Aldi-Chef kritisiert Treuerabatte der Konkurrenz als Kunden-Täuschung
Giles Hurley nennt Rabatte unrealistisch, die bei hohen Preisen starten – Aldi meldet 5 Prozent Umsatzplus auf 19 Milliarden Pfund.

Der britische Aldi-Chef Giles Hurley hat rivalisierende Supermarktketten beschuldigt, Kunden in einigen Fällen mit Treuerabatten zu täuschen. Diese Rabatte starteten mit „unrealistisch hohen Preisen“ und fielen anschließend wieder, kritisierte der Chief Executive von Aldi in Großbritannien. Rabatte seien hilfreich, „wenn sie echt sind und realistische Preisnachlässe zeigen“ – unrealistische Senkungen dagegen „täuschten Kunden“.
Aldi ist die einzige große Supermarktkette in Großbritannien, die kein Treueprogramm betreibt, das von Millionen von Käufern genutzt wird. Hurley hatte ähnliche Kritik an Rabattmodellen bereits in der Vergangenheit geäußert. Seine aktuellen Aussagen fallen in eine Phase, in der der Discounter zwar weiter wächst, aber nicht mehr so dynamisch wie in den Jahren zuvor.
Bemerkenswert ist der Widerspruch zur britischen Aufsicht: Die offizielle Wettbewerbsbehörde des Landes hatte 2024 die Treuepreisgestaltung der Supermärkte untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass Käufer „fast immer echte Einsparungen erzielen“. Hurleys Darstellung, Kunden würden durch solche Programme getäuscht, steht damit gegen die Einschätzung der Behörde.
Die Details
Aldi meldete für 2025 einen Umsatzanstieg von 5 Prozent auf 19 Milliarden Pfund im Vergleich zu 2024. Die operativen Gewinne sanken im gleichen Zeitraum jedoch leicht. Der Händler führte dies auf höhere Personalkosten sowie auf Investitionen in Infrastruktur und Preise zurück. Für Preissenkungen gab das Unternehmen nach eigenen Angaben in diesem Jahr 340 Millionen Pfund aus.
Zusätzlich kündigte die deutsche Kette Pläne an, im nächsten Jahr 40 neue Filialen zu eröffnen. Das geschieht im Rahmen eines Investitionsprogramms in Höhe von 900 Millionen Pfund. Aldi will zudem langfristige Vereinbarungen mit britischen Lieferanten ausweiten.
Hurley betonte, das Unternehmen ziehe trotz harter Konkurrenz in der gesamten Branche neue Kunden an. „Wir sind der einzige Händler, bei dem der Preis für Ihren wöchentlichen Einkauf diesen Sommer tatsächlich günstiger ist als im letzten Sommer“, sagte er. Der Fokus liege auf „alltäglich niedrigen Preisen, nicht auf kurzlebigen Angeboten, die schon in der folgenden Woche verschwinden“.
Zur Rolle von Werbepreisen sagte Hurley: „Werbepreise können alltagsniedrige Preise ergänzen, wenn sie sinnvoll sind, wenn sie echt sind und realistische Preisnachlässe zeigen.“ Wenn Werbeangebote jedoch mit unrealistisch hohen Preisen beginnen – „und auf Preise fallen, die nicht besonders wettbewerbsfähig sind und Kunden täuschen“ –, dann seien dies Treueprogramme, „die nicht unterstützend, nicht transparent sind und Kunden nicht dabei helfen, ihren Haushalt zu planen und zu budgetieren“.
Widerspruch kam von Ged Futter, dem ehemaligen Einkäufer bei Asda und heutigen Einzelhandelsberater. Gegenüber der BBC sagte er, Hurleys Kommentare seien eine „Ablenkung von der Tatsache, dass Aldi in Großbritannien unter Druck steht“. Aldi sei „bis vor etwa zwei Jahren steil aufgestiegen“, wachse nun aber „hinter dem Hauptfeld der großen Supermärkte zurück“. „Die Preislücke ist nicht mehr so klar wie früher“, fügte Futter hinzu.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 07.08.2026 berichtete aktien.news, dass die britische Wettbewerbs- und Marktaufsichtsbehörde (Competition and Markets Authority, CMA) Aldi und Lidl künftig denselben Immobilienregeln unterwerfen will wie etablierte Supermarktketten. Konkret ging es um sogenannte „Controlled Land Orders“, die verhindern sollen, dass große Lebensmittelhändler durch gezielte Grundstückskäufe oder -pachtverträge die Ansiedlung von Konkurrenten in ihrer Nähe blockieren. Die CMA eröffnete damals eine Konsultationsphase bis zum 7. September; die Regelung wurde ursprünglich 2010 eingeführt, um das sogenannte „Land Banking“ einzudämmen.
