Wie die USA den Ersten Weltkrieg mit Chaplin und Girl Scouts finanzierten
Das Liberty-Loan-Programm spielte über 21 Milliarden Dollar ein und begründete den modernen US-Schatzmarkt.

Der Erste Weltkrieg gilt als einer der tödlichsten Konflikte der Geschichte. Als die USA 1917 in den Krieg eintraten, standen sie vor einer gewaltigen finanziellen Herausforderung: Wie sollte der amerikanische Beitrag zum Krieg finanziert werden? Diese Frage rückte Schatzminister William McAdoo in den Mittelpunkt, der mit dem sogenannten Liberty-Loan-Programm eine bahnbrechende Antwort fand.
McAdoo setzte dabei nicht allein auf staatliche Kanäle, sondern verband die Anleiheemission mit einer beispiellosen nationalen Propagandakampagne. Diese Kampagne band Stummfilmstars wie Charlie Chaplin, die Girl Scouts und sogar ein erbeutetes deutsches U-Boot im Central Park ein. Ziel war es, Tausende von Amerikanern davon zu überzeugen, „eine Anleihe zu kaufen" – als Teil ihrer patriotischen Pflicht.
Ein Programm mit enormer Wirkung
Die Kampagne war offenbar erfolgreich. Wie die Moderatoren Gillian Tett und Robin Wigglesworth in der FT-Sendung „The Story of Money" diskutieren, spielte das Liberty-Loan-Programm mehr als 21 Milliarden Dollar ein. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse entspricht dies etwa 9 Billionen Dollar. Diese Summe verdeutlicht, welch zentrale Rolle die Anleihen für die Kriegsfinanzierung der Vereinigten Staaten spielten.
Doch die Bedeutung des Programms reichte weit über den Krieg hinaus. Nach Einschätzung der Diskutanten begründete die Kampagne den modernen US-Schatzmarkt. Darüber hinaus verwandelte sie Amerika in eine Nation von Investoren – ein Wandel, der die Finanzgeschichte des Landes nachhaltig prägte.
Für deutsche Leser ist der historische Vergleich aufschlussreich: Während die USA ihre Kriegsfinanzierung über breit angelegte Anleihekampagnen und die Mobilisierung der eigenen Bevölkerung organisierten, verlief die Finanzierung in anderen kriegführenden Staaten Europas unter deutlich anderen Voraussetzungen. Der amerikanische Ansatz, die Bevölkerung direkt als Käufer von Staatsanleihen einzubinden, war in dieser Form neuartig und wirkte als Katalysator für die Entwicklung eines breiten Kapitalmarktpublikums.
Hintergrund und Einordnung
Die Episode ist Teil des wöchentlichen Newsletters von Roula Khalaf, Chefredakteurin der Financial Times, die darin ihre favorisierten Geschichten auswählt. Die Podcast-Folge „The Story of Money" wird von Gillian Tett und Robin Wigglesworth moderiert. Als weiterführende Literatur nennt die Sendung das Buch „A Fabulous Debt: How Bonds Made the Modern World" von Robin Wigglesworth.
Wer künftige Folgen verfolgen möchte, kann „The Story of Money" auf der bevorzugten Podcast-Plattform sowie auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Sendung abonnieren. Das Transkript der Folge ist auf FT.com verfügbar. Für die Produktion verantwortlich zeichnen Senior Producer Michela Tindera, Breen Turner für originale Musik und Sounddesign, Broadcast-Ingenieur Gregory Bobillot sowie Laura Clarke für die Podcast-Entwicklung. Globale Leiterin Audio bei der FT ist Flo Phillips.
Die Geschichte des Liberty-Loan-Programms zeigt, wie eng Finanzmärkte und politische Mobilisierung miteinander verwoben sein können. Ein Instrument, das ursprünglich der Kriegsfinanzierung diente, legte den Grundstein für einen der bedeutendsten Anleihemärkte der Welt – und für eine Anlegerschaft, die bis heute das Rückgrat der amerikanischen Kapitalmärkte bildet.
