Avingtrans, Tesco und Wetherspoon: Stockpicking auf dem Prüfstand
Drei britische Aktien im Fokus: Avingtrans glänzt mit 50 Prozent Kursanstieg, Tesco hebt Gewinnprognose an.

Der britische Nebenwertemarkt AIM kämpft seit Jahren mit strukturellen Problemen – doch wer genau hinschaut, findet dort nach wie vor substanzielle Wachstumschancen. Die FT-Chefredakteurin Roula Khalaf beleuchtet in ihrem wöchentlichen Newsletter drei Unternehmen, die trotz schwieriger Rahmenbedingungen überzeugen: das Engineering-Konglomerat Avingtrans, den Lebensmittelhändler Tesco und die Pub-Kette JD Wetherspoon.
Der AIM, Londons Primärmarkt für Nebenwerte, leidet unter einem Zusammenspiel ungünstiger Faktoren. Das Interesse der Anleger an britischen Aktien ist gesunken – getrieben von der Attraktivität der starken US-Märkte und dem Wachstum des passiven Investierens, das Kapital vorwiegend in globale Mega-Konzerne lenkt. Höhere Zinssätze belasten Small-Cap-Unternehmen besonders, da diese für Entwicklungskapital häufig auf Kredite angewiesen sind. Hinzu kommt mangelnde Liquidität, die es Unternehmen erschwert, Eigenkapital aufzunehmen. Ein weiterer Rückschlag war die Entscheidung der Labour-Regierung, die vollständige Befreiung von der Erbschaftssteuer für nicht börsennotierte Aktien abzuschaffen – damit entfiel ein wesentlicher Kaufanreiz für AIM-Titel.
Dennoch hat der Markt bemerkenswerte Erfolgsgeschichten hervorgebracht: Fevertree Drinks, Jet2, Unite, Judges Scientific und Cohort sind ebenso darunter wie die späteren Main-Market-Unternehmen easyJet, NCC und Asos, die ihr börsennotiertes Leben auf dem AIM begannen. Eine jüngste Überarbeitung der AIM-Regeln zielt darauf ab, Börsengänge zu fördern, Kosten zu senken und regulatorische Lasten zu verringern.
Die Details
Avingtrans sticht unter den AIM-Werten besonders hervor. Weit mehr als die Hälfte der Umsätze des Engineering-Konglomerats stammt von außerhalb Großbritanniens – ein wichtiges Merkmal in einem Markt, der sonst stark von der heimischen Wirtschaft abhängt. Anleger erhalten über das Unternehmen Zugang zum Boom in den Bereichen Kernenergie und Luft- und Raumfahrt sowie zu medizinischen Geräten über die Bildgebungssparte. Die Strategie, spezialisierte Ingenieurbüros in hochregulierten Sektoren zu kaufen, zu sanieren und gegebenenfalls zu verkaufen, hat das Portfolio erweitert und verfeinert.
Der Kursanstieg von 50 Prozent seit Jahresbeginn – selbst nach einer Kapitalerhöhung von 21 Millionen Pfund – ist laut FT-Autor Michael Fahy leicht nachzuvollziehen. Eine Historie von Umsatz- und Gewinnwachstum, die Fähigkeit, Nischen in komplexen technischen Bereichen zu besetzen, und eine starke Präsenz in Sektoren mit hoher Nachfrage wie Kernenergie und Verteidigung treiben den Kurs. Das Unternehmen hat begonnen, das aufgenommene Kapital einzusetzen: Es erwarb das geistige Eigentum, die Geschäftshistorie und die Marke des Kerntechnik-Unternehmens Joseph Oat Corporation für 2,5 Millionen US-Dollar (1,9 Millionen Pfund). Zudem sucht Avingtrans weiterhin nach Räumlichkeiten für eine größere US-Fabrik und eine Ausbildungsschule.
Der bereinigte Cash-Gewinn der Sparte Advanced Engineering stieg um 12 Prozent auf 24 Millionen Pfund. Der Broker Cavendish prognostiziert für dieses Jahr einen Anstieg des bereinigten Vorsteuergewinns um 23 Prozent. Da die breitere Kapitalbasis nach der Kapitalerhöhung die Gewinne auf mehr Aktien verteilt, fällt die Prognose für das Wachstum des Gewinns pro Aktie mit 12 Prozent gedämpfter aus. Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis von 21 liegt unter dem Fünfjahresdurchschnitt und erscheint angesichts der Aussichten der Gruppe nicht übermäßig hoch.
