BASF will Evonik kaufen: Widerstand bei Preis und Politik
22,15 Euro je Aktie reichen Evonik nicht, NRW stemmt sich gegen die Übernahme, die EU prüft – der Abschluss dürfte Jahre dauern.

BASF hält an seinem Vorstoß auf den Spezialchemiekonzern Evonik fest – doch der Weg zu einem Zusammenschluss ist mit Hürden gepflastert. Der Ludwigshafener Chemieriese bietet 22,15 Euro je Evonik-Aktie, was einem Gesamtvolumen von rund 10,3 Milliarden Euro entspricht. Das unverbindliche Angebot liegt drei Wochen zurück. Evonik hat es als zu niedrig zurückgewiesen. Ein höheres Angebot stellt BASF nur in Aussicht, wenn der Konkurrent Einblick in die Bücher gewährt.
Zugleich formiert sich politischer Widerstand. Die nordrhein-westfälische Landesregierung ist gegen den Zusammenschluss. Mona Neubaur sagt: "Wir wollen, dass die Beschäftigten bleiben. Wir stehen zu diesem Punkt. Und damit ist klar, dass wir gegen diese Übernahme sind."
Für BASF ist der Vorstoß Teil einer strategischen Wende. Konzernchef Markus Kamieth hat das Deutschlandgeschäft seit Jahren zurückgefahren und sich konsequent vom Nicht-Kerngeschäft getrennt. Jetzt soll der Konzern in Deutschland und Europa wieder wachsen. Evonik soll dabei als europäischer Champion gegen die Konkurrenz aus China positioniert werden.
Die Details
Zwischen beiden Konzernen bestehen zahlreiche Berührungspunkte. Evonik ist für BASF zugleich Kunde, Lieferant und Konkurrent. Überschneidungen gibt es vor allem bei Tensiden und Emulgatoren. BASF liefert die Rohstoffe, Evonik verarbeitet sie zu Spezialchemie. Aus der Verbindung erhofft sich BASF große Synergien und höhere Preise. Wettbewerber rechnen dagegen damit, dass bei einem Verkauf einzelner Bereiche Geschäftsfelder frei werden.
Die kartellrechtliche Prüfung dürfte zum Knackpunkt werden. Die EU-Kommission untersucht die Marktanteile je Geschäftsbereich. Für die behördliche Prüfung veranschlagt BASF ein Jahr. Der Abschluss der Übernahme ist frühestens Ende 2028 zu erwarten.
Auf Aktionärsseite ist die RAG-Stiftung der entscheidende Faktor. Sie hält rund 43 Prozent an Evonik und ist damit größter Einzelaktionär. Die Stiftung trägt die Ewigkeitslasten des Steinkohlebergbaus; ihr Kuratorium ist vor allem mit Politikern und Gewerkschaftern besetzt. Ohne die Stiftung ist ein Kontrollwechsel bei Evonik kaum darstellbar.
BASF gibt zugleich Zusagen für die Belegschaft. Nach einem Zusammenschluss sind keine Standortschließungen geplant. Der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2032 soll bestehen bleiben. Die Evonik-Tochter Syneqt will BASF nicht verkaufen.
Bei der Finanzierung setzt BASF bevorzugt auf Barzahlung, teils sind auch Aktien möglich. Einen Teil des Kaufpreises soll der Erlös aus einem Teilbörsengang der Agrarsparte beisteuern, der für 2027 geplant ist. Die Agrarsparte umfasst Pflanzenschutzmittel und Saatgut. Bereits 2025 und 2026 hat BASF das Farben- und Lackgeschäft für Bau- und Autoindustrie schrittweise verkauft.
Beide Konzerne stecken mitten in Sparprogrammen. BASF will die Fixkosten bis 2029 um bis zu 20 Prozent senken. Evonik baut 3200 Stellen ab. Hinzu kommt eine Personalie: Evonik-Chef Christian Kullmann ist nach einer schweren Operation ausgefallen. Claus Rettig führt das Unternehmen seit September übergangsweise.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 30.09.2026 berichtete aktien.news, dass der Evonik-Vorstand das BASF-Angebot von 22,15 Euro je Aktie als unzureichend zurückgewiesen hat. Abgelehnt wurde nicht nur der Preis: Der MDax-Konzern verweigerte dem Konkurrenten zugleich den Einblick in die Konzernbücher und schloss formelle Verhandlungen aus. BASF hatte zuvor einen unverbindlichen Kontakt eingeräumt, ohne eine konkrete Offerte öffentlich zu machen.
