OpenAI-Umsatzdiskrepanz erschüttert KI-Aktien an der Wall Street
Eine Differenz von 20 Milliarden Dollar beim annualisierten OpenAI-Umsatz löste einen Ausverkauf bei KI-Aktien aus.

Eine einzige Zahl hat die Wall Street in Aufruhr versetzt: Der annualisierte Nettoumsatz von OpenAI liegt laut einem Bericht der Financial Times bei knapp 50 Milliarden US-Dollar – und damit rund 20 Milliarden US-Dollar unter den zuvor kolportierten 70 Milliarden US-Dollar. Die Enthüllung dieser Diskrepanz löste einen deutlichen Ausverkauf bei KI-nahen Aktien aus und rückte eine bislang wenig hinterfragte Kennzahl ins Rampenlicht: den annualisierten Umsatz, auch bekannt als Revenue Run Rate.
Der Nasdaq 100, der technologieorientierte US-Leitindex, verlor am Donnerstag infolge des FT-Berichts 1,4 Prozent. Aktien von Unternehmen mit direktem KI-Bezug, darunter Oracle und Nvidia, gaben ebenfalls deutlich nach. Am Freitag erholte sich der Index teilweise. Die Marktreaktion verdeutlicht, wie stark die Stimmung gegenüber dem gesamten KI-Sektor an den Umsatzzahlen eines einzigen, nicht börsennotierten Unternehmens hängt.
Die Details
OpenAI selbst hat die Verwirrung in einer offiziellen Erklärung teilweise aufgeklärt: „Letzte Woche haben wir über ein bemerkenswertes Wachstum der annualisierten Run-Rate-Umsätze von 70 Prozent im dritten Quartal berichtet. Spätere Berichte, wonach wir eine Run-Rate von 70 Milliarden US-Dollar erreicht hätten, waren nicht korrekt. Wir können bestätigen, dass unsere aktuelle Run-Rate bei etwa 50 Milliarden US-Dollar liegt."
Die ursprüngliche Zahl von 70 Milliarden US-Dollar war Ende September zunächst vom Nachrichtenportal Axios gemeldet worden, bevor andere Medien – darunter die FT selbst – die Angabe übernahmen. OpenAI hatte die Zahl damals gegenüber der FT als korrekte „Netto"-Umsatzkennzahl bestätigt. Eine dem Unternehmen nahestehende Person erklärte nun, OpenAI habe intern stets die Nettozahl verwendet, und selbst auf Bruttobasis wäre die Schätzung von 70 Milliarden US-Dollar ungenau gewesen.
Ein wesentlicher Teil der Verwirrung liegt in den unterschiedlichen Rechnungslegungsmethoden der beiden führenden KI-Unternehmen begründet. Anthropic, Entwickler des KI-Modells Claude, weist den Bruttoumsatz aus Verkäufen über Cloud-Partner aus – weil Anthropic laut einer mit den Buchhaltungspraktiken vertrauten Person der Prinzipal in der Transaktion ist. Die Umsatz-Run-Rate von Anthropic wird berechnet, indem der verbrauchsbasierte Umsatz der vorangegangenen 28 Tage plus die wiederkehrenden monatlichen Abonnementeinnahmen annualisiert werden. OpenAI hingegen zählt nur den eigenen Anteil an den Erlösen aus Vereinbarungen mit Partnern wie Microsoft. Die im September gemeldete Zahl von 70 Milliarden US-Dollar entstand laut einer OpenAI nahestehenden Person aus Versuchen von Investoren, die Performance beider Unternehmen auf einer vergleichbaren Basis gegenüberzustellen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Diskrepanz ist das vorläufige Ende einer langen Reihe von Umsatzmeldungen, die den KI-Boom begleitet haben. Bereits am 20. Januar 2026 berichtete aktien.news, dass OpenAI seine jährliche Umsatzrate von 2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 auf über 20 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 gesteigert hatte – eine Verdoppelung innerhalb weniger Jahre, die Finanzchefin Sarah Friar in einem Blogbeitrag bekanntgab.
