Schweiz ringt um UBS-Kapitalregeln: Keller-Sutter im Spannungsfeld
Finanzministerin Karin Keller-Sutter balanciert strengere Bankenregulierung nach dem Credit-Suisse-Kollaps gegen die Risiken einer europäischen Schuldenkrise.

Die Schweizer Finanzpolitik steht vor einer hochriskanten legislativen Auseinandersetzung. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung steht Finanzministerin Karin Keller-Sutter, die gleichzeitig strengere Bankenregeln nach dem Zusammenbruch der Credit Suisse im Jahr 2023 durchsetzen und die breiteren Risiken einer möglichen europäischen Schuldenkrise im Blick behalten muss.
Der Streit dreht sich um die künftigen Kapitalanforderungen für die UBS. Konkret geht es um die Höhe des harten Kernkapitals (Common Equity Tier 1, CET1), das die Bank für ihre Auslandseinheiten vorhalten muss. Aktuell liegt die Anforderung bei 60 Prozent, wobei ein Teil davon durch günstigeres Kapital erfüllt werden kann. Die Regierung hatte ursprünglich eine CET1-Quote von 100 Prozent vorgeschlagen, doch die kleine Kammer des Parlaments hat diese kürzlich auf 90 Prozent gesenkt.
Finanzministerin Keller-Sutter gilt als zentrale Befürworterin der 90-Prozent-Marke. Sie will damit das Bedürfnis nach Systemstabilität mit der operativen Handlungsfähigkeit der Bank in Einklang bringen. Die UBS hingegen hat signalisiert, dass diese Anforderungen für sie potenziell „untragbar" seien. Die Bank argumentiert, sie würden ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit erheblich schädigen und mehr als 20 Milliarden Dollar an Kapital binden.
Notfallpläne und mögliche Verlagerung
Als Reaktion auf das sich verschärfende regulatorische Umfeld hat die UBS begonnen, Notfallpläne auszuarbeiten. Quellen zufolge prüft die Bank Optionen, die eine Verlagerung ihres Hauptsitzes ins Ausland oder eine Fusion einschließen. Die UBS betont zwar, dass sie einen Verbleib in der Schweiz bevorzugt und dabei den Wert ihrer Schweizer Identität sowie die Rechtssicherheit des Landes anführt. Zugleich verweist sie auf ihre treuhänderische Pflicht gegenüber den Aktionären, alle Alternativen zu prüfen.
Berichten zufolge wurde London als möglicher Zielort für eine Sitzverlagerung diskutiert. Darüber hinaus gibt es interne Spekulationen über mögliche Fusionen mit US-Partnern, wobei Morgan Stanley häufig als theoretischer Partner genannt wird – nicht zuletzt wegen der beruflichen Vorgeschichte von UBS-Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher. Trotz dieser Berichte hat die UBS erklärt, dass sie derzeit keine aktiven Gespräche über einen Umzug führt.
Der politische Drahtseilakt
Die Gesetzgeber stecken zwischen zwei Extremen fest. Sind die Regeln zu lax, droht ein öffentliches Referendum, das die Maßnahmen vollständig ablehnen und das Land ohne neue Schutzmechanismen zurücklassen könnte. Sind sie zu streng, riskieren sie, dass die größte Bank des Landes abwandert. Leo Müller von der Mitte-Partei beschrieb die Schwierigkeit dieser Position: „Wenn wir es zu sehr verwässern, wird es ein Referendum geben... Wenn wir zu streng sind, könnte die Bank sagen: ‚Nun, die Schweiz ist jetzt ein schwieriger Ort zum Geschäftemachen, wir schauen uns woanders um.'"
Am 26. Oktober bereitet sich die Kommission der großen Kammer darauf vor, die Regeln zu debattieren. Die politische Landschaft bleibt zersplittert. Während die kleine Kammer die 90-Prozent-Schwelle unterstützte, könnte die große Kammer – in der linke Parteien stärker vertreten sind – eine Rückkehr zur 100-Prozent-Anforderung durchsetzen. Finanzministerin Keller-Sutter bleibt eine zentrale Figur in diesen Verhandlungen, obwohl sie öffentlich Skepsis geäußert hat, dass die UBS die Schweiz tatsächlich verlassen würde. Sie verweist dabei auf die hohen Kosten und rechtlichen Komplexitäten eines solchen Schritts.
Breitere wirtschaftliche Risiken
Über die heimische Bankendebatte hinaus hat Ministerin Keller-Sutter eine deutliche Warnung zur globalen Wirtschaftslage ausgesprochen. Am Rande der IWF- und Weltbank-Treffen in Bangkok hob sie hervor, dass steigende Staatsverschuldungen in großen Volkswirtschaften – insbesondere in den USA und Frankreich – ein erhebliches Risiko für die globale Wirtschaftsstabilität darstellen.
„Wir sind international so tief miteinander verbunden, dass wir auch verwundbar sind, etwa im Fall einer Schuldenkrise aufgrund der Staatsverschuldung großer Länder", sagte Keller-Sutter gegenüber dem Schweizer Sender SRF. Sie warnte konkret, dass fiskalische Herausforderungen in Frankreich in Kombination mit politischer Zersplitterung potenziell eine breitere Euro-Krise auslösen könnten. Diese globale Perspektive unterstreicht die Dringlichkeit, mit der die Schweizer Regierung ihre eigene Finanzstabilität angeht. Sie versucht, das Land gegen externe Schocks abzuschirmen und gleichzeitig den Umbau ihres Bankensektors zu bewältigen.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung aufschlussreich: Sie zeigt, wie eng die Regulierung systemrelevanter Banken mit geopolitischen und fiskalischen Risiken verwoben ist. Die Entscheidung über die UBS-Kapitalregeln dürfte Signalwirkung für den europäischen Finanzplatz haben – und damit auch für die Bewertung von Bankaktien diesseits und jenseits des Rheins.