Am selben Tag meldete aktien.news weitere Einzelheiten: BASF hatte ein formelles Übernahmeangebot vorgelegt. Evonik beschäftigt in Deutschland rund 20.000 Menschen, BASF knapp unter 50.000. Schätzungen zufolge könnten bis zu 3000 Evonik-Arbeitsplätze hierzulande gefährdet sein. Als besonders bedroht galten die Standorte Marl und Essen; auch Dossenheim, Hanau, Wesseling und Rheinfelden standen unter Beobachtung.
Am 01.10.2026 berichtete aktien.news, dass BASF das Eigenkapital von Evonik mit dem Angebot auf 10,32 Milliarden Euro bewertet und zusätzlich 3,9 Milliarden Euro Nettoverschuldung übernehmen würde. Am 07.10.2026 folgte der Bericht, dass die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag eine Beteiligung des Landes an Evonik ins Spiel brachte. Ziel des Antrags an das Parlament war es, die Eigenständigkeit von Evonik zu erhalten – über ein Modell, bei dem die RAG-Stiftung und das Land Nordrhein-Westfalen gemeinsam auf über 50 Prozent plus X kommen sollten.
Was das für Anleger bedeutet
Die Evonik-Aktie ist derzeit weniger eine fundamentale als eine Übernahmewette. Solange Evonik den Büchereinblick verweigert und formelle Gespräche ausschließt, fehlt die Grundlage für ein höheres Gebot. Umgekehrt hat BASF ausdrücklich Offenheit für eine Aufstockung signalisiert – allerdings nur unter dieser Bedingung. Anleger sollten daher weniger auf Quartalszahlen als auf den Fortgang der Gespräche schauen.
Der zweite große Unsicherheitsfaktor sitzt in Brüssel. Weil sich die Geschäfte bei Tensiden und Emulgatoren überschneiden, prüft die EU-Kommission die Marktanteile je Geschäftsbereich. Diese Prüfung dauert nach BASF-Planung ein Jahr. Kommt es zu Auflagen, könnte BASF Teile abgeben müssen – genau darauf setzen bereits Wettbewerber.
Für BASF-Aktionäre steht die Kapitalseite im Vordergrund. Ein Kaufpreis in Milliardenhöhe plus übernommene Schulden belasten die Bilanz, während der Konzern parallel seine Fixkosten senken und die Agrarsparte an die Börse bringen will. Der Zeitplan bis frühestens Ende 2028 bedeutet, dass der Konzern über Jahre in der Umsetzung gebunden bleibt. Politische Blockade und Kartellprüfung erhöhen das Risiko eines Scheiterns.
Ausblick
Der nächste konkrete Schritt liegt bei Evonik: Erst ein Büchereinblick macht für BASF ein höheres Angebot denkbar. Danach beginnt die einjährige behördliche Prüfung durch die EU-Kommission, an deren Ende Auflagen stehen können. Der Abschluss der Übernahme wird frühestens Ende 2028 erwartet.
Parallel laufen die eigenen Umbauprojekte weiter: der schrittweise Verkauf des Farben- und Lackgeschäfts in den Jahren 2025 und 2026, der Teilbörsengang der Agrarsparte 2027, die Fixkostensenkung bis 2029 und der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2032. Bei Evonik führt Claus Rettig das Unternehmen weiterhin übergangsweise, solange Christian Kullmann ausfällt. Ob die RAG-Stiftung als größter Aktionär einem Verkauf zustimmt und ob sich die nordrhein-westfälische Landesregierung mit ihrer Ablehnung durchsetzt, bleibt offen.
Kurz erklärt
- Unverbindliches Angebot: eine erste Offerte, die für den Bieter noch keine rechtliche Bindung schafft und abgelehnt werden kann.
- Due Diligence: der Einblick in die Bücher eines Zielunternehmens, der Kaufinteressenten eine belastbare Bewertung ermöglicht.
- Kündigungsausschluss: eine Zusage, wonach betriebsbedingte Kündigungen für einen festgelegten Zeitraum ausgeschlossen sind.
