Oracle kämpft um Bonität, Viking Therapeutics sichert sich Kapital
Zwei Unternehmen, zwei Strategien: Oracle stemmt KI-Ausgaben gegen Kreditrisiken, Viking Therapeutics finanziert seine Pipeline vor.

Die Finanzmärkte zeigen zum 20. Oktober 2026 zwei gegensätzliche Bilder: Während der Softwarekonzern Oracle wegen seiner aggressiven Investitionen in KI-Infrastruktur zunehmend unter Druck gerät, nutzt das Biotech-Unternehmen Viking Therapeutics die Kapitalmärkte, um sich finanziellen Spielraum zu sichern. Beide Fälle verdeutlichen, wie unterschiedlich Unternehmen in einem Umfeld hoher Zinsen und kapitalintensiver Geschäftsmodelle agieren.
Im Zentrum der Sorgen steht Oracle. Der Konzern ist bei S&P Global Credit Ratings mit BBB- bewertet – der niedrigsten Stufe innerhalb des Investment-Grade-Bereichs. Anleger reagieren zunehmend nervös auf die Schuldenlast des Unternehmens, die 118 Milliarden Dollar langfristige Verpflichtungen umfasst, ergänzt um 39 Milliarden Dollar an Kapital- und Leasingverpflichtungen.
Die Details
Am deutlichsten zeigt sich die Skepsis am Markt in der Ausweitung der Fünf-Jahres-Credit-Default-Swap-Spreads (CDS) von Oracle. Diese sind im vergangenen Jahr um 287 Prozent auf 295 Basispunkte gestiegen. Gavan Nolan, Executive Director für Fixed-Income-Pricing bei S&P Global Market Intelligence, stellte fest, dass diese Spreads derzeit eher auf dem Niveau von High-Yield-Krediten (BB und B) gehandelt werden als auf dem traditioneller Investment-Grade-Anleihen. Diese Volatilität spiegle eine breitere Marktfragilität gegenüber KI-bezogenen Unternehmen wider, insbesondere bei solchen mit hoher Verschuldung.
Analysten erwarten für Oracle einen negativen freien Cashflow bis 2027. Die Schätzungen belaufen sich auf -23,7 Milliarden Dollar im laufenden Jahr und -36 Milliarden Dollar im Jahr 2027. S&P hat signalisiert, dass eine Herabstufung in den Junk-Bereich ausgelöst werden könnte, wenn die Verschuldung dauerhaft das Vierfache übersteigt, wenn kein klarer Weg zu einem positiven operativen Free Cashflow bis zum Geschäftsjahr 2029 aufgezeigt wird oder wenn sich die wirtschaftlichen Aussichten der KI-Branche insgesamt eintrüben. Eine solche Herabstufung birgt erhebliche Risiken: Institutionelle Investoren, die nur in Investment-Grade-Anlagen investieren dürfen, könnten zum Verkauf gezwungen sein, was die künftigen Finanzierungskosten des Unternehmens deutlich erhöhen würde.
Trotz dieser Belastungen bleibt das Oracle-Management standhaft. In vertraulichen Gesprächen mit Aktionären, etwa mit Laffer Tengler, hat das Unternehmen ausdrücklich erklärt, dass der Schutz seines Investment-Grade-Ratings oberste Priorität habe. Oracle hält daran fest, dass seine Investitionen in KI-Infrastruktur starke wirtschaftliche Erträge und positive Cashflows liefern werden, sobald die Projekte vollständig hochgefahren sind. Einige Marktteilnehmer, darunter Fixed-Income-Manager bei Vanguard, bleiben zuversichtlich und argumentieren, dass Oracles disziplinierte Emissionsstrategie das Unternehmen von spekulativeren, nicht investment-grade bewerteten Akteuren im KI-Segment unterscheide.
Ganz anders stellt sich die Lage bei Viking Therapeutics dar. Das Biotech-Unternehmen hat kürzlich 575 Millionen Dollar aufgenommen – durch eine Kombination aus einer 316 Millionen Dollar schweren Aktienemission und 258,75 Millionen Dollar in wandelbaren vorrangigen Anleihen. Analysten werten diesen Schritt überwiegend als strategische Risikoreduzierung, da er das nötige Kapital bereitstellt, um die ambitionierte klinische Pipeline aufrechtzuerhalten.
Viking führt derzeit umfangreiche Phase-3-Studien für seinen GLP-1/GIP-Agonisten VK2735 durch. Das Studienportfolio umfasst die Vanquish-1- und Vanquish-2-Studien (injizierbare Form) sowie die Sunrise-1- und Sunrise-2-Studien (orale Form). Darüber hinaus treibt Viking VK3019 voran, einen Amylin-Agonisten, der im Abnehm-Markt konkurrieren soll und sich speziell an Patienten richtet, die GLP-1-Agonisten nicht vertragen.
