IWF stuft Wachstum Deutschlands und der G7 deutlich herab
Der Iran-Konflikt treibt Energiepreise und Inflation – der IWF senkt die Wachstumsprognosen für Deutschland und andere G7-Staaten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat am 15. April 2026 die Wachstumsprognosen für mehrere große Industrieländer deutlich nach unten korrigiert. Als Hauptursache nennt der IWF die anhaltenden Energieversorgungsschocks und fiskalischen Belastungen infolge des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Deutschland und das Vereinigte Königreich sind besonders stark betroffen.
Für Deutschland senkt der IWF seine Wachstumsprognose für 2026 auf 0,8 Prozent – ein Rückgang um 0,3 Prozentpunkte. Noch härter trifft es Großbritannien: Dort wurde die Prognose von 1,3 auf 0,8 Prozent gekürzt, was den stärksten Rückgang unter allen G7-Staaten darstellt. Diese Revisionen folgen auf ähnliche Warnungen führender deutscher Wirtschaftsinstitute, die angesichts steigender Energiekosten und globaler Handelsunsicherheiten Bedenken gegenüber dem exportorientierten Modell Deutschlands geäußert haben.
Fiskalischer Druck auf G7-Staaten
Innerhalb der G7 stehen Regierungen vor der schwierigen Aufgabe, öffentliche Ausgaben mit fiskalischer Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Hohe Schuldenquoten, verschärft durch steigende Ausgaben für Verteidigung und Klimaschutz, treffen auf wachsende Kreditkosten. Besonders aufschlussreich: Die Zinszahlungen der OECD-Länder übertrafen im Jahr 2024 die gesamten Verteidigungsausgaben – ein strukturelles Hemmnis für nationale Haushalte.
In Europa zeigt sich ein gespaltenes Bild. Während Italiens Risikoaufschlag auf Staatsanleihen den niedrigsten Stand seit 2008 erreicht hat, ist das Vertrauen der Investoren in französische Anleihen gesunken. Beobachter sehen darin ein Zeichen für die wachsende Sorge vor Stagflation und mangelnder Haushaltsdisziplin in Teilen der Eurozone.
Deutschlands „Tankrabatt 2.0" unter Beschuss
Die deutsche Bundesregierung hat als Reaktion auf den wirtschaftlichen Druck ein Entlastungspaket von 1,6 Milliarden Euro angekündigt, das unter anderem eine Senkung der Mineralölsteuer um 17 Cent pro Liter vorsieht. Die Maßnahme erinnert an den „Tankrabatt" aus dem Jahr 2022 und wird deshalb bereits als „Tankrabatt 2.0" diskutiert.
Ökonomen wie Marcel Fratzscher vom DIW und Monika Schnitzer vom Sachverständigenrat üben scharfe Kritik. Sie bezeichnen die Maßnahme als „Gießkannenprinzip", das einkommensschwache Haushalte nicht gezielt entlastet. Zudem bestehen Zweifel, ob die Steuersenkung tatsächlich vollständig an die Verbraucher weitergegeben wird – oder ob die Ersparnis von der Mineralölbranche einbehalten wird. Als effektivere Alternative schlagen Experten direkte Transferzahlungen vor, ähnlich der Energiepauschale aus dem Jahr 2022.
Darüber hinaus plant die Regierung einen freiwilligen, steuerfreien Entlastungsbonus von bis zu 1.000 Euro für Arbeitnehmer. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände stehen dem Vorhaben skeptisch gegenüber: Viele Unternehmen verfügten nicht über die nötige Liquidität, um solche Boni auszuzahlen. Zudem drohe die Maßnahme Beschäftigte in Niedriglohnsektoren zu verfehlen – wie die begrenzte Verteilung früherer Inflationsboni gezeigt habe.
Streiks bei Lufthansa und Fachkräftemangel
Neben den makroökonomischen Herausforderungen kämpft die deutsche Wirtschaft mit erheblichen operativen Störungen. Bei der Lufthansa streiken derzeit sowohl Piloten (Vereinigung Cockpit) als auch Kabinenpersonal (UFO) über Renten und Arbeitsbedingungen. Der Flughafenverband ADV fordert gesetzliche Einschränkungen des Streikrechts im Luftfahrtsektor und verweist auf Millionenverluste und Beeinträchtigungen für Dritte.
Gleichzeitig schwächelt das duale Berufsausbildungssystem: Die Zahl neuer Ausbildungsverträge sank 2025 um 2,8 Prozent. Experten warnen, dass dieser Trend den langfristigen Fachkräftemangel in Deutschland weiter verschärfen könnte.
Märkte reagieren auf Diplomatie-Signale
Trotz des negativen Gesamtausblicks zeigten sich die Finanzmärkte zuletzt widerstandsfähig. DAX und FTSE 100 verzeichneten Gewinne, nachdem die US-Regierung Signale gesendet hatte, dass diplomatische Kanäle mit dem Iran weiterhin offen seien. Trotz einer US-Militärblockade iranischer Häfen haben Präsident Donald Trump und Vizepräsident JD Vance Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Der Ölpreis fiel daraufhin leicht unter die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel.
Die geopolitische Lage bleibt jedoch fragil. Die britische Finanzministerin Rachel Reeves kritisierte die USA öffentlich für das Fehlen einer klaren Ausstiegsstrategie im Iran-Konflikt und bezeichnete die Situation als „Torheit", die Familien und Volkswirtschaften weltweit schade. Auch Unternehmen spüren die Folgen: Der Luxusgüterkonzern LVMH meldete, dass der Konflikt den Gesamtumsatz der Gruppe um mindestens 1 Prozent gedrückt habe. Investoren beobachten zudem gespannt die bevorstehenden Quartalsergebnisse von Kering, Givaudan und Publicis Groupe.
