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Roland Berger fordert radikale Reformen für den Standort Deutschland

Der Unternehmensberater sieht Deutschland als risikoavers und zukunftsängstlich – und präsentiert fünf Reformpunkte für ein Comeback.

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Roland Berger fordert radikale Reformen für den Standort Deutschland

Roland Berger rechnet mit Deutschland ab. Der Unternehmensberater beschreibt die Republik als risikoavers, besitzstandswahrend und zukunftsängstlich – die Bereitschaft zur Veränderung sei kaum ausgeprägt. Seine Analyse erschien in einer Sonderedition der WirtschaftsWoche zum 100. Geburtstag unter dem Motto "Best of Germany". Das Beratungsunternehmen, das seinen Namen trägt, wurde vor bald 60 Jahren gegründet.

Trotz eines technologischen Rückstands sieht Berger Comeback-Chancen für den Standort. Zu den Stärken zählt er Forschung und Entwicklung, die vielen Hidden Champions im Mittelstand, das duale Ausbildungssystem und eine lebendige Start-up-Szene. Auf dieser Basis sei ein Neuanfang möglich.

Die größte versäumte Chance liegt aus seiner Sicht allerdings nicht allein in Deutschland. Berger beklagt den nie vollendeten europäischen Binnenmarkt, eine fehlende Kapitalmarkt- und Bankenunion sowie das Fehlen einer Brüsseler Deregulierungsstrategie. Daten des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi untermauern das: Das innereuropäische Handelsvolumen mit verarbeiteten Produkten liegt 44 Prozent unter dem Niveau des US-Binnenmarkts, bei Dienstleistungen sind es 110 Prozent.

Was Berlin und Brüssel anpacken müssen

Auf nationaler Ebene nennt Berger vier Baustellen: Staatsquote, Bürokratie, Energiepreise und Unternehmenssteuern. Zusätzlich sei Arbeit zu teuer, weil Lohnnebenkosten und ein ausgebauter Sozialstaat die Unternehmen belasteten. Diese Faktoren drücken aus seiner Sicht auf die Wettbewerbsfähigkeit.

Berger zieht eine Parallele zum Strukturwandel bis in die 1980er-Jahre. Damals verdrängte japanische Konkurrenz die deutsche Kameraindustrie, den Motorradbau und die Elektrogeräteproduktion. Die Wende gelang durch Mut, Innovation und neue Geschäftsmodelle: Maschinenbauer setzten auf computergestützte Steuerung und Service, die Autoindustrie auf Plattform- und Baukastensysteme, Just-in-Time, Kanban und Kaizen.

In den 2000er-Jahren folgte ein Mentalitätswandel. Bundeskanzler Gerhard Schröder trieb mit der Agenda 2010 und der Auflösung der Deutschland AG Reformen voran. In der Ära von Angela Merkel wurden diese Errungenschaften jedoch wieder zurückgedreht.

Die Unternehmen selbst reagierten ebenfalls zu spät: mit verspäteter Digitalisierung und einer verschlafenen Elektromobilität. In der Energiepolitik seien die Risiken der Russland-Abhängigkeit nicht eingepreist worden – spürbar, als Wladimir Putin 2022 die Ukraine angriff. Bei Volkswagen blockierte der Aufsichtsrat Werksschließungen durch eine Allianz aus Staat und Gewerkschaft.

Der Vergleich mit der Vergangenheit fällt drastisch aus

Zwischen 1960 und 1967 stieg das Pro-Kopf-Einkommen um 21 Prozent. In den vergangenen sechs Jahren sank es dagegen um 1,3 Prozent. Die Staatsquote lag damals bei knapp 33 Prozent des BIP, heute bei mehr als 51 Prozent. Private Investitionen wuchsen in den 1960er-Jahren um 20 Prozent, seit 2019 sind sie um 12,5 Prozent gefallen. Die Geburtenrate fiel von 1,7 Prozent im Jahr 1967 auf 0,7 Prozent heute.

Aus diesen Befunden leitet Berger fünf Reformpunkte ab. Erstens: die Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft und der Abbau von Subventionen. Zweitens: der Strukturwandel zu einer Hightech- und Wissensgesellschaft. Drittens: der Ausbau der schulischen und wissenschaftlichen Infrastruktur. Viertens: der Abbau von Bürokratielasten und Regulierungen. Fünftens: eine aktive Wirtschaftsaußenpolitik für Mittelstand und Start-ups.

Berger betont, dass radikale, aber nicht disruptive Einschnitte nötig seien. Deutschland müsse die angespannte Lage in energieintensiven Branchen, im Maschinenbau und in der Autoindustrie lösen. Sein Credo bringt er selbst auf den Punkt: "Nicht bequem, aber notwendig". Für unbequeme Entscheidungen brauche es jemanden wie Schröder – der ihm einst ein Ministeramt anbot, das Berger ablehnte.

Auch die Beratung selbst verändert sich. Roland Berger erzielt bereits 40 Prozent des weltweiten Honorarumsatzes mit KI-Anwendungen. Die Digitalisierung liege insgesamt knapp zehn Jahre zurück. Im KI-Zeitalter komme es weniger auf Datensammler an als auf Neugier, die richtigen Fragen und kritische Bewertung. Berger vergleicht Berater mit Zahnärzten und rät: "Wähle deinen Beruf nach dem, was du gut kannst und was du gerne tust."

Für Privatanleger sind die Kernaussagen relevant, weil sie die Rahmenbedingungen für deutsche Aktien bestimmen. Eine hohe Staatsquote, teure Energie und hohe Lohnnebenkosten belasten die Margen exportorientierter Konzerne – besonders in energieintensiven Branchen, im Maschinenbau und in der Autoindustrie. Ein vollendeter europäischer Binnenmarkt und eine Kapitalmarktunion würden dagegen Wachstumspotenzial freisetzen, das derzeit brachliegt. Ob und wie schnell die fünf Reformpunkte umgesetzt werden, dürfte damit auch über die Bewertung des Standorts an den Märkten mitentscheiden.

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