Da Viking derzeit keine Umsätze erzielt, erwarten Wall-Street-Analysten, dass das Unternehmen mindestens bis 2030 cashflow-negativ bleibt. Die jüngste Kapitalaufnahme verlängert den finanziellen Spielraum des Unternehmens, der zuvor nur bis 2028 reichen sollte. Ein entscheidender Meilenstein wird der zweite Teil der Maintenance-Studie sein, die die orale Version von VK2735 testet. Diese Studie ist wesentlich für die Validierung von Vikings Strategie der „dualen Formulierung“; Ergebnisse werden 2027 erwartet, zeitgleich mit den Daten der Vanquish-Studie. Ergebnisse der Sunrise-Studien werden für 2028 erwartet.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 03.02.2026 berichtete aktien.news, dass die CDS von Oracle um 17 Prozent gefallen waren, nachdem der Konzern einen umfassenden Finanzierungsplan für seine KI-Expansion vorgestellt hatte. Damals plante das Unternehmen, im laufenden Jahr zwischen 45 und 50 Milliarden Dollar durch eine Kombination aus Fremd- und Eigenkapital aufzunehmen. Die Fünf-Jahres-CDS waren Ende 2025 stark angestiegen, als Investoren Bedenken über die massiven Rechenzentrumsausgaben äußerten.
Am 11.03.2026 meldete aktien.news, dass Oracle vor einem richtungsweisenden Quartalsbericht stand. Der Konzern hatte sich als bedeutender Akteur im KI-Cloud-Geschäft positioniert, vor allem durch eine hochkarätige Partnerschaft mit OpenAI. Im Dezember kündigte Oracle an, im laufenden Geschäftsjahr rund 50 Milliarden US-Dollar für Investitionen auszugeben – deutlich mehr als zuvor veranschlagt.
Ebenfalls am 11.03.2026 berichtete aktien.news, dass der CDS auf Oracle-Verbindlichkeiten die stärkste Verbesserung seit dem 2. Februar verzeichnete. Laut Bloomberg sanken die Kosten für die Absicherung von Oracle-Schulden gegen einen Zahlungsausfall um bis zu 0,054 Prozentpunkte und erreichten mit 1,52 Prozentpunkten ein Einmonatstief. Auslöser war der starke Quartalsbericht, der Anlegersorgen rund um die KI-Investitionsausgaben zerstreute.
Am 25.07.2026 berichtete aktien.news, dass die Anleihemärkte zunehmend unter Druck gerieten, nachdem Alphabet seine Prognose für KI-Investitionsausgaben angehoben hatte. Anleiheinvestoren befürchteten, dass andere Hyperscaler wie Amazon und Meta dem Beispiel folgen könnten – mit weitreichenden Folgen für die Kreditkosten der gesamten Branche. Bei Google, Amazon und Meta weiteten sich die Credit Spreads aus.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger zeigen die beiden Fälle, wie unterschiedlich Kapitalmarktrisiken je nach Geschäftsmodell zu bewerten sind. Bei Oracle steht die Frage im Raum, ob ein Unternehmen trotz Investment-Grade-Rating und milliardenschwerer KI-Investitionen seine Bonität verteidigen kann. Die CDS-Spreads liefern dabei ein Frühwarnsignal, das Anleiheinvestoren ernst nehmen sollten. Eine Herabstufung in den Junk-Bereich hätte nicht nur höhere Finanzierungskosten zur Folge, sondern könnte auch institutionelle Anleger zum Verkauf zwingen.
Bei Viking Therapeutics ist die Kapitalaufnahme dagegen kein Zeichen von Not, sondern Teil der Wachstumsstrategie. Ohne Umsätze ist das Unternehmen auf externe Finanzierung angewiesen, um seine klinischen Studien bis 2030 fortzuführen. Anleger sollten beachten, dass derartige Biotech-Investitionen stark von Studienergebnissen abhängen und entsprechend volatil bleiben.
Ausblick
Bei Oracle richten sich die Blicke auf die Bedingungen, die S&P für eine mögliche Herabstufung genannt hat: eine dauerhafte Verschuldung über dem Vierfachen, der fehlende Nachweis eines positiven operativen Free Cashflows bis zum Geschäftsjahr 2029 sowie die Entwicklung der KI-Branche insgesamt. Bei Viking Therapeutics stehen die Ergebnisse des zweiten Teils der Maintenance-Studie zur oralen VK2735 im Jahr 2027 im Fokus, zeitgleich mit den Vanquish-Daten. Die Ergebnisse der Sunrise-Studien werden für 2028 erwartet.
Kurz erklärt
- Credit Default Swap (CDS): Ein Finanzinstrument, das Käufer wie eine Versicherung gegen den Zahlungsausfall eines Schuldners absichert.
- Investment-Grade: Eine Bonitätsbewertung, die Anleihen als vergleichsweise sicher einstuft und institutionellen Anlegern den Kauf erlaubt.
- Free Cashflow: Der frei verfügbare Zahlungsmittelüberschuss eines Unternehmens nach Abzug aller Investitionen.
- Wandelbare vorrangige Anleihe: Eine Anleihe, die zu festgelegten Bedingungen in Aktien des Unternehmens umgewandelt werden kann.
