Starbucks wagt Xinjiang-Vorstoß: Zwei Filialen in Ürümqi trotz US-Kritik
Der Kaffeeriese eröffnet zwei Cafés in der umstrittenen Region und testet damit das Klima für US-Unternehmen in China.

Starbucks hat mit der Eröffnung zweier Filialen in der chinesischen Region Xinjiang einen Schritt gewagt, der weit über das übliche Expansionsgeschäft hinausgeht. Die beiden Cafés entstanden in der Regionalhauptstadt Ürümqi – eine am Flughafen, eine im berühmten Großen Basar der Stadt. Für den US-Kaffeeriesen ist es ein hochkarätiger Vorstoß in ein Gebiet, das wegen der Unterdrückung von Uiguren und anderen muslimischen Minderheiten internationale Besorgnis auf sich gezogen hat.
Der Schritt zeigt vor allem eines: Das in chinesischer Hand befindliche China-Geschäft von Starbucks ist bereit, den Zorn Washingtons auf sich zu nehmen. Die Entscheidung wird damit zum Testfall für das Klima, in dem amerikanische Unternehmen in China operieren. Beobachter bezweifeln, dass es sich um eine rein kommerzielle Entscheidung handelt.
Die Details
Im April vollendete Starbucks den Verkauf einer 60-prozentigen, kontrollierenden Beteiligung an seinen China-Operationen an die in Hongkong ansässige Private-Equity-Firma Boyu Capital. Das Joint Venture zielt darauf ab, die Anzahl der Stores von rund 8.000 auf bis zu 20.000 zu steigern. Xinjiang scheint dabei ein mutiger, wenn auch umstrittener erster Schritt zu sein.
Boyu Capital gilt seit Langem als eng mit der chinesischen politischen Elite verbunden. Mitgründer Alvin Jiang ist ein Enkel des verstorbenen Präsidenten Jiang Zemin. Die Firma wird von Personen geführt, die Chinas Politik gut kennen – das Risiko des Xinjiang-Engagements dürfte dem neuen Eigentümer daher bewusst gewesen sein.
Die Reaktion aus Washington ließ nicht lange auf sich warten. Der US-Repräsentantenhaus-Ausschuss zur China-Frage bezeichnete die Entscheidung als „schockierend und moralisch bankrott“ für „ein Unternehmen, das mit sozialer Verantwortung prahlt“, und forderte die Schließung der Filialen. Der Ausschussvorsitzende, Repräsentant John Moolenaar (R-Mich.), formulierte seine Kritik in einer mit „Starbucks Serves Up Venti-Sized Genocide“ betitelten Stellungnahme ungewöhnlich scharf.
Chinas Außenministerium wies die Kritik zurück und nannte die US-Behauptungen des Genozids eine „offensichtliche Lüge“. Man erklärte, Xinjiang habe sich zu einer Region mit „sozialer Stabilität, wirtschaftlichem Wohlstand, ethnischer Einheit und religiöser Harmonie“ entwickelt. Peking verteidigt seit Langem seine Sicherheitsmaßnahmen als notwendig zur Bekämpfung von Terrorismus und religiösem Extremismus und bestreitet Vorwürfe von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sowie anhaltender Unterdrückung.
Molly Liu, Chief Executive Officer von Starbucks China, versprach in einer kürzlich veröffentlichten Erklärung, weiterhin in die Region zu investieren.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 01.10.2026 berichtete aktien.news, dass Starbucks seine ersten beiden Cafés in Xinjiang eröffnet hat. Wie chinesische Staatsmedien damals meldeten, entstanden die Filialen in Ürümqi – eine am Flughafen, eine im Großen Basar. Der Bericht ordnete den Schritt als hochkarätigen Expansionsschritt in ein international umstrittenes Gebiet ein und wies darauf hin, dass Starbucks bereits 1999 sein erstes Geschäft in China eröffnet hatte.
Am 29.09.2026 berichtete aktien.news, dass der chinesische Konkurrent Luckin Coffee einen Markteintritt in den Golfstaaten prüft. David Li, Vorsitzender des Unternehmens und CEO der Private-Equity-Firma Centurium Capital, bestätigte dies in einem CNBC-Interview. Kurz zuvor hatten Mubadala und Centurium gemeinsam 1 Milliarde US-Dollar in Luckin investiert.
Am 16.07.2026 berichtete aktien.news, dass ein US-Bundesrichter eine Sammelklage gegen Starbucks abgewiesen hat. Im Kern stand die Frage, ob der damalige CEO Laxman Narasimhan während einer Analystenkonferenz im Januar 2024 bewusst falsche Angaben über Umsatztrends in den beiden wichtigsten Märkten USA und China gemacht hatte. Richter John Chun in Seattle entschied zugunsten des Unternehmens.
