SoftBank-Aktie unter Druck: KI-Sorgen und IPO-Zweifel belasten
Kurssturz um bis zu 13 Prozent nach OpenAI-IPO-Verschiebung und Kritik an KI-Sicherheit.

Die japanische SoftBank Group durchlebt eine turbulente Phase. Der aggressive Investitionskurs des Konzerns im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) stößt zunehmend auf Gegenwind – in Form von Marktkorrekturen, ethischer Bedenken und struktureller Skepsis. Die Aktie des japanischen Mischkonzerns verzeichnete einen deutlichen Rückgang von 11,4 bis 13,2 Prozent, ausgelöst durch eine Reihe von Ankündigungen aus der KI-Branche und eine allgemeine Abkühlung der Stimmung gegenüber dem Sektor.
Der Auslöser: OpenAI-IPO-Verschiebung und Sicherheitsbedenken
Der Hauptauslöser für den jüngsten Ausverkauf war die Bestätigung von OpenAI-CEO Sam Altman, dass das Unternehmen im Jahr 2026 keinen Börsengang (IPO) anstreben werde. Altman begründete dies mit Sicherheitsbedenken. Diese Verzögerung trifft SoftBank direkt, da der Konzern rund 64,6 Milliarden US-Dollar in OpenAI investiert hat. Die Markterwartungen hatten auf ein kurzfristiges Liquiditätsereignis gesetzt. Die Verschiebung zwingt SoftBank nun dazu, einen erheblichen Brückenkredit zu managen, der an die OpenAI-Investitionsstrategie gebunden ist, und erhöht den Druck auf die Bilanz.
Verstärkt wurde diese Stimmung durch einen breiteren Branchenwandel. Die CEOs großer KI-Unternehmen, darunter Dario Amodei von Anthropic und Sam Altman von OpenAI, haben sich öffentlich für eine Verlangsamung der KI-Entwicklung ausgesprochen, um existenzielle Risiken zu mindern. Anthropic veröffentlichte kürzlich einen Bedrohungsanalysebericht, der den Missbrauch seiner KI Claude für Cyberangriffe, Betrug und Waffenentwicklung detailliert beschreibt. Der Rücktritt des Anthropic-Forschers Jacob Coxon, der seine Befürchtung äußerte, dass KI bis zum Ende des Jahrzehnts zur Auslöschung der Menschheit führen könnte, schürte die Marktängste weiter. Während US-Präsident Donald Trump diese Kritiker als "sehr negative Kräfte" abtat und die Notwendigkeit einer US-Industrieführerschaft betonte, reagierten die Märkte schnell mit deutlichen Verlusten bei asiatischen Halbleiter- und Technologieaktien, darunter TSMC, SK Hynix und Samsung.
SB Energy: Der Börsengang unter der Lupe
Neben der OpenAI-Verzögerung steht auch SoftBanks Tochtergesellschaft SB Energy im Fokus, die sich auf einen Börsengang in New York vorbereitet. Das Unternehmen will von der massiven Nachfrage nach Rechenzentrumskapazitäten profitieren. Finanzanalysten und Branchenexperten zeigen sich jedoch skeptisch. Anders als erfolgreiche Wettbewerber wie NextEra Energy oder Equinix, die mit etablierten, einnahmenstarken Vermögenswerten an die Börse gingen, betreibt SB Energy derzeit keine operativen Rechenzentren.
Kritiker, darunter Marathon-Capital-CEO Ted Brandt, haben auf das "lumpige" Ertragsmuster hingewiesen, das für Unternehmen in der Entwicklungsphase typisch ist. Diese benötigen oft erhebliches Anfangskapital und durchlaufen Jahre mit Verlusten, bevor der Cashflow positiv wird. Darüber hinaus wurde in Berichten auf Bedenken hinsichtlich einer "zirkulären Finanzierung" im Zusammenhang mit den Beziehungen zwischen SoftBank, OpenAI und Nvidia hingewiesen. Trotz dieser Risiken strebt SB Energy Berichten zufolge eine Bewertung an, die etwa dem 400-fachen des Gesamtjahres-EBITDA entspricht. Das Projekt steht zudem vor dem "ehernen Gesetz" von Megaprojekten – häufige Budgetüberschreitungen und Zeitverzögerungen – sowie erheblichem öffentlichen Widerstand. Eine aktuelle Gallup-Umfrage ergab, dass 71 Prozent der Bevölkerung den lokalen Bau von Rechenzentren ablehnen.
