AMD-Lieferengpass: Warum Knappheit die Aktie beflügeln könnte
AMD kann Chips nicht schnell genug produzieren – und investiert massiv, um die explodierende Nachfrage bis 2027 zu erfüllen.

Advanced Micro Devices (AMD) hat ein Problem, das sich viele Unternehmen wünschen würden: Der Konzern kann seine Chips nicht schnell genug herstellen, um die Nachfrage zu befriedigen. CEO Lisa Su bestätigte dies am 6. Oktober in Taipeh gegenüber Reportern – die Nachfrage übersteige das Angebot, und AMD plane, seine Kapazitäten bis 2027 erheblich auszuweiten. Die AMD-Aktie schloss am selben Tag auf einem Rekordhoch von 649,42 US-Dollar, was den Chiphersteller mit über einer Billion US-Dollar bewertet.
Doch stellt die Knappheit eine Wachstumsbremse dar? Analysten und Beobachter sehen das differenziert. Der Engpass begrenzt lediglich, wie stark AMD seine eigenen Ziele übertreffen kann – nicht aber die Fähigkeit, diese zu erreichen. Das ist ein wesentlicher Unterschied, der für Anleger entscheidend ist.
Nachfrage übertrifft AMDs eigene Prognosen
In der Telefonkonferenz zum zweiten Quartal erklärte Su auf eine Analystenfrage hin: „Ich würde sagen, dass die Lieferkette für Server-CPUs derzeit angespannt ist, und das war sie auch im ersten Halbjahr, da ein Großteil dieser Nachfrage nicht vorhergesehen wurde." Die Käufer bestellten schlicht mehr, als AMD geplant hatte. Su ergänzte, dass die Nachfrage für 2027 „besser prognostiziert" sei und AMD über das „Angebot verfüge, um die besprochene Prognose mehr als zu erfüllen".
In Taipeh erläuterte Su zudem, dass AMD mehr Kapazitäten für fortschrittliche Wafer benötige und nun drei bis fünf Jahre im Voraus plane. Ihr Besuch beinhaltete ein Treffen mit Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC), das die fortschrittlichsten Chips von AMD fertigt – ein klares Signal, dass das Unternehmen die Weichen für langfristiges Wachstum stellt.
Eine 30-Milliarden-Dollar-Wette auf Kapazitäten
Wie entschlossen AMD handelt, zeigen die unbedingten Verpflichtungen des Konzerns – hauptsächlich für Wafer, Substrate, Komponenten sowie mehrjährige Cloud-Service-Verträge. Diese stiegen von rund 12,2 Milliarden US-Dollar Ende 2025 auf 25,7 Milliarden Ende März 2026 und weiter auf 30,3 Milliarden US-Dollar Ende Juni 2026. Innerhalb von nur sechs Monaten legte der Gesamtbetrag damit um rund 150 Prozent zu.
Zum Vergleich: Der Gesamtumsatz von AMD im Jahr 2025 betrug 34,6 Milliarden US-Dollar – die Verpflichtungen von 30,3 Milliarden liegen also nahe an einem vollen Jahresumsatz. Zusätzlich führten Vorauszahlungen im Rahmen von Lieferverträgen im ersten Halbjahr 2026 zu einem Anstieg der Rechnungsabgrenzungsposten und sonstigen Vermögenswerte um 1,0 Milliarden US-Dollar. Im Mai kündigte AMD darüber hinaus Investitionen von mehr als 10 Milliarden US-Dollar in seine taiwanesische Lieferkette an, hauptsächlich zur Ausweitung des Advanced Packaging.
Zugegeben: Verpflichtungen in dieser Größenordnung bergen Risiken. Sollte die Nachfrage nachlassen, könnte AMD auf überschüssigen Lagerbeständen und höheren Produktionskosten sitzen bleiben. Doch AMD geht diese Verpflichtungen zu einem Zeitpunkt ein, an dem seine Server-Chips bereits knapp sind – was wohl der beste Zeitpunkt ist, um sich Kapazitäten zu sichern.
Rechenzentrumsgeschäft mit explosivem Wachstum
Die Zahlen aus dem Rechenzentrumsbereich sprechen für sich. Das Segment wuchs im Jahresvergleich im letzten Quartal 2025 um 39 Prozent, im ersten Quartal 2026 um 57 Prozent und im zweiten Quartal 2026 um beeindruckende 107 Prozent – mit einem Umsatz von 6,7 Milliarden US-Dollar. Das Wachstum hat sich damit zwei Quartale in Folge beschleunigt.
Für das dritte Quartal 2026 prognostiziert das Management einen Gesamtumsatz von rund 13 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von etwa 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Zudem wurde Helios, das Rack-Scale-KI-Serversystem von AMD, wie geplant im dritten Quartal ausgeliefert. Für 2027 erwartet das Management, dass sich der Umsatz im Rechenzentrumsbereich mehr als verdoppeln wird, wobei der Umsatz mit Server-CPUs um über 70 Prozent steigen soll.
Auch bei den Preisen zeichnet sich eine positive Entwicklung ab. Su erklärte, dass das Servergeschäft von AMD im zweiten Quartal sowohl bei den Stückzahlen als auch bei den durchschnittlichen Verkaufspreisen im zweistelligen Bereich gewachsen sei – und sie erwartet, dass beide Kennzahlen weiter steigen werden. Die Knappheit schlägt sich allerdings nicht wesentlich in höheren Margen nieder: Auf Non-GAAP-Basis blieb die Bruttomarge in den ersten beiden Quartalen 2026 bei 55 und 56 Prozent, für das dritte Quartal wird ebenfalls rund 56 Prozent prognostiziert.
Ist die AMD-Aktie nahe ihrem Rekordhoch ein Kauf?
Die Aktie notiert aktuell bei rund 635 US-Dollar – ein Plus von etwa 22 Prozent seit der Veröffentlichung der Ergebnisse für das zweite Quartal. Das Papier wird mit etwa dem 40-Fachen des für 2027 erwarteten Gewinns je Aktie gehandelt. Die Bewertung setzt damit voraus, dass sich der Umsatz im Rechenzentrumsbereich planmäßig verdoppelt.
Für AMD spricht, dass die größte Herausforderung derzeit nicht die Kundengewinnung ist, sondern die Produktion ausreichender Chipmengen – und das Unternehmen investiert bereits massiv, um dieses Problem zu lösen. Anleger sollten jedoch beachten, dass die Aktie bereits viel Optimismus einpreist und die ambitionierten Wachstumsziele tatsächlich erreicht werden müssen, um die aktuelle Bewertung zu rechtfertigen.
