Rathbones setzt auf längere Gilts und erwartet fiskalische Disziplin
Der Vermögensverwalter kauft 10-jährige britische Staatsanleihen und verkauft Papiere mit zwei bis fünf Jahren Laufzeit.

Rathbones Asset Management positioniert sich zunehmend für britische Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten. Der Vermögensverwalter setzt darauf, dass Schatzkanzler John Healey die Verwirrung und Marktunruhen vermeiden wird, die die Haushalte seiner Vorgänger begleitet haben. Das geht aus einem Bericht von Bloomberg Europe hervor.
Konkret hat das Unternehmen in dieser Woche 10-jährige Gilts gekauft und im Gegenzug Schuldverschreibungen mit einer Fälligkeit in zwei bis fünf Jahren verkauft. Abgewickelt wurden die Transaktionen über das 9,6 Milliarden Pfund (12,8 Milliarden US-Dollar) schwere Portfolio an Multi-Asset-Fonds des Hauses. Verantwortet wird die Ausrichtung von David Coombs, dem Leiter Multi-Asset-Investments.
Für die Positionierung bedeutet das einen sichtbaren Wechsel: Bei langlaufenden Anleihen ist Rathbones von einer Untergewichtung zu einer neutralen Gewichtung übergegangen. Langlaufende Gilts reagieren empfindlicher auf Zinsbewegungen und auf Änderungen der staatlichen Politik als Papiere mit kurzer Restlaufzeit. Genau diese Sensitivität war in den vergangenen Jahren ein zentraler Risikofaktor am britischen Anleihemarkt.
Die Details
Der Handel ist ein klassischer Tausch innerhalb der Zinskurve. Rathbones gibt Engagement am kurzen bis mittleren Ende auf und verlagert es an das lange Ende. Betroffen sind Papiere mit einer Fälligkeit zwischen zwei und fünf Jahren auf der Verkaufsseite und 10-jährige Gilts auf der Kaufseite. Das Volumen der Transaktionen wird in dem Bericht nicht beziffert; genannt wird lediglich der Rahmen des Multi-Asset-Fonds-Portfolios, über den die Positionierung läuft.
Bemerkenswert ist die Größe dieses Portfolios: 9,6 Milliarden Pfund beziehungsweise 12,8 Milliarden US-Dollar verwaltet Rathbones in diesem Segment. Bewegungen in dieser Größenordnung sind für den Markt relevant, auch wenn sie einzeln keinen Kurs ausschlagen. Entscheidend ist die Richtung: Ein Haus, das zuvor lange Laufzeiten untergewichtet hatte, geht nun in eine neutrale Haltung. Das ist keine aggressive Wette auf fallende Renditen, sondern eine Reduktion der Vorsicht.
Der Zeitpunkt der Umsetzung ist ebenfalls Teil der Nachricht. Die Käufe erfolgten in derselben Woche, in der der Bericht veröffentlicht wurde, also am 23. Oktober 2026. Damit positioniert sich Rathbones vor dem Haushaltsplan, den Schatzkanzler Healey in den kommenden Wochen vorlegen will. Der Markt wartet seit Monaten auf dieses Signal.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 26.02.2026 berichtete aktien.news, dass die UBS ihre Prognose für das Angebot britischer Staatsanleihen im Geschäftsjahr 2026-27 auf 271 Milliarden Pfund angehoben hat. Gegenüber dem laufenden Jahr bedeutet das dennoch einen Rückgang, da sowohl die Nettokreditaufnahme als auch die Tilgungen sinken. Der Emissionsplan soll rund 20 Milliarden Pfund an langlaufenden Gilts sowie 34 Milliarden Pfund an inflationsgebundenen Wertpapieren umfassen. Zuständig für das Schuldenmanagement ist das britische Debt Management Office (DMO).
Am 15.05.2026 meldete aktien.news, dass Allianz Global Investors und Royal London Asset Management unbeirrt an ihren Positionen in britischen Staatsanleihen festhalten. Beide Häuser setzen darauf, dass die Erinnerung an den Gilt-Zusammenbruch von 2022 jeden potenziellen neuen britischen Premierminister fiskalisch in die Schranken weisen wird. Der britische Anleihemarkt geriet damals unter erheblichen Druck, nachdem die regierende Labour-Partei bei den Lokalwahlen schwere Verluste einstecken musste. Die Verluste stellten die politische Zukunft von Premierminister Keir Starmer infrage; als möglicher Herausforderer galt Andy Burnham, der Bürgermeister von Manchester.