Am 15. August 2026 meldete aktien.news dann, dass OpenAI auf Basis der aktuellen Performance eine annualisierte Umsatz-Run-Rate von mehr als 40 Milliarden US-Dollar erzielt – und damit seinen annualisierten Umsatz gegenüber Ende 2025 in etwa verdoppelt hatte. Dieser Wert untermauerte damals die Pläne für ein Börsendebüt an der Wall Street.
Am 30. September 2026 berichtete aktien.news, dass ein Axios-Bericht über eine Run-Rate von OpenAI nahe der 70-Milliarden-Dollar-Marke die Oracle-Aktie um 4 Prozent nach oben trieb – ein anschauliches Beispiel dafür, wie stark KI-Umsatzmeldungen auf den gesamten Sektor ausstrahlen. Bereits am 27. September 2026 hatte aktien.news im Kontext von KI-Börsengängen darauf hingewiesen, dass Investoren zunehmend Unternehmen mit geringen oder schwer verifizierbaren Einnahmen zu extremen Bewertungen kaufen.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in KI-nahe Aktien wie Nvidia, Oracle oder Microsoft investiert sind, zeigt die Episode ein strukturelles Risiko auf: Weil OpenAI und Anthropic nicht börsennotiert sind, unterliegen sie keiner standardisierten Berichtspflicht. Börsennotierte US-Unternehmen müssen ihre Ergebnisse regelmäßig in einem einheitlichen Format öffentlich offenlegen – für private KI-Giganten gilt das nicht.
Annualisierte Umsatzzahlen sind zudem grundsätzlich unvollständig, weil sie die jüngste Performance extrapolieren und Annahmen über die Nachhaltigkeit von Kundenverträgen einschließen. Für Risikokapitalgeber ist das Momentum eines Start-ups in der Regel wichtiger als die Rentabilität – doch OpenAI und Anthropic haben eine Größenordnung erreicht, bei der diese Kennzahlen weit über den privaten Markt hinaus Wirkung entfalten und ganze Indizes bewegen.
Die Sensibilität der Wall Street gegenüber diesen Zahlen unterstreicht, wie zentral beide Unternehmen für den breiteren KI-Boom sind, der US-Aktien auf Rekordhochs getrieben und das Wirtschaftswachstum angekurbelt hat. Entsprechend laut werden die Forderungen, dass OpenAI und Anthropic entweder an die Börse gehen oder ihre Finanzberichterstattung formalisieren sollen.
Ausblick
OpenAI hat seinen Börsengang auf das nächste Jahr verschoben. Anthropic wird voraussichtlich später im Jahr 2026 detailliertere Berichte über seine Performance vorlegen. Auf der Umsatzseite hat OpenAI potenziellen Investoren einer bevorstehenden Finanzierungsrunde mitgeteilt, dass es seinen geschätzten Jahresumsatz für 2026 von den im ersten Quartal prognostizierten 30 Milliarden US-Dollar auf 35 Milliarden US-Dollar nach oben korrigiert hat. Die Geschäftsentwicklung habe seit der Veröffentlichung des Modells GPT-5,6 im Juli stark angezogen, so das Unternehmen.
Kurz erklärt
- Annualisierte Umsatz-Run-Rate: Eine Hochrechnung des aktuellen Umsatzes auf ein volles Jahr, die das Momentum eines Unternehmens abbilden soll, aber keine gesicherten Jahresergebnisse darstellt.
- Brutto- vs. Nettoumsatz: Der Bruttoumsatz umfasst alle Erlöse inklusive der Anteile von Partnern, während der Nettoumsatz nur den eigenen Anteil des Unternehmens an den Einnahmen ausweist.
- Prinzipal in der Transaktion: Ein Unternehmen gilt als Prinzipal, wenn es die Kontrolle über ein Produkt oder eine Dienstleistung innehat und das volle wirtschaftliche Risiko trägt, was zur Erfassung des Bruttoumsatzes berechtigt.
