Privatanleger verkaufen so viele Aktien wie seit Corona nicht mehr
Vanda Research meldet den größten Ein-Tages-Abfluss bei US-Privatanlegern seit März 2020 – ausgelöst durch den Absturz des Dow Jones.

Einzelanleger in den USA haben am Donnerstag so viele Aktien an einem einzigen Handelstag abgestoßen wie seit der Corona-Pandemie nicht mehr. Nach Daten des Marktforschungsunternehmens Vanda Research verkauften Privatanleger netto 338 Millionen Dollar in einzelnen Wertpapieren – und zwar noch bevor eine Stunde vor Börsenschluss vergangen war. Damit verzeichnet diese Anlegergruppe den größten Ein-Tages-Abfluss seit März 2020.
Der Ausverkauf fiel mit einem massiven Rückgang an den Aktienmärkten zusammen. Händler lösten ihre Positionen im Technologiesektor auf, der Dow Jones Industrial Average stürzte um 1.800 Punkte ab und wischte damit praktisch jegliche positiven Impulse nach den Zwischenwahlen hinweg. Der Nasdaq Composite fiel in eine Korrekturphase.
Besonders bemerkenswert ist der Vorgang, weil Privatanleger eigentlich für ihr antizyklisches Verhalten bekannt sind. Sie kaufen üblicherweise auf Kursrückschläge und halten ihr Cash innerhalb des Marktes. Genau dieses Muster brach am Donnerstag.
Vanda Research meldet den größten Ein-Tages-Abfluss seit März 2020
In einem Bericht beschreibt Vanda Research die ungewöhnliche Entwicklung mit deutlichen Worten. „Bei einer typischen Sell-off-Phase kaufen Privatanleger auf den Kursrückschlag", heißt es darin. „Heute ist dieses Kaufinteresse bei einzelnen Titeln effektiv verschwunden."
Das Unternehmen stellte zugleich fest, dass sich die verbliebenen Kaufaktivitäten auf gehebelte Instrumente konzentrierten. Genannt werden der ProShares UltraPro QQQ (TQQQ), der die Performance des Nasdaq-100-Index mit dem Dreifachen abbildet, sowie die Direxion Daily Semiconductor Bull 3X Shares (SOXL), die eigentlich die Bewegungen im Halbleitersektor nachvollziehen soll. Der Bericht fasst die Lage mit einem prägnanten Satz zusammen: „Dies sieht aus wie ein seltener Käuferstreik, der auf erzwungenes Verkaufen trifft."
An dem Bericht hat auch Nick Wells von CNBC mitgewirkt. Eine Korrektur wies darauf hin, dass der Wochentag im ersten Absatz berichtigt wurde.
Frühere Berichte zeigten bereits eine abnehmende Kaufbereitschaft
Die aktuelle Entwicklung fügt sich in eine Reihe von Beobachtungen, die aktien.news in den vergangenen Monaten dokumentiert hat. Bereits am 27.09.2026 berichtete aktien.news, dass institutionelle Anleger das Ruder am Aktienmarkt übernehmen, während Privatanleger zunehmend an die Seitenlinie gedrängt werden. Daten von Vanda Research zeigten damals, dass große Investoren ihre Aktienengagements trotz sprunghaft steigender Renditen bei US-Staatsanleihen stabil hielten. „Institutionelle Anleger waren in dieser Woche der makroökonomischen Volatilität gegenüber überraschend resilient", schrieb Viraj Patel, globaler Market Strategist bei Vanda, damals an seine Kunden.
Auch die Vorlieben der Privatanleger hatten sich verschoben. Am 20.07.2026 berichtete aktien.news, dass die jahrelange Begeisterung privater Anleger für die größten Tech-Aktien der Welt merklich abkühlt. Wie Vanda Research zeigte, kauften Privatanleger zunehmend weniger Aktien der sogenannten „Magnificent Seven" – also Microsoft, Apple, Amazon, Meta, Nvidia, Alphabet und Tesla. Stattdessen floss das Kapital in neuere, weniger bekannte KI-Investments. Als Beispiele nannte der Bericht Chip-Aktien wie SK Hynix sowie den Roundhill Memory Exchange Traded Fund (ETF).