Tesco lieferte mit seinen Zwischenergebnissen eine widerstandsfähige Performance. Der Umsatz stieg in den sechs Monaten bis zum 29. August um 4 Prozent auf 37,4 Milliarden Pfund, wovon 79,5 Prozent aus dem Kerngeschäft im Vereinigten Königreich und der Republik Irland stammten. Der freie Cashflow belief sich auf 1,57 Milliarden Pfund, wurde jedoch teilweise durch Abflüsse von 558 Millionen Pfund und 613 Millionen Pfund im Zusammenhang mit Aktienrückkäufen und der Schlussdividende des Vorjahres ausgeglichen. Das Management kündigte eine Aufstockung des laufenden Aktienrückkaufprogramms von 750 Millionen Pfund auf 950 Millionen Pfund an. Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet der Vorstand nun einen bereinigten Betriebsgewinn zwischen 3,15 Milliarden Pfund und 3,3 Milliarden Pfund – gegenüber der im April genannten vorsichtigeren Spanne von 3 Milliarden Pfund bis 3,3 Milliarden Pfund.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 24.09.2026 berichtete aktien.news über das Airtel-Money-IPO als mögliches Signal für eine Trendwende am Londoner Aktienmarkt. FT-Chefredakteurin Roula Khalaf stellte damals die Frage, ob eine einzelne, umfangreiche Notierung mit einem angepeilten Marktwert von 9 Milliarden US-Dollar das Blatt für London wenden könne – und verdeutlichte damit, wie der angeschlagene Aktienmarkt wieder an Relevanz gewinnen könnte.
Am 03.10.2026 rückte aktien.news drei weitere britische Aktien in den Fokus: AG Barr, Redcentric und Saga. Der Bericht betonte den Druck auf den Konsumgütersektor durch steigende Kosten und belastete Kunden – ein Kontext, der auch für das aktuelle Marktumfeld britischer Unternehmen relevant bleibt.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die britische Aktien im Blick haben, liefern die drei besprochenen Unternehmen unterschiedliche Investmentprofile. Avingtrans bietet Zugang zu Wachstumsthemen wie Kernenergie, Verteidigung und Medizintechnik über einen kleineren, spezialisierten Anbieter – mit dem entsprechend höheren Risiko eines Nebenwerts. Das KGV von 21 unterhalb des historischen Durchschnitts kann als Bewertungsargument gelten, ist aber kein Garant für künftige Kursgewinne.
Tesco hingegen steht für Stabilität im britischen Lebensmitteleinzelhandel. Die Anhebung der Gewinnprognose und die Aufstockung des Aktienrückkaufprogramms signalisieren Managementvertrauen in die weitere Geschäftsentwicklung. Für Anleger, die auf ausschüttungsstarke und defensive Titel setzen, bleibt Tesco ein klassischer Vertreter des britischen Marktes.
Grundsätzlich gilt: Der AIM-Markt bietet trotz seiner strukturellen Schwächen langfristige Wachstumschancen – setzt aber eine sorgfältige Einzeltitelauswahl voraus. Passive Investments erfassen diesen Markt kaum, was aktiven Stockpickern Vorteile verschaffen kann.
Ausblick
Avingtrans setzt die Suche nach Räumlichkeiten für eine größere US-Fabrik und eine Ausbildungsschule fort. Der Broker Cavendish erwartet für das laufende Jahr einen Anstieg des bereinigten Vorsteuergewinns um 23 Prozent sowie ein Wachstum des Gewinns pro Aktie von 12 Prozent. Tesco peilt für das Geschäftsjahr 2026 einen bereinigten Betriebsgewinn zwischen 3,15 Milliarden Pfund und 3,3 Milliarden Pfund an. Das laufende Aktienrückkaufprogramm wurde auf 950 Millionen Pfund aufgestockt.
Kurz erklärt
- AIM (Alternative Investment Market): Londons Nebenwertemarkt für kleinere und wachstumsorientierte Unternehmen mit vereinfachten Zulassungsregeln gegenüber dem Hauptmarkt.
- Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Kennzahl, die den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie setzt und zur Bewertung einer Aktie herangezogen wird.
- Aktienrückkaufprogramm: Maßnahme, bei der ein Unternehmen eigene Aktien am Markt zurückkauft, um den Wert der verbleibenden Aktien zu steigern.