Die Tech-Optimisten-Perspektive: Arm Holdings
Im Gegensatz zur aktuellen Vorsicht des Marktes zeigt Arm Holdings – ein SoftBank-eigener Chipdesigner – weiterhin eine äußerst optimistische Prognose. Arm-CEO Rene Haas bleibt dabei, dass die langfristige Nachfrage nach KI robust sei und die Bedenken hinsichtlich einer Marktkorrektur übertrieben seien. Haas hob das transformative Potenzial der KI in der Medizin hervor und prognostizierte, dass KI komplexe DNA-Modellierungsprobleme lösen werde, um Krebs noch zu unseren Lebzeiten zu heilen.
Arm verzeichnet derzeit eine "außergewöhnliche" Nachfrage nach seinen neuen KI-fokussierten Chips. Seit März besteht eine Nachfrage von über zwei Milliarden US-Dollar, darunter ein kundenspezifischer AGI-Chip, der für Meta entwickelt wurde. Haas räumte zwar ein, dass sich die Branche aufgrund eines Mangels an Mikrochips und der logistischen Hürden beim Bau von Rechenzentren in einem "angebotsbeschränkten Umfeld" befinde, bleibt jedoch optimistisch hinsichtlich der Rolle von KI in der Robotik und der Dienstleistungsbranche. Er wies Bedenken hinsichtlich einer massiven Arbeitsplatzverlagerung zurück und argumentierte, dass die durch KI geschaffenen neuen Möglichkeiten die Verluste überwiegen würden.
Breiterer Marktkontext und makroökonomischer Druck
Die Volatilität um SoftBank findet vor dem Hintergrund einer breiteren makroökonomischen Instabilität statt. Steigende Ölpreise, ausgelöst durch die Stilllegung der saudischen Ost-West-Pipeline, haben die Inflationssorgen und die Erwartungen einer strafferen Geldpolitik sowohl der US-Notenbank als auch der Bank von Japan verstärkt.
Gleichzeitig sind in der gesamten Tech-Landschaft bedeutende Führungs- und Strategiewechsel zu beobachten. Oracle-Mitbegründer Larry Ellison hat Pläne bekannt gegeben, Oracle-Aktien im Wert von bis zu 7,5 Milliarden US-Dollar zu verkaufen, um persönliche Vorhaben zu finanzieren – dies geschieht, während das Unternehmen selbst weiterhin massiv in KI-Rechenzentren investiert. Parallel dazu konsolidiert der Hedgefonds Citadel seine internationalen Aktienabteilungen unter der Leitung von Nabeel Bhanji, was auf eine Hinwendung zu "konstruktivistischen" Anlagestrategien in Europa und Asien hindeutet.
Fazit
SoftBank befindet sich derzeit an einem Scheideweg. Während die Tochtergesellschaft Arm Holdings eine Erzählung von langfristiger technologischer Revolution und hoher Nachfrage bietet, wird die unmittelbare finanzielle Gesundheit der Muttergesellschaft durch die Verzögerung des OpenAI-IPOs und die Skepsis gegenüber dem Geschäftsmodell von SB Energy auf die Probe gestellt. Da die globale Prüfung der KI-Sicherheit zunimmt und der makroökonomische Druck steigt, fordern die Anleger zunehmend mehr als nur das Versprechen künftigen Wachstums. Sie verlangen nach operativer Stabilität und klaren Wegen zur Rentabilität in einer Branche, die bislang von rascher, spekulativer Expansion geprägt war.
