Wall-Street-Banken: Rekordhandel kühlt im dritten Quartal ab
Die fünf größten US-Investmentbanken dürften im dritten Quartal ihre schwächsten Handelsergebnisse des Jahres vorlegen.

Die Rekordjagd an der Wall Street verliert an Tempo. Analysten erwarten, dass JPMorgan Chase, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Citigroup und Bank of America in ihren Ergebnissen für das dritte Quartal gemeinsam Handelsumsätze von rund 38 Milliarden US-Dollar im Aktien- und Rentenhandel ausweisen werden. Das wäre zwar noch ein Anstieg von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr – markiert jedoch einen deutlichen Rückgang gegenüber den Rekordhandelsumsätzen von 47 Milliarden US-Dollar im zweiten Quartal sowie ein Minus von fast 12 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal.
Die zentrale Frage, die Investoren und Analysten beschäftigt, formulierte Chris Kotowski, Senior Analyst bei Oppenheimer, so: Es gehe darum, „inwieweit diese großen Gewinne im Handel aufrechterhalten oder ausgebaut werden können." Die Antwort fällt vorerst ernüchternd aus – zumindest für das laufende Quartal.
Die Details
Besonders auffällig ist das Ausmaß der saisonalen Abschwächung. Barclays-Analyst Jason Goldberg prognostiziert einen Rückgang von etwa 20 Prozent zwischen dem zweiten und dritten Quartal – verglichen mit einem typischen saisonalen Minus von lediglich 6 Prozent. Das dritte Quartal umfasst traditionell die Sommerpause der Banker und fällt daher regelmäßig schwächer aus. Dennoch wird erwartet, dass es das bisher beste dritte Quartal der Banken seit Beginn der Aufzeichnungen sein wird.
Auch beim Gesamtgewinn zeichnet sich eine deutliche Abkühlung ab. Analysten erwarten für die fünf Banken einen Gesamtgewinn von 44 Milliarden US-Dollar im dritten Quartal. Das liegt fast 9 Prozent über dem Vorjahreswert, entspricht jedoch einem Rückgang von etwa 20 Prozent – oder fast 10 Milliarden US-Dollar – gegenüber dem zweiten Quartal.
Als Ursachen für die Verlangsamung nennen Banker der Wall Street bei BofA, JPMorgan und Morgan Stanley einen Rückgang bei Finanzierungsgeschäften in Asien sowie eine Verlangsamung im Handel mit festverzinslichen Wertpapieren, Währungen und Rohstoffen. Auch das Investmentbanking dürfte ein ähnliches Muster zeigen. Gerard Cassidy, Senior Analyst bei RBC, kommentierte: „Am Ende des zweiten Quartals waren die Banken sehr enthusiastisch bezüglich des Ausblicks. Mehr Börsengänge sowie Fusionen und Übernahmen. Wir erwarten, dass dieser Enthusiasmus nun etwas gedämpft wird."
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entwicklung kommt nicht überraschend. Bereits am 16. Juli 2026 berichtete aktien.news, dass die fünf größten Wall-Street-Banken auf ihr erfolgreichstes Handelsjahr aller Zeiten zusteuern – mit einem gemeinsamen Handelsziel von rund 180 Milliarden US-Dollar für das Gesamtjahr 2026. Treiber waren damals eine beispiellose Risikobereitschaft unter Anlegern sowie der boomende Handel mit gehebelten Produkten und die starke Aktivität großer Hedgefonds.
Am 17. September 2026 berichtete aktien.news dann von ersten Warnzeichen: Führende Bankmanager sprachen auf einer Branchenkonferenz von einer spürbaren Verlangsamung. Bank-of-America-Chef Brian Moynihan sagte, die Sales-and-Trading-Erlöse würden im dritten Quartal „flach" ausfallen – die Aktie der Bank verlor daraufhin an einem einzigen Tag fünf Prozent.
Am 8. Oktober 2026 rückte aktien.news den Anstieg der Treasury-Renditen in den Fokus: Anleger prüften, ob höhere Zinsen das Deal-Making und das Kreditwachstum dämpfen könnten. Und am 10. Oktober 2026 berichtete aktien.news über den konkreten Startschuss der Berichtssaison: Citigroup, Goldman Sachs, Wells Fargo und JPMorgan Chase legen am Dienstag ihre Zahlen vor, Morgan Stanley und Bank of America folgen am Mittwoch.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in US-Bankaktien investiert sind oder dies erwägen, sind mehrere Aspekte relevant. Bankaktien blieben im vergangenen Monat bereits hinter dem breiteren Markt zurück. Als Gründe gelten Sorgen, dass die Einnahmen aus der Finanzierung von Rechenzentren nachlassen könnten, sowie Befürchtungen, dass KI-Agenten die Kundenloyalität beeinträchtigen könnten.
Hinzu kommt ein technisches Risiko: Analysten erwarten, dass die Banken nicht realisierte Verluste in ihren Wertpapierportfolios verbuchen werden, da die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen gestiegen sind. Diese Buchwertberichtigungen beeinflussen zwar nicht den Nettogewinn, wirken sich jedoch auf die Kapitalpositionen der Banken aus. Cassidy brachte die Stimmung der Anleger auf den Punkt: „Sie erinnern sich an 2023. Und ich denke, das ist ein Teil des Grundes, warum diese Aktien eine Underperformance gezeigt haben, seit die Fed die Zinsen angehoben hat."
Tatsächlich entwickelten sich nicht realisierte Verluste in den Wertpapierportfolios der Banken während der regionalen Bankenkrise im Jahr 2023 zu einem Hauptgrund zur Sorge. Seitdem haben die Banken versucht, ihre Bestände in Richtung kurzfristiger Schuldtitel umzuschichten, um weniger anfällig für Preisschwankungen bei längerfristigen Zinsen zu sein.
Ausblick
Die Quartalsergebnisse der fünf größten US-Investmentbanken werden in der kommenden Woche veröffentlicht. Citigroup, Goldman Sachs und JPMorgan Chase legen am Dienstag vor, Morgan Stanley und Bank of America folgen am Mittwoch. Laut FactSet-Daten wird für die Banken insgesamt ein Gewinnwachstum von rund 10 Prozent erwartet. Entscheidend dürfte jedoch nicht nur die Höhe der Zahlen sein, sondern auch der Ausblick der Bankchefs auf das vierte Quartal – insbesondere mit Blick auf die Entwicklung im Investmentbanking, wo Börsengänge sowie Fusionen und Übernahmen zuletzt wieder Hoffnungen geweckt hatten.
Seit 2020 ist der Handel nach einer Phase schwacher Renditen in den 2010er-Jahren wieder in den Fokus gerückt. Insbesondere haben die Banken ihre Aktivitäten bei der Finanzierung von Geschäften für Hedgefonds und große Vermögensverwalter verstärkt. In diesem Jahr profitierten die Handelssparten von der Marktvolatilität im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, Rohstoffpreisbewegungen und Zinsschocks – ein Umfeld, das JPMorgan-Chef Jamie Dimon im letzten Quartal als „nahezu so gut wie es nur geht" beschrieb.
Kurz erklärt
- Sales-and-Trading: Bereich einer Investmentbank, der Wertpapiere im Auftrag von Kunden oder auf eigene Rechnung kauft und verkauft.
- Nicht realisierte Verluste: Buchverluste auf Wertpapiere, die noch gehalten werden und deren Marktpreis unter den Einstandspreis gefallen ist.
- Festverzinsliche Wertpapiere: Anleihen und ähnliche Schuldtitel, die regelmäßige Zinszahlungen in festgelegter Höhe ausschütten.
