Altana trotzt der Chemie-Krise mit Spezialchemie und Datenfokus
Der Weseler Spezialchemiekonzern wächst gegen den Branchentrend und setzt auf Forschung, Digitalisierung und breite Diversifikation.

Während die deutsche Chemieindustrie die schwerste Krise seit Jahrzehnten durchlebt, legt ein Konzern aus Wesel am Niederrhein gegen den Trend zu. Altana steigerte im ersten Halbjahr 2026 seinen Umsatz um drei Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. Das Ergebnis kletterte sogar um 14 Prozent auf 332 Millionen Euro. Damit hebt sich das Unternehmen deutlich von Branchengrößen wie Evonik und Lanxess ab, die mit Margen von 13 beziehungsweise 9 Prozent kämpfen. Altana kommt auf eine Marge von knapp 20 Prozent.
Die Branche leidet unter schwacher Konjunktur, hohen Energiekosten und wachsendem Wettbewerbsdruck aus China. Viele Chemieunternehmen streichen Stellen und legen Anlagen still. Eine leichte Erholung zuletzt gilt lediglich als Sondereffekt durch den Iran-Krieg. Altana verfolgt dagegen einen grundlegend anderen Ansatz als etwa BASF, das auf Basischemie setzt. Der Weseler Konzern konzentriert sich auf Spezialchemie – und genau darin liegt sein Vorteil.
Additive als Wachstumsmotor
Das wichtigste Geschäftsfeld sind Additive für zahlreiche Branchen. Diese Zusatzstoffe wirken bereits in winzigen Mengen und verändern die Eigenschaften von Produkten grundlegend. Weil die Lösungen spezifisch auf einzelne Kunden zugeschnitten sind, ist die Zahlungsbereitschaft hoch. Zugleich bleibt Altana breit aufgestellt: Kein Sektor macht mehr als ein Fünftel des Umsatzes aus. Die Automobilindustrie trägt 15 bis 20 Prozent bei – Rückgänge dort kann die Nachfrage aus der Elektro- und Elektronikindustrie ausgleichen. „Wir sind nicht abhängig von einem Markt“, betont Martin Babilas.
Ein weiterer Vorteil: Altana betreibt keinen Cracker. Solche Anlagen erzeugen Grundstoffe, verursachen aber horrende Energiekosten. Beim Weseler Spezialisten liegen die Energiekosten im niedrigen einstelligen Prozentbereich des Umsatzes. 90 Prozent der Erlöse erwirtschaftet das Unternehmen im Ausland. Diese Struktur macht den Konzern weniger anfällig für die Standortschwäche in Deutschland.
Forschung und Entwicklung sind der zentrale Hebel. Altana investiert knapp sieben Prozent des Konzernumsatzes in F&E – mehr als doppelt so viel wie der Branchendurchschnitt. Im digitalen Labor in Wesel laufen täglich gut 200 Lackversuche. „Daten sind für uns ein sehr wertvolles Gut“, sagt Babilas. Die Laborleitung liegt seit 2022 bei Claudia Bramlage. Für 25 Millionen Euro plant das Unternehmen einen neuen Laborkomplex am Standort Wesel, an dem Altana bereits seit den 1960er-Jahren vertreten ist.
Langfristigkeit dank Eigentümerstruktur
Ein Grund für die konjunkturunabhängige Strategie ist die Eigentümerstruktur. Bis 2007 stellte Altana auch Arzneimittel her, der Pharmabereich war damals größer als das heutige Kerngeschäft. Susanne Klatten ordnete den Verkauf der Pharmasparte an. 2010 übernahm sie das Unternehmen vollständig, es folgte der Börsenrückzug. Diese Unabhängigkeit erlaubt langfristiges Handeln. Ende 2023, mitten in der Energiekrise, tätigte Altana zwei größere Übernahmen.
Auch die Regulierung deutet der Konzern als Chance. Das Regulierungsteam wuchs von einer Handvoll auf Hunderte Mitarbeiter. Ab 2030 gelten Recyclinganforderungen für Verpackungen – ein Feld, auf dem Altana mit Dichtungen für Flaschendeckel und Metallicpigmenten für Autolacke bereits aktiv ist. Eine neue Produktionslinie in Wesel fertigt zudem Additive für Hochleistungsbatterie-Elektroden.
Für Privatanleger ist die Geschichte dennoch kein reines Selbstläufer-Investment. Hubert Schönberger von der Beratung BCG warnt: „Das Spezialchemikaliengeschäft birgt das Risiko, sich zu verzetteln.“ Wer in Spezialchemie investiert, sollte also auf margenstarke Nischen, breite Diversifikation und eine belastbare Forschungsbasis achten – genau jene Faktoren, die Altana derzeit von der kriselnden Basischemie abheben.