Ein weiterer Bericht vom selben Tag beschrieb denselben Trend aus einer anderen Perspektive: Privatanleger richteten ihren Blick auf kleinere, spezialisierte KI-Profiteure wie Chiphersteller, Speicherlieferanten und Infrastrukturunternehmen. Exemplarisch dafür stand Alex Cardona, ein 50-jähriger Direktor eines Softwareunternehmens, der einen Teil seines Portfolios in KI-Infrastrukturunternehmen umgeschichtet hatte – darunter der Rechenzentrumsbetreiber Equinix und der Halbleiterhersteller Marvell Technology.
Schon früher im Jahr hatte sich gezeigt, dass Privatanleger bei Rückschlägen nicht automatisch zugreifen. Bereits am 05.02.2026 berichtete aktien.news über einen ungewöhnlichen Ausverkauf im Technologiesektor: Der S&P 500 Software- und Dienstleistungsindex verlor allein am Dienstag knapp 4 Prozent und gab am Mittwoch weitere 1 Prozent nach. Damit setzte sich die Verlustserie auf sechs aufeinanderfolgende Handelstage fort – der schwerste Rückgang seit 2022. „Im Allgemeinen waren unsere Kunden nicht so eifrig, bei Rückgängen im Softwarebereich zuzugreifen, wie sie es bei Edelmetallen und Halbleitern sind", erklärte damals Steve Sosnick, Chefstratege bei Interactive Brokers.
Der Käuferstreik verändert das Bild vom antizyklischen Privatanleger
Für deutsche Privatanleger liefert der Donnerstag ein anschauliches Bild davon, wie sich Marktphasen verändern können. Die verbreitete Annahme, dass Einzelanleger Kursrückschläge verlässlich zum Einstieg nutzen, hat sich an diesem Tag nicht bestätigt. Statt breit gestreuter Einzelaktien konzentrierten sich die verbliebenen Käufe auf gehebelte Produkte, die auf Indizes und Sektoren setzen.
Wer solche Hebelprodukte hält, sollte deren Funktionsweise kennen: Sie bilden die Entwicklung eines Index oder Sektors mit einem Vielfachen ab – im Fall von TQQQ mit dem Dreifachen der Nasdaq-100-Performance. Das verstärkt sowohl Gewinne als auch Verluste. Die Beobachtung von Vanda Research, dass sich Kaufaktivität auf genau diese Instrumente verlagert, ist eine reine Marktbeobachtung und keine Empfehlung.
Bemerkenswert ist zudem der Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Privatanleger und der Rolle institutioneller Investoren. Der Archivbericht vom 27.09.2026 deutet darauf hin, dass sich die Machtbalance am Aktienmarkt bereits seit Monaten verschiebt. Der aktuelle Käuferstreik lässt sich in dieser Lesart als weiteres Element derselben Entwicklung verstehen.
Der Ausblick bleibt von der weiteren Marktentwicklung abhängig
Konkrete Termine oder Prognosen nennt der Bericht von Vanda Research nicht. Die weitere Entwicklung dürfte davon abhängen, wie sich der Technologiesektor und die großen Indizes in den kommenden Handelstagen verhalten. Der Dow Jones Industrial Average hatte am Donnerstag 1.800 Punkte verloren, der Nasdaq Composite war in eine Korrekturphase gefallen.
Ob Privatanleger in den kommenden Tagen wieder auf den Kursrückschlag kaufen, wie es in typischen Sell-off-Phasen üblich ist, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Vanda Research wird die Zu- und Abflüsse weiter beobachten. Für Anleger bleibt festzuhalten, dass die in dem Bericht beschriebene Kombination aus fehlendem Kaufinteresse und erzwungenem Verkaufen eine seltene Konstellation ist.
Diese drei Fachbegriffe helfen beim Verständnis des Ausverkaufs
- Sell-off: Ein breiter, oft schneller Ausverkauf an den Märkten, bei dem viele Marktteilnehmer gleichzeitig verkaufen.
- Gehebeltes Instrument: Ein Finanzprodukt, das die Entwicklung eines Index oder Sektors mit einem Vielfachen abbildet und dadurch Gewinne wie Verluste verstärkt.
- Netto-Abfluss: Der Saldo aus Käufen und Verkäufen, der zeigt, ob per Saldo mehr Kapital abgezogen oder zugeführt wurde.
