Rivian gegen Lucid: Nur eine E-Auto-Aktie überlebt bis 2030
The Motley Fool vergleicht Rivian und Lucid – und sieht nur bei einem Hersteller einen Pfad zur Überlebensfähigkeit bis 2030.

Die Wall Street ist seit dem Boom des Jahres 2020 deutlich weniger optimistisch, was die Zukunft der Elektromobilität angeht. Zwei Unternehmen, die während dieses Booms an die Börse gingen, sind Rivian Automotive (RIVN) und Lucid Group (LCID) – beide sind seither um mehr als 90 Prozent von ihren Höchstständen gefallen. Beide versuchten, ein Premium-Geschäft mit Elektrofahrzeugen aufzubauen und damit Tesla Konkurrenz zu machen, doch beiden fällt es schwer, Gewinne zu erwirtschaften.
Der US-Finanzdienst The Motley Fool hat die beiden Unternehmen verglichen und kommt zu einem klaren Schluss: Auf Basis der jeweiligen Bilanzen wird nur eines der beiden den Sprung ins Jahr 2030 schaffen. Die Analyse nennt dafür konkrete Gründe – und liefert zugleich eine Einschätzung, ob sich ein Investment in diese E-Auto-Aktien heute lohnt.
Die Details
Lucid brachte 2021 mit dem Lucid Air eine ultra-premium Elektro-Limousine auf den Markt, deren Preise zwischen 100.000 und 250.000 Dollar lagen. 2024 folgte der Gravity SUV, ebenfalls im Premium-Preissegment angesiedelt. Das Wachstum verlief durchwachsen, verbesserte sich zuletzt aber: Die Auslieferungen stiegen im zweiten Quartal 2026 im Jahresvergleich um 19 Prozent auf knapp unter 4.000 Einheiten.
Rivian dagegen zielt auf ein robusteres Premium-Segment. Die Modelle R1T und R1S – ein Pickup und ein SUV – sind teuer, aber nicht so kostspielig wie ein Lucid. Die Auslieferungen lagen im letzten Quartal bei 12.000 Einheiten. Zwar sind sie gegenüber ihrem Höhepunkt gesunken, zuletzt aber wieder gestiegen. Mit dem Start des günstigeren R2 SUV könnten sie deutlich expandieren; bis Ende 2026 werden über 20.000 Auslieferungen prognostiziert.
Lucid hat mit dem Cosmos ein günstigeres Modell in Planung, dessen Markteinführung für 2027 vorgesehen ist und das mit dem Tesla Model Y, dem weltweit beliebtesten Elektrofahrzeug, konkurrieren soll. Allerdings wurde die Einführung des Cosmos häufig verschoben, was die Erwartungen der Anleger an das Auslieferungswachstum in einem ohnehin subskalierten Geschäft dämpfen sollte.
Margen und Finanzierung
Ein zentrales Problem dieser EV-Start-ups sind der Cash-Burn und die Gewinnmargen. Im Automobilgeschäft fallen viele vorabgehende Herstellungskosten an; solange die Fertigung nicht skaliert, weisen die meisten dieser Unternehmen schwache oder negative Bruttomargen auf. Lucid spürt den Druck von beiden Seiten: Die Bruttomarge liegt nahe bei minus 100 Prozent, was bedeutet, dass das Unternehmen vor Abzug der Gemeinkosten pro Dollar Umsatz einen Dollar verliert. Der Free Cash Flow lag in den letzten zwölf Monaten bei negativ 5 Milliarden Dollar – bei einem Umsatz von lediglich 1,5 Milliarden Dollar.
Rivian weist keine makellosen Finanzberichte auf, befindet sich aber in einer besseren Position als Lucid: mit einer positiven Bruttomarge von 2 Prozent und einem Free Cash Flow von negativ 3,5 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 5,83 Milliarden Dollar. Wenn die Auslieferungen des R2 beginnen zu skalieren, kann man sich vorstellen, dass Rivian einen positiven Free Cash Flow erzielt, solange die Bruttomargen weiterhin steigen.
