Microsoft bündelt Business-KI in einer App im Kampf gegen Anthropic
Der Softwarekonzern führt Coding- und Agentenfunktionen in einer Copilot-App zusammen und setzt bei der Bezahlung auf Nutzung statt Abonnement.

<a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft hat am Freitag eine aktualisierte Version seiner Copilot-App für Unternehmenskunden vorgestellt. Die neue Anwendung bündelt erstmals Programmierfähigkeiten und ein Werkzeug zum Erstellen von KI-Agenten in einer einzigen Oberfläche. Mit diesem Schritt will der Softwarekonzern mehr seiner Office-365-Kunden dazu bewegen, für die erweiterten KI-Tools zu bezahlen. Das Unternehmen reagiert damit auf den wachsenden Wettbewerbsdruck durch Anthropic, dessen Claude-Angebote im Enterprise-Bereich zunehmend Fuß fassen.
Die Ausgangslage ist für Microsoft zwiespältig. Zwar hält der Konzern über Office eine dominante Position in der Business-Software, doch sein Flaggschiff-Produkt im Bereich künstliche Intelligenz hat den erhofften Durchbruch bislang nicht erzielt. Von weltweit mehr als 450 Millionen bestehenden kommerziellen Office-365-Lizenzen entfallen weniger als 7% auf Lizenzen für die KI-Erweiterung. Bis zuletzt bot Microsoft seinen 365 Copilot AI-Assistenten für Wissensarbeit getrennt von seinem GitHub Copilot Coding-Agenten an.
Damit vollzieht der Konzern eine strategische Kehrtwende. Der Markt konsolidiert sich zunehmend um benutzerfreundliche Produkte von OpenAI und Anthropic, die verschiedene Funktionen in einer Anwendung bündeln. Microsoft reagiert nun mit einem vergleichbaren Ansatz und führt seine bislang getrennten Werkzeuge zusammen.
Die Details
Bei der Bezahlung weicht Microsoft von seinem bisherigen Modell ab. Das kommerzielle Microsoft 365 Copilot kostet 30 US-Dollar pro Benutzer und Monat im Abonnement. Für die Bereiche Cowork, Code und Autopilot der neuen App sollen Kunden dagegen nutzungsbasiert bezahlen, ähnlich wie beim Kauf anderer KI-Produkte. „Wir legen einen sehr hohen Maßstab an“, sagte Jacob Andreou, Executive Vice President für Copilot bei Microsoft, gegenüber CNBC. „Dieses Produkt ist am besten, wenn es sich ausschließlich auf den Nutzwert für den Benutzer sowie auf die Qualität der Ausgabe und die geleisteten Ergebnisse konzentriert.“ Die Kosteneffizienz sei weniger wichtig, so Andreou.
Die neue Code-Funktion richtet sich ausdrücklich auch an nicht-technische Anwender. Sie ermöglicht es ihnen, einfache KI-gesteuerte Programmierprojekte zu starten, und basiert auf derselben Technologie wie GitHub Copilot. Ein Autopilot-Tab erlaubt es Nutzern, benutzerdefinierte Agenten zu erstellen, die Aufgaben erledigen und in Teams sowie Outlook kommunizieren können. Im Home-Tab, in dem Nutzer Produktivitätsanfragen stellen – etwa das Generieren eines Berichts oder das Planen von Änderungen –, ist dagegen kein Microsoft-Modell verfügbar.
Bei der Modellwahl lässt Microsoft seinen Kunden freie Hand. Nutzer des Coding-Produkts können manuell auswählen, welches Modell sie verwenden möchten, einschließlich eines kosteneffizienten Angebots von Microsoft. Obwohl der Konzern in eigene Modelle investiert, stützt er sich bei der Bedienung der Nutzerbedürfnisse weiterhin auf die führenden Modelle von OpenAI und Anthropic.
Aus der Kundschaft kommt positive Resonanz. David McLaren, Leiter für Unternehmensdaten und KI bei der Beratungsfirma GHD, sagte, sein Unternehmen habe Microsoft Copilot an 12.000 Mitarbeiter verteilt. Rund 200 Mitarbeiter experimentierten mit Copilot Cowork, das komplexere Aufgaben bewältigen könne. McLaren zufolge freut er sich über die neue App, „weil sie GitHub-ähnliche Fähigkeiten für mehr Menschen einfacher nutzbar macht“.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 09.03.2026 berichtete aktien.news, dass Microsoft das neue Tool Copilot Cowork vorgestellt und dabei auf die KI-Technologie des Start-ups Anthropic gesetzt hatte. Das Tool basiert demnach auf Anthropics viralem Angebot Claude Cowork, das die Technologiebranche zuletzt mit beeindruckenden Fähigkeiten aufhorchen ließ. Copilot Cowork soll komplexe Aufgaben mit begrenzter menschlicher Aufsicht bewältigen können – dazu gehören die Erstellung von Apps, das Anlegen von Tabellenkalkulationen sowie das Organisieren großer Datenmengen. Der Schritt erfolgte nur wenige Wochen, nachdem neue Produkte von Anthropic einen deutlichen Kursrückgang bei Softwareaktien ausgelöst hatten.