Was das für Anleger bedeutet
Die Xinjiang-Expansion ist für Starbucks-Aktionäre ein zweischneidiges Signal. Einerseits zeigt das Joint Venture mit Boyu Capital, dass der neue Mehrheitseigentümer auf Wachstum drängt – das erklärte Ziel von bis zu 20.000 Stores in China unterstreicht die Ambition. Andererseits birgt der Schritt politisches Risiko: Sollte der Druck aus Washington zunehmen, könnte dies die Geschäftsaussichten im zweitgrößten Markt des Konzerns belasten.
Einige Beobachter sehen in der Eröffnung mehr als eine kommerzielle Entscheidung. „Chinesische Behörden haben ein starkes Interesse daran, prominente globale Marken nach Xinjiang zu lotsen, um die Stabilität der Region zu demonstrieren“, sagte Dan Wang, China-Direktor bei Eurasia Group. Peking hat jahrelang Investitionen in Xinjiang angezogen. Die wirtschaftliche Unterstützung der Region wurde nach der Kontroverse um Xinjiang-Baumwolle zu einem staatlichen Ziel, sagte Yaling Jiang, Gründerin des Verbraucherberatungsunternehmens ApertureChina. Seither hätten staatliche Fernsehsender und Social-Media-Inhalte sie zu einem Konsumtraum gemacht.
Dennoch bleibt Xinjiang eine der ärmeren Regionen Chinas. Das gesamte jährliche verfügbare Pro-Kopf-Einkommen der ländlichen Bevölkerung lag im letzten Jahr erstmals knapp über 20.000 Yuan (2.983 US-Dollar), verglichen mit 24.456 Yuan für die ländliche Bevölkerung landesweit. Das mediane Haushaltseinkommen außerhalb der Metropolen in den USA belief sich 2023 auf 60.459 US-Dollar.
Mehr als ein Dutzend amerikanischer Marken sind bereits in Xinjiang eingestiegen, darunter Pizza Hut, KFC, McDonald’s, Tesla und Burger King. Doch nur wenige haben vergleichbare Kritik von US-Abgeordneten auf sich gezogen. Laut GeoHey Brand Insights, einem Forschungsunternehmen für georäumliche Daten, hat sich diese Expansion seit 2023 beschleunigt – trotz des Uyghur Forced Labor Prevention Act, der im Dezember 2021 in Gesetzgebung umgesetzt wurde.
Ivy Yang, Gründerin von Wavelet Strategy, verweist auf die Abwägung des neuen Eigentümers: „Boyu versteht die Sensibilität von Xinjiang genauso gut wie jeder andere.“ Ihrer Ansicht nach zeigt die Entscheidung, dass das Unternehmen die Reaktion Washingtons abwog und zu dem Schluss kam, dass die innerstaatlichen kommerziellen Chancen wichtiger waren. Starbucks habe bei Preis und Geschwindigkeit gegenüber lokalen Konkurrenten Boden verloren, sagte Yang; ein neuer Eigentümer, der unter Druck stehe, Wachstum zu liefern, werde wahrscheinlich dorthin gehen, wo noch keine Filialen existieren.
Ausblick
Da sich die US-chinesischen Beziehungen in diesem Jahr stabilisieren, sind die Xinjiang-Filialen von Starbucks nun ein Test für das Klima für amerikanisches Geschäft in China, sagte Wang. Wenn Starbucks das Projekt letztlich unter US-Druck stoppte, würde dies amerikanischen Unternehmen in China ein negatives Signal senden – dass kommerzielle Verpflichtungen durch politischen Druck aus Washington außer Kraft gesetzt werden könnten. Dies könnte US-Marken noch vorsichtiger gegenüber chinesischen Partnern machen und zukünftige Deals schwieriger verhandelbar gestalten.
„Verschlechternde geopolitische Verhältnisse sind unvermeidlich und müssen in jede Exit-Verhandlung einkalkuliert werden“, sagte Meng Shen, Direktor der in Peking ansässigen Boutique-Investmentbank Chanson & Co., mit Blick auf das Interesse multinationaler Konzerne an Joint Ventures mit chinesischen Partnern.
Für die kommenden Wochen stehen in China mehrere Termine an: Vom 1. bis 7. Oktober läuft das chinesische Nationalfeiertags-Holiday. Am 7. Oktober werden Chinas Devisenreserven für September veröffentlicht. Am 8. und 9. Oktober findet in Peking die zweite Runde der Handels- und Investitionskonsultationen zwischen der EU und China statt. Am 9. Oktober folgen Daten zu Chinas neuen Yuan-Krediten und zur gesamten sozialen Finanzierung für September.
Kurz erklärt
- Joint Venture: Ein Gemeinschaftsunternehmen, an dem sich zwei oder mehr Partner mit Kapital und Verantwortung beteiligen.
- Private Equity: Beteiligungsgesellschaften, die Kapital in nicht börsennotierte Unternehmen investieren und diese aktiv mitgestalten.
- Uyghur Forced Labor Prevention Act: Ein US-Gesetz, das Importe aus bestimmten Regionen Chinas unterbindet, wenn Zwangsarbeit nicht ausgeschlossen werden kann.
