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Tip Toe: Russell T Davies' neues Drama über ein gespaltenes Großbritannien

Russell T Davies kehrt mit „Tip Toe" zurück – ein düsteres, zorniges Drama über Desinformation, Hass und gesellschaftliche Spaltung.

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Tip Toe: Russell T Davies' neues Drama über ein gespaltenes Großbritannien

Russell T Davies, der Schöpfer des bahnbrechenden Dramas Queer as Folk aus dem Jahr 1999, meldet sich mit einer neuen Serie zurück – und diesmal ist die Stimmung alles andere als feierlich. Tip Toe läuft auf Channel 4 und erzählt in fünf Episoden die Geschichte zweier Nachbarn, deren langjährige Antipathie in eine bösartige und tödliche Fehde eskaliert. Die Serie ist düster, vernichtend und vor allem voller Zorn.

Alan Cumming und David Morrissey spielen Leo und Clive, zwei Männer mittleren Alters im Manchester der Gegenwart. Leo betreibt eine Gay-Bar in der Canal Street, jenem legendären Viertel, das Davies bereits in Queer as Folk als Schauplatz nutzte. Clive hingegen kämpft um Arbeit, steckt in einer lieblosen Ehe fest und ist süchtig danach, durch gewalttätige Online-Videos zu scrollen. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass Leos Freiheiten auf Kosten seiner eigenen gehen.

Ein Stillleben des Grauens als Auftakt

Die Serie beginnt mit einer erschütternden Szene: Ein Körper hängt an einem Laternenpfahl, eine Frau schreit das Wort „Monster" in eine stille Vorstadtstraße. Über fünf zunehmend spannungsgeladene Episoden wird enthüllt, wie es dazu kommen konnte. Davies zieht dabei, wie Kritiker festhalten, die Samthandschuhe aus.

Im Mittelpunkt steht die Frage, was passiert, wenn Desinformation und Sündenbock-Mentalität im Internet von Menschen instrumentalisiert werden, die sich benachteiligt und ungerecht behandelt fühlen. Die zentrale These wird früh in einem Gespräch zwischen Leo und seiner langjährigen Freundin Melba (gespielt von Paul Rhys) entwickelt. Beide sind schwule Männer, die in schwierigeren Zeiten aufgewachsen sind und sich an die verheerenden Jahre der Aids-Krise erinnern. Während Intoleranz und Homophobie in der Gesellschaft wieder zunehmen, hat sich Melba wieder klein gemacht – er bewegt sich nun nur noch „auf Zehenspitzen" durch Räume, was dem Titel der Serie seinen Namen gibt.

Vergleiche mit „Years and Years" sind treffend

Tip Toe erinnert stark an Davies' politisch weitsichtiges BBC-Drama Years and Years aus dem Jahr 2019, das ebenfalls in der nahen Zukunft spielte und gesellschaftliche Entwicklungen auf erschreckend präzise Weise vorwegnahm. Auch Tip Toe ist ein flammendes Plädoyer gegen Selbstzufriedenheit und Untätigkeit. Die Botschaft ist klar: Wir sind Zeugen des Niedergangs der Vernunft – und wer wird zu ihrer Verteidigung aufstehen?

Dennoch hat die Serie ihre Schwachstellen. Als sehr direktes Drama wirkt ihr Zorn bisweilen unfokussiert. Davies versucht, ein breites Spektrum gesellschaftlicher Themen in einer einzigen Geschichte unterzubringen:

  • Desinformation und Fake News
  • Die Wohnungskrise
  • Perspektivlose Jugend
  • Trans-Rechte und Selbstidentifikation
  • Gewalttätige Männlichkeit
  • Digitale Filterblasen
  • Asylpolitik

Bei dem Versuch, all das ins Rampenlicht zu rücken, verliert die Serie etwas an Kohärenz. Das Gefühl entsteht, dass die Notwendigkeit einer Botschaft bisweilen Handlung und Charaktere übertrumpft. Auch der opernhafte Abschluss wirkt nicht gänzlich überzeugend.

Cumming und Morrissey als starkes Duo

Trotz dieser Einschränkungen bleibt Tip Toe enorm kraftvoll. Cumming und Morrissey sind herausragend in ihren Rollen, die Geschichte ist schrecklich fesselnd und der Horror ist unverblümt und brutal. In den frühen Episoden gibt es noch eine dünne Schicht Slapstick, die jedoch brutal in sich zusammenbricht, sobald die Geschichte ernster wird. Ein besonders eindringliches Bild: Clive erhält einen Schlüssel zu Leos Haus – möglicherweise eine Metapher für die Menge an persönlichen Informationen, die Menschen online bereitwillig preisgeben.

Für deutsche Zuschauer, die das Werk über Streaming-Dienste verfolgen möchten, bietet Tip Toe einen schonungslosen Blick auf ein Großbritannien, das mit denselben gesellschaftlichen Fliehkräften kämpft, die auch viele andere westliche Demokratien herausfordern. Die ersten beiden Episoden sind bereits auf Channel 4 als Stream verfügbar, neue Folgen erscheinen sonntags und montags.

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