Anthropic: Gründer sichern sich Stimmrechtsmehrheit vor Börsengang
Dario Amodei und sechs Mitgründer sollen 50,1 Prozent der Stimmrechte erhalten – die Aktionäre müssen der neuen Struktur noch zustimmen.

Anthropic bereitet den wohl größten Börsengang der jüngeren US-Technologiegeschichte vor – und will dabei sicherstellen, dass die Gründer auch nach dem Gang aufs Parkett das Sagen behalten. Wie aus einem Bericht des US-Technologiemagazins The Information vom Donnerstag (Ortszeit) hervorgeht, bittet das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude seine Aktionäre um Zustimmung zu einer neuen Unternehmensstruktur. Kern der Regelung: Dario Amodei und sechs Mitgründer sollen zusammen 50,1 Prozent der Stimmrechte erhalten.
Damit würde eine Gruppe von sieben Personen dauerhaft die Mehrheit der Stimmrechte auf sich vereinen – unabhängig davon, wie viele Anteile künftig an der Börse gehandelt werden. Möglich machen soll das eine spezielle Aktiengattung, die den Gründern bei den meisten Entscheidungen die Kontrolle sichert. Von dieser Sonderregel ausgenommen ist lediglich die Wahl des Verwaltungsrats.
Das Vorgehen orientiert sich an der Struktur der Softwarefirma Palantir. Anthropic selbst wollte sich zu dem Bericht zunächst nicht äußern. Das Unternehmen gilt seit Monaten als führend bei KI-Anwendungen für Firmenkunden und steht hinter dem Sprachmodell Claude.
Die Details
Die geplante Struktur sieht vor, dass die sieben Gründer gemeinsam 50,1 Prozent der Stimmrechte halten. Damit liegt die Gruppe knapp über der Schwelle, ab der sie bei den meisten Entscheidungen nicht überstimmt werden kann. Eine Bedingung ist allerdings an die Regelung geknüpft: Mindestens drei der sieben Gründer müssen einen bestimmten Mindestanteil am Unternehmen halten, damit die Sonderrechte greifen.
Der Verwaltungsrat von Anthropic umfasst sieben Sitze, von denen einer derzeit unbesetzt ist. Die Wahl dieses Gremiums fällt ausdrücklich nicht unter die Sonderrechte der Gründer – hier sollen die übrigen Aktionäre also weiterhin mitentscheiden können. Neben den Gründern sollen auch Mitarbeiter eine besondere Aktiengattung erhalten, die mit einer ausschlaggebenden Stimme ausgestattet ist.
Die finanziellen Eckdaten des Unternehmens sind beeindruckend: In einer Finanzierungsrunde im Mai sammelte Anthropic 65 Milliarden Dollar ein. Die Bewertung lag zu diesem Zeitpunkt bei 965 Milliarden Dollar. Der Börsengang könnte sich nach den US-Kongresswahlen im November verschieben, wobei die Wahlen nach Einschätzung aus dem Bericht wohl keine größeren Auswirkungen auf die Aktienplatzierung haben dürften.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Pläne für einen Börsengang reifen seit Monaten. Bereits am 27.03.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropic einen IPO schon im vierten Quartal 2026 erwägt. Das US-Technologiemagazin The Information berichtete damals unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen, Führungskräfte hätten entsprechende Pläne intern bereits diskutiert. Banker, die um das Mandat für den IPO konkurrierten, rechneten damit, dass Anthropic mehr als 60 Milliarden Dollar einsammeln würde – womit der Börsengang zu einem der größten in der Geschichte der US-Kapitalmärkte zählen würde.
Am 02.06.2026 meldete aktien.news, dass Anthropic offiziell die Weichen für einen Börsengang in den USA gestellt hat. Das Unternehmen teilte mit, die entsprechenden Unterlagen bei den US-Behörden eingereicht zu haben, um noch in diesem Jahr einen IPO durchzuführen. Preis und Anzahl der angebotenen Aktien seien „noch nicht festgelegt worden". Zum damaligen Zeitpunkt wurde Anthropic von privaten Investoren mit mehr als 965 Milliarden US-Dollar bewertet und lag damit vor dem Rivalen OpenAI, der zuletzt mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet wurde.
Am 11.08.2026 folgte der nächste Schritt: Laut einem Bericht des Wall Street Journal vom Montag führte Anthropic intensive Gespräche mit potenziellen Investoren, um vor dem geplanten Börsengang Vertrauen aufzubauen. Geplant war das Börsendebüt für September oder Anfang Oktober. Am 14.09.2026 berichtete aktien.news, dass CEO Dario Amodei die Euphorie bremst und eine Verlangsamung der KI-Entwicklung fordert, während das Unternehmen eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar anstrebt. Der IPO-Prospekt war demnach im Juni vertraulich bei der US-Börsenaufsicht eingereicht worden, als Handelsplatz wurde die Nasdaq ausgewählt.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger, die einen Einstieg bei einem Börsengang von Anthropic erwägen, ist die geplante Stimmrechtsstruktur ein zentraler Punkt. Wer Aktien ohne Sonderstimmrechte kauft, beteiligt sich am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens, hat aber kaum Einfluss auf dessen Ausrichtung. Entscheidungen über Strategie, Zukäufe oder die Besetzung von Führungspositionen bleiben faktisch in der Hand der Gründer.
Solche Doppelklassen-Strukturen sind bei US-Technologieunternehmen verbreitet und sollen verhindern, dass Gründer nach dem Börsengang durch neue Großaktionäre oder den Kapitalmarkt unter Druck gesetzt werden. Für Minderheitsaktionäre bedeutet das im Gegenzug eine schwächere Position: Sie können das Management nicht abwählen und haben bei den meisten Abstimmungen das Nachsehen. Ein Trost bleibt die Ausnahme im Regelwerk – die Wahl des Verwaltungsrats, des wichtigsten Kontrollgremiums, ist von den Sonderrechten ausgenommen.
Anleger sollten zudem beachten, dass die Struktur noch nicht in Kraft ist. Sie setzt die Zustimmung der Aktionäre voraus, und die Gründer müssen dauerhaft einen Mindestanteil halten, damit die Sonderrechte bestehen bleiben. Fällt diese Bedingung weg, entfällt auch der Sonderstatus. Wer sich an einem Börsengang beteiligt, sollte deshalb nicht nur auf die Bewertung und das Wachstum des KI-Geschäfts schauen, sondern auch auf die Frage, welche Rechte die gezeichneten Anteile tatsächlich mit sich bringen.
Ausblick
Der genaue Zeitpunkt des Börsengangs ist offen. Nach Angaben aus dem Bericht könnte sich das Debüt nach den US-Kongresswahlen im November verschieben, wobei die Wahlen wohl keine größeren Auswirkungen auf die Aktienplatzierung haben dürften. Zuvor müssen die Aktionäre der neuen Unternehmensstruktur zustimmen. Anthropic selbst hat sich zu den Vorgängen zunächst nicht geäußert.
Kurz erklärt
- Stimmrechtsaktie: eine Aktiengattung, die ihrem Inhaber je Anteil mehr Stimmrechte einräumt als gewöhnliche Aktien.
- Doppelklassen-Struktur: ein Modell, bei dem ein Unternehmen mehrere Aktiengattungen mit unterschiedlich starken Stimmrechten ausgibt.
- Börsengang: der erstmalige Verkauf von Unternehmensanteilen an einer Börse.
