsunternehmen jeweils Abflüsse verzeichneten.