Am 28.09.2026 berichtete aktien.news über eine Grundsatzrede von Finanzminister John Healey auf der Jahreskonferenz der Labour-Partei in Liverpool. Der Optimismus, den die Regierung wiederherstellen wolle, müsse durch fiskalische Disziplin verdient werden, sagte Healey. Seine Ansprache galt als Auftakt vor seinem Haushaltsplan für den kommenden Monat. „Heute möchte ich über die Politik der Hoffnung sprechen“, sagte Healey vor den Delegierten.
Am 15.10.2026 folgte ein weiterer Bericht: Laut einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen sollte Healey seinen erschöpften Spielraum gegenüber den fiskalischen Regeln im Rahmen des diesmonatlichen Budgets auf etwa 15 Milliarden Pfund (20 bis 21 Milliarden US-Dollar) wiederherstellen, um die Anleiheinvestoren an Bord zu halten. Der sogenannte Headroom war seit dem fiskalischen Update im März auf rund 10 Milliarden Pfund von ursprünglich 23,6 Milliarden Pfund halbiert worden.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Meldung vor allem ein Stimmungsindikator für den britischen Rentenmarkt. Rathbones verändert nicht die Grundhaltung zu Gilts, sondern nur die Gewichtung innerhalb der Laufzeiten. Die neutrale Haltung bei langen Laufzeiten sagt: Das Haus will am langen Ende dabei sein, ohne sich übermäßig zu exponieren. Wer über Fonds oder ETFs in britischen Staatsanleihen investiert ist, spürt diese Umschichtung nicht direkt, wohl aber die Marktbewegung, die dahintersteht.
Wichtig ist der Zusammenhang zwischen Fiskalpolitik und Laufzeit. Je länger die Restlaufzeit einer Anleihe, desto stärker schwankt ihr Kurs, wenn sich Zinserwartungen oder die Risikoprämie des Emittenten verändern. Deshalb reagieren lange Gilts besonders heftig auf Haushaltsdebatten. Die Erwartung, dass Healey Marktunruhen vermeidet, ist damit die eigentliche Begründung für den Kauf der 10-jährigen Papiere.
Ein zweiter Faktor ist das Angebot. Die UBS-Prognose von 271 Milliarden Pfund Emissionen im Geschäftsjahr 2026-27 zeigt, dass der britische Staat weiterhin in großem Umfang Kapital am Anleihemarkt aufnimmt. Ein hohes Angebot muss von Investoren aufgenommen werden. Genau hier setzt die Argumentation an, die auch Allianz Global Investors und Royal London Asset Management im Mai 2026 vertreten haben: Fiskalische Disziplin ist die Voraussetzung dafür, dass Anleger britische Staatsanleihen weiter tragen.
Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Die Meldung beschreibt die Positionierung eines einzelnen Vermögensverwalters, nicht die Entwicklung des Marktes. Anleger sollten beachten, dass Auslandsanleihen zusätzlich zum Zins- und Bonitätsrisiko ein Währungsrisiko tragen, wenn sie nicht gegen den Pfund-Kurs abgesichert sind.
Ausblick
Der nächste wichtige Termin ist der Haushaltsplan von Schatzkanzler John Healey. Laut dem Bericht vom 28.09.2026 war er für den kommenden Monat angekündigt; die Reuters-Umfrage vom 15.10.2026 sprach von einem diesmonatlichen Budget. Im Zentrum steht die Frage, ob Healey den fiskalischen Spielraum wie von Ökonomen erwartet auf etwa 15 Milliarden Pfund wiederherstellt. Rathbones hat mit dem Kauf der 10-jährigen Gilts bereits vor diesem Termin Position bezogen.
Kurz erklärt
- Gilt: Britische Staatsanleihe, mit der sich der britische Staat am Kapitalmarkt verschuldet.
- Laufzeit: Zeitraum bis zur Rückzahlung einer Anleihe; je länger sie ist, desto stärker schwankt der Kurs bei Zinsänderungen.
- Untergewichtung: Eine Position, die im Portfolio kleiner ausfällt als im Vergleichsmaßstab vorgesehen.
- Headroom: Der Puffer, um den die Steuer- und Ausgabenpläne einer Regierung ihre eigenen Fiskalregeln erfüllen.