Auch bei den Finanzierungsquellen unterscheiden sich beide Unternehmen. Lucid hat einen Partner im saudischen Staatsfonds, verfügt jedoch heute über wenig Bargeld auf seiner Bilanz und muss weiterhin Kapital aufnehmen. Rivian hat zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung mehr Bargeld und eine Partnerschaft mit Volkswagen, um kontinuierlich Kapital zuzuführen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 02.07.2026 berichtete aktien.news, dass Rivian und Lucid ihre Auslieferungszahlen für das zweite Quartal veröffentlichten – mit gegensätzlichen Ergebnissen. Während Rivian die Erwartungen der Analysten klar übertraf und seine Jahresprognose anhob, verfehlte Lucid den Analystenkonsens und kündigte gleichzeitig einen Umbau der Führungsebene an. Rivian meldete eine Produktion von 12.613 Fahrzeugen sowie die Auslieferung von 12.194 Einheiten und übertraf damit sowohl den Analystenkonsens von FactSet (11.000 Einheiten) als auch den eigenen Ausblick von 9.000 bis 11.000 Fahrzeugen.
Am 02.08.2026 berichtete aktien.news, dass Lucid seine Ergebnisse für das zweite Quartal 2026 am 4. August nach Börsenschluss vorlegen würde. Die Aktie hatte seit Jahresbeginn rund ein Drittel ihres Wertes verloren, die Marktkapitalisierung war unter 3 Milliarden US-Dollar gesunken. Rivian wurde damals mit über 20 Milliarden US-Dollar bewertet, Tesla trotz starker Kurskorrektur mit knapp 1 Billion US-Dollar.
Am 11.05.2026 berichtete aktien.news über den direkten Vergleich Tesla gegen Rivian: Tesla verlor seit Jahresbeginn rund 13 Prozent, Rivian etwa 24 Prozent. Am 23.09.2026 rückte aktien.news Rivian und Carvana als zwei unterbewertete Autoaktien in den Fokus und verwies darauf, dass Rivian vor einem entscheidenden Wendepunkt steht.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Analyse vor allem eine Erinnerung daran, wie riskant Investments in junge Elektroauto-Hersteller sein können. Beide Aktien haben mehr als 90 Prozent von ihren Höchstständen eingebüßt; bei Lucid spricht die Analyse sogar von einem Kursrückgang von 99 Prozent von den Höchstständen. Wer in diesem Segment investiert, muss mit hoher Volatilität und einem erheblichen Kapitalbedarf der Unternehmen rechnen.
Die Analyse sieht Rivian als den Kandidaten mit den tieferen Finanzierungspartnern, den besseren Unit Economics und einem klareren Weg zur Skalierung als Lucid. Das bedeutet jedoch nicht, dass Lucid zwangsläufig bankrottgeht. Zugleich betont der Autor ausdrücklich, dass Rivian kein sicherer Kauf ist, nur weil ein Pfad zur Überlebensfähigkeit bis 2030 existiert. Nötig seien Anzeichen für nachhaltige Margenerweiterungen, einen positiven Free Cash Flow und konsistentes Wachstum der Auslieferungen, um Rivians aktuellen Marktwert von 21 Milliarden Dollar zu rechtfertigen. Der Autor weist zudem darauf hin, dass es heute einfachere Möglichkeiten gibt, an der Börse Geld zu verdienen.
Ausblick
Die wichtigsten Termine stehen bereits fest: Rivian will den günstigeren R2 SUV auf den Markt bringen, für den bis Ende 2026 über 20.000 Auslieferungen prognostiziert werden. Lucid plant die Markteinführung des günstigeren Cosmos für 2027, der gegen das Tesla Model Y antreten soll – wobei dieses Modell bereits mehrfach verschoben wurde. Ob Rivian bis 2030 überlebt, hängt aus Sicht der Analyse davon ab, ob die Bruttomargen weiter steigen und der Free Cash Flow positiv wird. Lucid muss unterdessen weiterhin Kapital aufnehmen, um seine Bilanz zu stützen.
Kurz erklärt
- Bruttomarge: Der Anteil des Umsatzes, der nach Abzug der direkten Herstellungskosten übrig bleibt.
- Free Cash Flow: Der frei verfügbare Zahlungsmittelüberschuss eines Unternehmens nach Abzug von Investitionen.
- Unit Economics: Die Wirtschaftlichkeit pro verkaufter Einheit eines Produkts.
