Yellen hält Fed-Zinssenkung trotz Nahost-Inflationsrisiken für möglich
Die US-Finanzministerin äußerte sich auf dem HSBC Global Investment Summit in Hongkong zu den Aussichten für die Geldpolitik.

Die ehemalige Fed-Vorsitzende und amtierende US-Finanzministerin Janet Yellen hält eine Zinssenkung der Federal Reserve noch in diesem Jahr für möglich – trotz der Inflationsrisiken durch den anhaltenden Krieg im Nahen Osten. Diese Einschätzung äußerte Yellen am Mittwoch auf dem HSBC Global Investment Summit in Hongkong, wie Reuters berichtete.
„Wenn ich an der nächsten FOMC-Sitzung teilnehmen würde, bei der die Prognosen erstellt werden, wäre meine Vermutung, dass es vielleicht später im Jahr eine Senkung geben könnte", sagte Yellen. Das Federal Open Market Committee (FOMC) ist das geldpolitische Entscheidungsgremium der US-Notenbank, das über Leitzinsanpassungen abstimmt.
Yellen räumte ein, dass die kurzfristigen Inflationserwartungen zuletzt gestiegen seien. Gleichzeitig betonte sie, dass die Zentralbank gegenüber neuen Inflationsschocks wachsam bleiben müsse. Der Nahostkonflikt übe spürbaren Aufwärtsdruck auf die Preise aus, und die wirtschaftliche Unsicherheit habe in dessen Folge stark zugenommen.
Nahost-Konflikt als Angebotsschock
Besonders deutlich wurde Yellen beim Thema Inflation: „Wir werden wahrscheinlich mehr (Inflation) sehen – dies ist ein wirklich umfassender Angebotsschock", so die Finanzministerin. Ein Angebotsschock beschreibt in der Wirtschaft ein Ereignis, das das Angebot an Gütern oder Energie abrupt verringert und dadurch die Preise treibt.
Die Ölpreise waren infolge des Konflikts stark gestiegen. Die Daten zum US-Verbraucherpreisindex für März zeigten einen deutlichen, durch Energiepreise getriebenen Anstieg der Inflation. Der Iran-Krieg befand sich Mitte April in seiner sechsten Woche, wobei die Störungen am Energiemarkt kaum Anzeichen einer Abschwächung zeigten.
Fed beließ Zinsen zuletzt unverändert
Die Federal Reserve hatte die Zinssätze im März unverändert in der Spanne zwischen 3,50 % und 3,75 % belassen. Die Notenbank mahnte dabei zur Vorsicht hinsichtlich der inflationären Auswirkungen des Konflikts zwischen den USA, Israel und dem Iran. Dennoch prognostiziert eine Mehrheit der Fed-Entscheidungsträger mindestens eine potenzielle Zinssenkung im laufenden Jahr.
Für deutsche Anleger und Investoren ist die US-Geldpolitik von erheblicher Bedeutung: Zinsentscheidungen der Fed beeinflussen globale Kapitalströme, den Wechselkurs zwischen Euro und Dollar sowie die Bewertungen an den internationalen Aktienmärkten. Eine Zinssenkung in den USA könnte Kapital in Richtung europäischer Märkte lenken und den Dollar gegenüber dem Euro schwächen.
Yellens Aussagen unterstreichen das schwierige Umfeld, in dem sich die Fed derzeit bewegt: Einerseits besteht der Wunsch, die Zinsen zur Entlastung der Wirtschaft zu senken, andererseits zwingen geopolitische Risiken und deren Auswirkungen auf die Energiepreise zur Vorsicht. Wie sich die Lage weiterentwickelt, bleibt eng mit dem Verlauf des Nahostkonflikts verknüpft.