Am 03.02.2026 berichtete aktien.news über den Start der Codex-App von OpenAI. OpenAI veröffentlichte damals eine Desktop-Anwendung und eine mobile App, mit der Nutzer mehrere KI-Agenten gleichzeitig über längere Zeiträume verwalten und koordinieren können. Die Einführung fiel in eine Phase, in der OpenAI im Coding-Bereich deutlich hinter Anthropic zurücklag: Dessen Tool Claude Code hatte sich zum Marktführer entwickelt und in den ersten sechs Monaten nach Launch einen annualisierten Umsatz von 1 Milliarde US-Dollar erzielt. OpenAI legte nach eigenen Angaben besonderen Wert auf Benutzerfreundlichkeit, um fortgeschrittene Codierungsfunktionen einem breiteren Anwenderkreis zugänglich zu machen.
Am 07.06.2026 folgte der Bericht, dass OpenAI ChatGPT zu einer sogenannten Super-App umbauen will. Die geplante Plattform sollte Programmierwerkzeuge und KI-Agenten integrieren und damit deutlich mehr Funktionen bieten als bisher. Hintergrund war laut dem Bericht der Wunsch, den Umsatz vor einem möglichen Börsengang spürbar zu steigern. Auch Microsofts CEO Satya Nadella hatte im Juni eine zukünftige Copilot-„Super-App“ angekündigt – der aktuelle Launch knüpft an diese Ankündigung an.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist vor allem eine operative Kennzahl aufschlussreich: Weniger als 7% der mehr als 450 Millionen kommerziellen Office-365-Lizenzen umfassen bislang die KI-Erweiterung. Das zeigt, wie groß der unerschlossene Monetarisierungsspielraum ist – aber auch, wie schwer Microsoft sich tut, seine bestehende Kundschaft zum Upgrade zu bewegen. Die Umstellung auf nutzungsbasierte Preise könnte die Erlöse stärker an die tatsächliche Nutzung koppeln, macht die Umsatzentwicklung aber auch schwerer planbar als bei klassischen Abonnements.
Der Aktienkurs spiegelt die Skepsis. Microsoft-Papiere sind bis zum Schlusskurs am Donnerstag um 3% im Jahr gestiegen und liegen damit hinter dem Nasdaq und den meisten Megacap-Mitbewerbern des Unternehmens zurück. Gleichzeitig ist der Markt für KI-Agenten zunehmend überfüllt: Die Meta-Muse-App kletterte nach ihrer Einführung Anfang dieses Monats schnell an die Spitze des Apple App Store, nachdem Tools wie Instinct und das quelloffene OpenClaw an Beliebtheit gewonnen hatten.
Bemerkenswert ist auch die Abhängigkeit von der Konkurrenz. Microsoft investiert zwar in eigene Modelle, verlässt sich bei der Bedienung der Nutzerbedürfnisse aber weiterhin auf die führenden Modelle von OpenAI und Anthropic. Andreou räumte gegenüber CNBC ein, dass die Integration der Coding-Komponente in die App ein Fall davon sei, dass Microsoft nachzieht. „Das Problem ist, dass diese Agenten fast unmöglich in den Enterprise-Bereich zu integrieren waren“, sagte er bei einer Produktvorführung für Kunden in Seattle am Mittwoch. Diese Einordnung ist keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.
Ausblick
Unternehmen, die am Frontier-Programm von Microsoft teilnehmen, das Zugang zu den neuesten Features bietet, werden in den kommenden Wochen die Home- und Code-Tabs nutzen können. Der Autopilot-Tab soll bis Ende dieses Monats in einer privaten Vorschau verfügbar sein. Nadella ordnete das Programm bei der Veranstaltung am Mittwoch ein: „Wenn ich an das Frontier-Programm denke, geht es hier nicht um ein einzelnes Frontier-Modell“, sagte er. „Es geht um das Frontier-Ökosystem, das wir sicherstellen wollen, in dem jedes Unternehmen seine Human Capital, die im Fluss der KI liegt, nutzen und dann dieses kontinuierliche Lernsystem aufbauen kann.“
Ob die neue Bündelung tatsächlich mehr Office-365-Kunden zum Bezahlen bewegt, wird sich an der Nutzungsquote der kommenden Quartale messen lassen müssen. Klar ist: Microsoft tritt nicht als Erster, sondern als Nachziehender an – in einem Markt, in dem OpenAI und Anthropic die Taktung vorgeben.
Kurz erklärt
- Nutzungsbasierte Bezahlung: Abrechnungsmodell, bei dem Kunden keine feste Monatsgebühr zahlen, sondern nur die tatsächlich abgerufenen Leistungen vergütet werden.
- KI-Agent: Ein Softwareprogramm, das eigenständig Aufgaben ausführt und dabei mit anderen Anwendungen oder Menschen kommuniziert.
- Super-App: Eine einzige Anwendung, die zahlreiche verschiedene Funktionen und Dienste unter einer gemeinsamen Oberfläche bündelt.
