Wirtschaft unter Druck: Insolvenzen steigen langsamer
Experten warnen vor Unsicherheit, Refinanzierungsrisiken und strukturellen Problemen in allen Branchen

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist im April 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur noch leicht gestiegen. Das Statistische Bundesamt meldete einen Zuwachs von 3,3 Prozent. Damit wurde zum zweiten Mal in Folge eine einstellige Steigerungsrate registriert, nachdem zuvor über Monate hinweg zweistellige Zuwächse gemeldet wurden. Dies hat in der öffentlichen Diskussion die Hoffnung geweckt, dass der Höhepunkt der Pleitewelle möglicherweise erreicht sei. Doch Experten aus der Restrukturierungs- und Insolvenzpraxis halten diese Hoffnung für verfrüht.
Im Rahmen der Handelsblatt Jahrestagung Restrukturierung in Frankfurt diskutieren Fachleute über die aktuelle wirtschaftliche Lage. Sie gehen davon aus, dass auch in den kommenden Monaten mit einer hohen Zahl an Restrukturierungsfällen zu rechnen ist. Ursächlich seien unter anderem strukturelle Schwächen des Wirtschaftsstandorts Deutschland sowie die Unsicherheiten durch den jüngsten, von US-Präsident Donald Trump ausgelösten internationalen Zollkonflikt. Laut Friedrich Schlott, Partner der Kanzlei Kirkland & Ellis, ist bislang keine Trendwende erkennbar. Viele Unternehmen befassen sich weiterhin intensiv mit Fragen der Krisenbewältigung.
Frank Grell von der Kanzlei Latham & Watkins betont, dass die Unsicherheit hinsichtlich verlässlicher Rahmenbedingungen derzeit das größte Problem für Unternehmen darstelle. Auch wenn höhere Zölle in manchen Fällen bewältigbar seien, wirke sich das ständige Hin und Her in der Politik hemmend auf Investitionsentscheidungen aus. In Restrukturierungssituationen werde aber häufig frisches Kapital benötigt – das angesichts der unklaren Lage von Investoren zunehmend zurückgehalten werde.
Die Berater von AlixPartners warnen vor einer bevorstehenden Refinanzierungskrise. Bis 2029 werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz Unternehmensschulden in Höhe von über 600 Milliarden Euro fällig. Gleichzeitig sinkt die Profitabilität vieler Firmen, was eine problemlose Refinanzierung erschwert. Besonders betroffen seien exportorientierte Branchen, so Rainer Bizenberger von AlixPartners.
Auch Martin Tasma von der Kanzlei Hengeler Mueller registriert verstärkte Anfragen im Bereich Private Equity. Die betroffenen Portfoliounternehmen seien oft hoch verschuldet und anfällig für Marktveränderungen. Bei steigenden Zinsen und operativen Schwierigkeiten entstehe schnell Handlungsbedarf. Zusätzlich belasten hohe Energiekosten, Klimaziele, Absatzprobleme in der Automobilindustrie sowie Bürokratie und Konsumzurückhaltung die Unternehmen. In der aktuellen Rezession kämpfen Unternehmen aus nahezu allen Wirtschaftszweigen mit Herausforderungen.