Am 10.08.2026 meldete aktien.news, dass der neue britische Premierminister Andy Burnham ein Maßnahmenpaket gegen täuschende Rabattpraktiken und sogenannte Abo-Fallen angekündigt hat. Er strebt ein Verbot für Einzelhändler an, die Kunden mit irreführenden Angaben zu Rabatten täuschen. Geplant war, im Herbst eine Konsultation über ein Vorgehen gegen überhöhte frühere Preise – sogenannte „Streichpreise“ –, erfundene Rabatte und irreführende unverbindliche Preisempfehlungen einzuleiten.
Am 23.04.2026 berichtete aktien.news über den Sainsbury's-Chef Simon Roberts, der die britische Regierung angesichts massiv gestiegener Energiekosten um Unterstützung für den Lebensmittelsektor bat. Hintergrund war der starke Anstieg der Energiepreise infolge der US-israelischen Angriffe auf den Iran, die Ende Februar begannen.
Und am 03.02.2026 zeigte eine Untersuchung der Vergleichsapp Smhaggle, dass die klassischen Preisunterschiede zwischen Discountern und Supermärkten im deutschen Lebensmittelhandel kaum noch existieren. Bei rund 2.000 Produkten des Kernsortiments lagen die Preise nahezu identisch – unabhängig vom Händler. „Ob Milch, Joghurt, Nudeln oder Butter: Die Preise sind bis auf wenige Ausnahmen cent-genau gleich“, erklärte Smhaggle-Geschäftsführer Sven Reuter.
Was das für Anleger bedeutet
Die Aussagen Hurleys sind vor allem ein Signal für den Wettbewerbsdruck im britischen Lebensmittelhandel. Aldi wächst beim Umsatz, verliert aber beim operativen Ergebnis – ein Muster, das zeigt, dass Wachstum in diesem Markt zunehmend über Preise und Investitionen erkauft werden muss. Die 340 Millionen Pfund für Preissenkungen und das 900-Millionen-Pfund-Investitionsprogramm binden Kapital, das kurzfristig nicht gewinnsteigernd wirkt.
Für deutsche Privatanleger ist relevant, dass Aldi als deutsche Kette in Großbritannien agiert und dort gleichzeitig mit regulatorischem Gegenwind konfrontiert ist. Die CMA will die Immobilienregeln für Aldi und Lidl verschärfen, und die britische Regierung plant ein Vorgehen gegen irreführende Rabattpraktiken. Beide Vorhaben betreffen den Handlungsspielraum von Discountern und damit die Rahmenbedingungen des gesamten Sektors.
Hinzu kommt die politische Dimension der Preistransparenz: Wenn ein Discounter öffentlich Treueprogramme der Wettbewerber als intransparent kritisiert, während gleichzeitig eine staatliche Konsultation zu genau diesem Thema läuft, verschiebt sich die Debatte von einzelnen Händlern auf die Branche insgesamt. Anleger sollten die weitere Regulierungsentwicklung daher als eigenständigen Faktor beobachten – unabhängig von den Quartalszahlen einzelner Ketten.
Ausblick
Für das kommende Jahr plant Aldi 40 neue Filialen in Großbritannien und ein Investitionsprogramm von 900 Millionen Pfund. Die langfristigen Vereinbarungen mit britischen Lieferanten sollen ausgeweitet werden. Hurley argumentierte, jüngste Dürren und globale Ereignisse hätten Verwundbarkeiten in den Lebensmittelversorgungsketten aufgezeigt. Die Stärkung der inländischen Produktion sollte aus seiner Sicht eine nationale strategische Priorität sein, um die Exposition Großbritanniens gegenüber Schocks zu verringern, die die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben können.
Auf regulatorischer Seite läuft die von der CMA eröffnete Konsultationsphase zu den Immobilienregeln, die ursprünglich bis zum 7. September angesetzt war. Die britische Regierung wollte im Herbst eine Konsultation zu Streichpreisen, erfundenen Rabatten und irreführenden unverbindlichen Preisempfehlungen einleiten. Ob und wann daraus verbindliche Vorgaben werden, ist offen.
Kurz erklärt
- Treuepreis: Ein Preis, der Kunden nur mit einer Kundenkarte oder Mitgliedschaft im Treueprogramm eines Händlers gewährt wird.
- Operativer Gewinn: Das Ergebnis aus dem laufenden Geschäft, bevor Zinsen und Steuern berücksichtigt werden.
- Land Banking: Das Aufkaufen oder Sichern von Grundstücken durch Händler, um Konkurrenten an einer Ansiedlung in der Nähe zu hindern.
