Remitly Global: Warum ich die Aktie trotz Verwässerung kaufen würde
Der Geldtransfer-Disruptor wächst rasant, zahlt keine Dividende und verwässert Aktionäre – dennoch sehen Analysten langfristig enormes Potenzial.

Remitly Global (Ticker: RELY) ist ein Unternehmen, das value-orientierte Anleger auf den ersten Blick meiden könnten. Keine Dividendenzahlungen, ein hohes historisches Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und eine anhaltende Verwässerung der Aktionäre – das sind klassische Warnsignale. Und doch gibt es gute Gründe, warum die Aktie für langfristig orientierte Investoren interessant sein könnte.
Der Grund liegt im Geschäftsmodell: Remitly ist ein Disruptor im Bereich der internationalen Geldtransfers. Früher erhoben Anbieter wie Western Union und globale Banken hohe Gebühren für grenzüberschreitende Überweisungen. Remitly bietet eine moderne, mobilfirst ausgerichtete Lösung, die Kosten für Verbraucher und Unternehmen senkt und es ermöglicht, Geld digital weltweit zu versenden – etwa auf digitale Bankkonten oder zur Bargeldabhebung. Dies ist keine leere Marketingrede, sondern spiegelt sich in den Zahlen wider.
Rasant wachsendes Kundengeschäft
Im letzten Quartal wuchs die Zahl der aktiven Kunden um 20 Prozent auf 10,2 Millionen – gegenüber lediglich 2,4 Millionen im Jahr 2022. Der Umsatz stieg im Quartal auf 495 Millionen US-Dollar und liegt in den letzten fünf Jahren um 350 Prozent höher. Selbst wenn man den Umsatz pro Aktie heranzieht, um die gestiegene Aktienzahl zu berücksichtigen, liegt der Umsatz über fünf Jahre um 236 Prozent höher. Das deutet auf erhebliche Marktanteilsgewinne hin.
Langfristig besteht für Remitly noch enormes Wachstumspotenzial. Es gibt Hunderte Millionen von Kunden, die grenzüberschreitend Geld senden, und ein jährliches Zahlungsvolumen in Billionenhöhe. Im letzten Quartal verarbeitete das Unternehmen lediglich 23,5 Milliarden US-Dollar an Volumen. Als führender Disruptor in diesem Bereich sollte Remitly langfristig einen erheblichen Teil dieses Marktes für sich gewinnen können.
Wende bei der Profitabilität
Auf Basis des historischen Gewinns könnte die Aktie teuer erscheinen. Der historische EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) lag bei 187 Millionen US-Dollar, was einem Multiplikator von 24x entspricht. Das ist nicht übermäßig teuer im Vergleich zu vielen anderen Aktien, aber auch kein schreiend günstiger Werttipp. Allerdings unterschätzt diese Kennzahl die zukünftige Gewinnkraft von Remitly, da gerade eine signifikante Margenausweitung stattfindet.
Die operative Marge lag im letzten Quartal bei 13,5 Prozent und steigt in einem gleichmäßigen Tempo weiter an. Wenn Remitly seinen Umsatz in den nächsten Quartalen auf 2 Milliarden US-Dollar steigert und eine operative Marge von 15 Prozent beibehält, würde dies Gewinne in Höhe von 300 Millionen US-Dollar implizieren. Bezogen auf die aktuelle Marktkapitalisierung entspricht das knapp dem Zehnfachen – die Aktie wäre damit deutlich günstiger, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Zwei Skeptiker-Narrative im Blick
Anleger haben Remitly in den letzten Wochen aus zwei Gründen skeptisch betrachtet. Erstens hat die lateinamerikanische Bank Nu Holdings ein US-Bankkonto eingeführt, das Geldtransfers durchführen kann. Das könnte theoretisch eine Wettbewerbsbedrohung darstellen. Allerdings bieten viele Banken ihren Kunden bereits Geldtransfers an und können diese nicht zu denselben Preisen mit nachhaltiger Wirtschaftlichkeit anbieten, ohne über dieselben direkten finanziellen Verbindungen weltweit zu verfügen.
Zweitens bildet sich ein Narrativ um KI-Agenten wie Muse von Meta Platforms. Theoretisch könnten solche Agenten nach konkurrierenden Geldtransferprodukten suchen und Volumina zu den günstigsten Optionen verschieben, um Kosten zu senken. In den meisten Fällen ist Remitly jedoch eine der günstigsten Optionen für den Versand größerer Geldmengen. Sollten solche Agenten breite Akzeptanz finden, könnten sie daher eher ein Rückenwind für das Geschäft sein. Beide Narrative eröffnen Anlegern die Möglichkeit, Remitly-Aktien mit einem Rabatt zu kaufen.
Fazit und Ausblick
Das Unternehmen wächst schnell, verwässert die Aktionäre nicht übermäßig und verzeichnet eine deutliche Wende bei den Gewinnen. Langfristig kommen neue Dienstleistungen für Mitglieder hinzu, etwa Sparanlagen und internationale Ausgabenkarten, die das Umsatzwachstum weiter ankurbeln könnten. Wenn Remitly seinen Umsatz auf 3 Milliarden US-Dollar steigern und Gewinnmargen von 20 Prozent beibehalten kann, würde dies einer jährlichen Gewinnkraft von 600 Millionen US-Dollar entsprechen. Im Vergleich zur Marktkapitalisierung von 4,37 Milliarden US-Dollar ergibt sich daraus ein Gewinnmultiplikator von lediglich 7.
Für deutsche Anleger, die auf langfristiges Wachstum statt auf Dividendeneinkommen setzen, könnte Remitly damit ein interessantes Investment sein – vorausgesetzt, man akzeptiert die anhaltende Verwässerung und die damit verbundenen Risiken. Die Bewertung hängt stark davon ab, ob das Unternehmen seine Margenausweitung und sein Umsatzwachstum wie erwartet fortsetzen kann.
