Vier Jahre Bullenmarkt: Warum die Rallye noch nicht vorbei ist
Der S&P 500 feiert sein Vier-Jahres-Jubiläum mit einem Plus von 117 Prozent – und Experten sehen weiteres Potenzial.

Der aktuelle Aktien-Bullenmarkt erreicht Anfang nächster Woche einen bemerkenswerten Meilenstein: Vier Jahre sind vergangen, seit der S&P 500 am 22. Oktober 2022 seinen Tiefstand bei 3.577 Punkten markierte. Seitdem hat der US-Leitindex um 117 Prozent zugelegt – eine Rallye, die viele Anleger in ihrer Ausdauer überrascht hat. Doch mit dem Jubiläum wächst bei manchen auch die Sorge, ob der Bulle langsam in die Jahre kommt.
Keith Lerner, Chief Investment Officer bei Truist Advisory Services, tritt dieser Skepsis entschieden entgegen. Die Geschichte lege nahe, dass die Aktienmarktrallye „immer noch einen Vertrauensvorschuss verdient", so Lerner. Sein Argument stützt sich auf historische Muster: Bullenmärkte, die das vierte Jahr überstehen, geben laut Truist selten auf. Die bloße Dauer einer Rallye sei kein hinreichender Grund, ihr Ende zu erwarten.
Für viele Anleger ist diese Botschaft wichtig. Denn die intuitive Annahme, dass ein langer Bullenmarkt zwangsläufig seinem Ende nähert, ist weit verbreitet – historisch aber nicht zwingend belegt. Alter allein macht einen Bullenmarkt nicht verwundbar.
Die Details
Der Startpunkt der aktuellen Rallye liegt klar definiert: der 22. Oktober 2022, als der S&P 500 bei 3.577 Punkten seinen Tiefpunkt erreichte. Von dort aus hat der Index bis heute 117 Prozent gewonnen. Dieser Anstieg erstreckt sich über vier Kalenderjahre und schließt damit eine Phase ein, die von Zinserhöhungen, geopolitischen Spannungen und konjunkturellen Unsicherheiten geprägt war.
Keith Lerner von Truist Advisory Services ist eine der zentralen Stimmen in dieser Debatte. Als Chief Investment Officer eines der größten US-amerikanischen Finanzinstitute beobachtet er Marktzyklen systematisch. Seine Einschätzung, dass der Bullenmarkt weiterhin Schlagkraft besitzt, basiert auf der Auswertung historischer Bullmarkt-Zyklen – nicht auf kurzfristigen Kursbewegungen.
Die Kernthese lautet: Die Länge eines Bullenmarktes allein ist kein verlässlicher Indikator für sein baldiges Ende. Bullenmärkte enden typischerweise aus fundamentalen Gründen – nicht weil sie ein bestimmtes Alter erreicht haben.
Hintergrund: Was bisher geschah
Das Thema beschäftigt aktien.news bereits seit Monaten. Bereits am 19. April 2026 berichtete aktien.news, dass der S&P 500 seine kriegsbedingten Verluste vollständig wettgemacht hatte und wieder auf Rekordhoch notierte. Markt-Stratege Jeffery Hirsch vom Stock Trader's Almanac erkannte darin ein saisonales Muster aus den Trump-Jahren: Der Index neige dazu, Ende März bis Anfang April ein Frühjahrstief auszubilden, bevor er bis Jahresende deutliche Kursgewinne verzeichne.
Am 5. Mai 2026 meldete aktien.news, dass Keith Lerner das aktuelle Marktumfeld als besonders widerstandsfähig bezeichnete. In einem Kommentar, der MarketWatch vorlag, empfahl er Anlegern, standhaft zu bleiben. Die Fundamentaldaten stützten weiterhin höhere Aktienkurse, so Lerner – ein Bild, das er mit dem Begriff „Teflon-Markt" beschrieb.
Am 20. Mai 2026 berichtete aktien.news über die Frage, ob drei starke Aktienjahre in Folge – 2023, 2024 und 2025 – weitergehen könnten. Die monatliche Fondsmanager-Umfrage der Bank of America zeigte damals ein bemerkenswertes Bild: Ein Rekordanteil der befragten Fondsmanager war ins bullishe Lager gewechselt, und der Anteil derjenigen, die angaben, in Aktien übergewichtet zu sein, hatte ein Niveau erreicht, das zuletzt im Januar 2022 verzeichnet worden war.
Schließlich berichtete aktien.news am 26. Juni 2026, dass Strategen der Citigroup den Bullenmarkt als weiterhin intakt einstuften. Ihre Begründung: Bedeutende Markteinbrüche der Vergangenheit wurden stets durch aggressive Zinserhöhungszyklen der US-Notenbank ausgelöst – ein Szenario, das im aktuellen Umfeld nicht vorliege. Die Citi verwies dabei auf historische Markthochs: Das S&P-500-Hoch im Jahr 2000 folgte auf Fed-Zinserhöhungen um 175 Basispunkte, der Marktgipfel von 2007 auf eine Straffung um 425 Basispunkte, der Rücksetzer 2018 auf Anhebungen um 225 Basispunkte und der Ausverkauf von 2022 auf einen weiteren Straffungszyklus.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in US-Aktien oder globale Fonds investiert sind, ist die Einschätzung von Truist relevant. Wer aufgrund des Alters des Bullenmarktes über einen Ausstieg nachdenkt, sollte sich bewusst machen, dass historische Muster diese Logik nicht stützen. Bullenmärkte enden aus fundamentalen Gründen – etwa durch aggressive Zinserhöhungen, Rezessionen oder strukturelle Schocks –, nicht allein durch Zeitablauf.
Die Botschaft von Keith Lerner, der bereits im Mai 2026 empfahl, standhaft zu bleiben, hat sich bislang als richtig erwiesen. Wer damals verkauft hätte, hätte weitere Kursgewinne verpasst. Das bedeutet nicht, dass Risiken ignoriert werden sollten – geopolitische Spannungen, Inflationserwartungen und Anleiherenditen bleiben relevante Faktoren. Doch die Grundtendenz des Marktes bleibt laut den zitierten Experten aufwärtsgerichtet.
Wichtig ist auch der Blick auf die Stimmungslage: Wenn ein Rekordanteil von Fondsmanagern bullish positioniert ist, wie die Bank of America im Mai 2026 feststellte, kann das ein Warnsignal für übertriebenen Optimismus sein. Anleger sollten daher nicht blind auf den Trend setzen, sondern ihre Portfolios regelmäßig auf Klumpenrisiken überprüfen.
Ausblick
Der konkrete Termin steht fest: Anfang nächster Woche vollendet der aktuelle Bullenmarkt sein viertes Jahr. Dieses Datum dürfte erneut Anlass für Marktkommentare und Einschätzungen von Strategen geben. Ob die historischen Muster, auf die sich Truist beruft, auch diesmal Bestand haben, wird der weitere Kursverlauf des S&P 500 zeigen.
Kurz erklärt
- Bullenmarkt: Eine anhaltende Phase steigender Aktienkurse, die typischerweise mit wachsendem Anlegervertrauen und positiver Wirtschaftsentwicklung einhergeht.
- S&P 500: Ein US-amerikanischer Aktienindex, der die Kursentwicklung von 500 der größten börsennotierten Unternehmen der Vereinigten Staaten abbildet.
- Chief Investment Officer (CIO): Die leitende Person eines Finanzunternehmens, die für die Anlagestrategie und Investmententscheidungen verantwortlich ist.
