Seidensticker: CEO Bentzinger hält 20 Prozent und investiert
Der Hemdenhersteller aus Bielefeld bleibt in Familienhand – und bekommt Kapital von den eigenen Gesellschaftern.

Der Hemdenhersteller Seidensticker ordnet seine Eigentümerstruktur neu – und setzt dabei auf Kontinuität statt Verkauf. CEO Silvia Bentzinger hält nach eigenen Angaben 20 Prozent der Anteile und wechselt von der angestellten Geschäftsführerin zur geschäftsführenden Gesellschafterin. Zuvor war sie über sechs Jahre als angestellte CEO für das Bielefelder Unternehmen tätig.
Ein Verkauf der Mehrheit stand offenbar nie zur Debatte. "Es war zu keinem Zeitpunkt die Absicht, die Mehrheit an Seidensticker zu verkaufen", sagte Bentzinger. Zuvor war im September über einen geplanten Investoreneinstieg berichtet worden. Interessenten waren vor allem Private-Equity-Investoren – deren Strategie passte nach den vorliegenden Angaben nicht zu den Plänen des Unternehmens.
Dass überhaupt über einen Einstieg gesprochen wurde, hat einen konkreten Hintergrund: Seidensticker brauchte Kapital. "Die Ergebnisse waren in der Tat schwierig. Wir brauchten Kapital", so Bentzinger. Das Geld wird für das Warenlager und die Vorfinanzierung benötigt. Seit 2019 hat das Unternehmen keinen Gewinn mehr erwirtschaftet, und das Kreditvolumen der Banken ist ausgereizt.
Die Details
An der Kapitalmaßnahme beteiligen sich die Gesellschafter selbst. Gerd Oliver und Frank Seidensticker investieren erneut. Nicole Seidensticker-Delius investiert dagegen nicht und geht 2027 in den Ruhestand. Die Gesellschafter wollen ihre Rollen im Unternehmen behalten und den Standort Bielefeld erhalten.
Fünf Bankhäuser begleiteten den Schritt. Sie forderten ihn und verzichteten im Gegenzug auf Geld – über den Beitrag der Banken wurde Stillschweigen vereinbart. Das Bankenkonsortium begleitet das Unternehmen seit langem.
Operativ steht Seidensticker auf zwei Säulen. Die Marke Seidensticker trägt 60 Prozent des Umsatzes, das Private Label 40 Prozent. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 103 Millionen Euro. Für 2026/2027 prognostiziert das Unternehmen 117 Millionen Euro.
Das Geschäft mit Businesshemden ist stabil auf Vor-Corona-Niveau. Der Hemdenmarkt insgesamt stagniert, in Deutschland gibt es leichtes Wachstum. Ein wichtiger Kunde im Private-Label-Geschäft ist die Inditex-Gruppe. Im stationären Geschäft ist der Großhandel die größte Säule; zu den wichtigen Kunden zählen Galeria und Peek&Cloppenburg.
Wachstum soll auch aus neuen Flächen kommen. Im Geschäftsjahr Mai 2025 bis April 2026 eröffnet Seidensticker acht neue Geschäfte, davon drei in Frankreich. Frankreich ist neben Skandinavien und den USA ein Schwerpunkt der Internationalisierung. Seit 2021 führt das Unternehmen zudem die Linie Studio Seidensticker.
Auch der Onlinehandel spielt eine wachsende Rolle: 30 Prozent des Umsatzes laufen über digitale Kanäle, 65 Prozent davon über den eigenen Webshop. Das digitale Geschäft wächst nach Unternehmensangaben einstellig pro Jahr.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15.09.2026 berichtete aktien.news über eine KI-Analyse zum Weihnachtsgeschäft 2026. Darin hieß es, die Stimmung im deutschen Einzelhandel sei wenige Wochen vor dem Start des Weihnachtsgeschäfts angespannt. Die Zahl der Insolvenzen sei im Vergleich zum Vorjahr weiter gestiegen, mehr als jede zehnte Ladenfläche in den Innenstädten stehe leer. Für viele Händler – stationär wie online – könnten die kommenden Monate trotz Black Friday und Weihnachtsgeschäft ernüchternd ausfallen.
Bereits am 04.08.2026 berichtete aktien.news, dass die Modekette Adenauer & Co. Insolvenz angemeldet hat. Das Unternehmen betrieb zuletzt 59 Filialen in drei Ländern. Der Gründer hatte zuvor jahrelang Erfahrung in der Modebranche gesammelt, unter anderem bei Esprit und O'Neill.
Was das für Anleger bedeutet
Seidensticker ist ein Familienunternehmen; die Anteile liegen bei den Gesellschaftern und nicht breit gestreut am Kapitalmarkt. Eine direkte Investition in das Unternehmen steht Privatanlegern daher nicht offen. Relevant ist die Nachricht trotzdem, weil sie zeigt, wie sich der deutsche Modemarkt derzeit aufstellt.
Einige Punkte, auf die Anleger im Sektor achten sollten:
- Kapitalbedarf: Seidensticker braucht Geld für Warenlager und Vorfinanzierung. Mode ist ein vorfinanzierungsintensives Geschäft, weil Ware lange vor dem Verkauf bezahlt werden muss.
- Banken: Das Kreditvolumen ist ausgereizt, fünf Bankhäuser begleiteten den Schritt und verzichteten auf Geld. Das ist ein Signal über die Risikolage aus Sicht der Kreditgeber.
- Ertragskraft: Seit 2019 wurde kein Gewinn erwirtschaftet. Die Umsatzprognose von 117 Millionen Euro liegt über den 103 Millionen Euro des vergangenen Jahres – ob daraus ein Gewinn wird, ist damit nicht gesagt.
- Struktur: 60 Prozent Marke, 40 Prozent Private Label. Das Private-Label-Geschäft hängt stark an einzelnen Abnehmern wie der Inditex-Gruppe.
- Wettbewerb: Vertikale Händler wie Zara, Massimo Dutti und Uniqlo kontrollieren die gesamte Wertschöpfungskette. Das setzt klassische Markenhersteller und den Großhandel unter Druck.
Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Für das Geschäftsjahr Mai 2025 bis April 2026 plant Seidensticker acht neue Geschäfte, drei davon in Frankreich. Die Internationalisierung soll über Frankreich, Skandinavien und die USA laufen. Für 2026/2027 erwartet das Unternehmen einen Umsatz von 117 Millionen Euro.
Die Insolvenz von Eterna Ende 2025 schafft nach Einschätzung des Unternehmens neue Möglichkeiten. Bentzinger äußerte sich zudem grundsätzlich optimistisch zur Branche: "Mode halte ich nach wie vor für total relevant!" Auch das Warenhaus-Konzept hat laut Bentzinger Zukunft – als Positivbeispiel nennt sie Breuninger.
Nicole Seidensticker-Delius geht 2027 in den Ruhestand und beteiligt sich nicht an der Kapitalmaßnahme. Die übrigen Gesellschafter wollen ihre Rollen behalten und den Standort Bielefeld sichern.
Kurz erklärt
- Private Equity: Beteiligungsgesellschaften, die Kapital in nicht börsennotierte Unternehmen geben und sich später wieder trennen wollen.
- Private Label: Handelsmarken, die ein Hersteller im Auftrag von Händlern produziert und die unter deren Namen verkauft werden.
- Vertikale Händler: Einzelhändler, die Design, Produktion und Verkauf selbst steuern und dadurch ohne Zwischenhändler arbeiten.
