Atomaktien: Zwei grüne und zwei rote Flaggen für Anleger
NextEra kauft Dominion, doch der Kernkraftsektor birgt enorme Chancen und erhebliche Risiken für Investoren.

NextEra Energy hat kürzlich den Kauf von Dominion Energy vereinbart – zumindest teilweise, um Zugang zur schnell wachsenden Nachfrage nach Rechenzentren zu erhalten. Die Transaktion verschafft dem kombinierten Unternehmen zudem eine erhebliche Marktposition im US-amerikanischen Kernkraftsektor. NextEra setzt dabei auf langfristige Trends, die es als entscheidend erachtet: Die Stromnachfrage in den Vereinigten Staaten soll zwischen 2025 und 2045 um 60 Prozent steigen.
Für Anleger ergibt sich daraus eine enorme Chance durch die Kernenergie. Doch jedes Angebot birgt Risiken, wie der Rückzug des Kernkraftsektors im Jahr 2026 gezeigt hat. Zwei grüne Flaggen gilt es zu beachten – und zwei rote Flaggen, die vor einem Einstieg in den Sektor abgewogen werden sollten.
Die grünen Flaggen: Nachfrage und Neubau
Die steigende Stromnachfrage ist der primäre Grund, warum Aktien von Kernkraftunternehmen als Investitionsmöglichkeit favorisiert werden. Der Schlüssel zum Verständnis der 60-Prozent-Prognose liegt darin, dass die Nachfrage im vorherigen 20-Jahreszeitraum lediglich um 10 Prozent gestiegen ist. Dies stellt einen sprunghaften Anstieg dar. Erneuerbare Energiequellen wie Solar- und Windkraft werden diese Nachfrage nicht vollständig decken können, da sie intermittierend sind. Kernkraft bietet hingegen stets Grundlaststrom.
Ein signifikanter Teil der erwarteten Nachfrage geht auf neue Technologien zurück, etwa Elektrofahrzeuge und künstliche Intelligenz. Erste Anzeichen zeigen sich bereits: Unternehmen wie Constellation Energy schließen Verträge mit KI-Firmen ab, um stillgelegte Kernkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen oder solche, die eigentlich stillgelegt werden sollen, offen zu halten.
Dennoch gibt es weltweit derzeit 438 betriebsbereite Reaktoren, von denen 417 tatsächlich in Betrieb sind, so der Kernbrennstofflieferant Cameco. Es gibt also nur begrenzte Wachstumschancen innerhalb des bestehenden Kernkraftwerksbestands. Die große Chance – und die zweite grüne Flagge – liegt im Neubau. Derzeit befinden sich 77 Reaktoren im Bau, die meisten davon in Asien. Unternehmen wie Oklo und NuScale Power versuchen, die Kerntechnologie mit kleinen modularen Reaktoren (Small Modular Reactors, SMRs) auf ein neues Niveau zu heben. Die staatliche Unterstützung für SMRs und die Kernenergie im Allgemeinen könnte einen neuen Bauboom in Gang setzen.
Die roten Flaggen: Finanzierung und Bewertung
Wie bei jeder neuen Technologie müssen Anleger jedoch auf die Cashflows achten. Oklo und NuScale sind beispielsweise beides Verlustgeschäfte. Das Konzept der SMRs ist zwar aufregend, doch bis sie zu einem signifikanten Faktor in der Branche werden, bleibt noch viel Arbeit übrig. Während diese beiden Aktien nach der Nachricht, dass die US-Regierung Start-ups im Kernkraftbereich finanziert, deutlich an Wert gewannen, korrigierten sie wieder nach unten, als klar wurde, dass keines der Unternehmen kurz vor der Profitabilität steht. Dieses Beispiel verdeutlicht gleich zwei rote Flaggen, da sowohl neue Technologien als auch Finanzierungsfragen überwacht werden müssen.
Allerdings ist die Finanzierung nicht nur ein Problem für Start-ups. Der Bau eines großskaligen Kernkraftwerks ist ein kostspieliges Unterfangen – es ist zudem zeitaufwendig und schwierig. Geld ist daher ein sehr großes Problem für jedes Unternehmen, das seinen Kernkraftwerksbestand ausbauen möchte. Dies ist auch ein Grund, warum NextEra Dominion kauft. Das kombinierte Unternehmen wird nicht nur Nummer zwei im US-Kernkraftmarkt sein, sondern auch das größte börsennotierte Versorgungsunternehmen in den Vereinigten Staaten und der Welt. Dies dürfte ihm einen bevorzugten Zugang zu den Kapitalmärkten verschaffen.
Anleger treffen jedoch stets Abwägungen zwischen Risiko und Rendite. Etwas, das genau beobachtet werden muss – und damit die zweite rote Flagge –, ist die Bewertung. Verlustgeschriebene Start-ups sind berüchtigt dafür, schwer zu bewerten zu sein. Constellation Energy weist jedoch selbst nach einem Kursrückgang ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 25x auf. Der Durchschnittswert für Versorger liegt bei rund 19x. Der Kernbrennstofflieferant Cameco hat ein KGV von 157x, betreibt jedoch ein rohstoffgetriebenes Geschäft, was gelegentlich zu extremen Bewertungsfiguren führen kann. NextEras KGV liegt bemerkenswerterweise bei rund 17x, was es relativ günstig erscheinen lässt, aber es ist weit davon entfernt, ein reines Play im Bereich der Kernenergie zu sein.
Selbst ein gutes Geschäft kann eine schlechte Investition sein, wenn man zu viel dafür bezahlt. Und launische Anleger haben bewiesen, dass die Stimmung im Kernkraftsektor schnell kippen kann. Anleger müssen mit Vorsicht agieren und sicherstellen, dass sie mit dem Preis, den sie für den Besitz einer Kernkraftaktie zahlen, zufrieden sind.
Enorme Chancen und enorme Risiken
Die Kernenergie hat viele Vorteile, doch beim Kauf einer Aktie sind immer Risiken zu berücksichtigen. Derzeit sind die wachsende Stromnachfrage und der Bau von Kernkraftwerken zwei grüne Flaggen, die es zu beobachten gilt. Rote Flaggen wie die Finanzierung hochpreisiger Reaktoren und die Entwicklung neuer Technologien sowie die Sektorbewertungen müssen ebenfalls im Auge behalten werden, da sie die Begeisterung für eine bestimmte Aktie dämpfen könnten. Für deutsche Anleger, die auf den US-Kernkraftsektor setzen wollen, gilt daher: Die langfristigen Trends sind vielversprechend, doch die Auswahl der richtigen Aktie zum richtigen Preis bleibt entscheidend.
