KI revolutioniert Anwaltsberuf und bedroht die abrechenbare Stunde
Künstliche Intelligenz verändert das Kerngeschäftsmodell von Kanzleien – und stellt eine der ältesten Konventionen des Berufsstandes infrage.

Künstliche Intelligenz wird mittlerweile von fast 90 % der Rechtsexperten im Vereinigten Königreich und in Irland genutzt. Das geht aus dem „U.K. & Ireland Legal Insights Report 2026" des Softwareunternehmens Clio hervor. Die Technologie stellt dabei eine der ältesten Konventionen des Berufsstandes auf den Prüfstand: die abrechenbare Stunde.
Fast 80 % der Kanzleien, die KI einsetzen, gaben an, mehr Arbeit ohne zusätzliche Ressourcen bewältigen zu können. Über 70 % erklärten, dass die Technologie Kosten senke, indem sie administrative Aufgaben übernehme, die früher vom Unterstützungspersonal erledigt wurden. Die wirtschaftliche Kalkulation, auf der das Stundenhonorar-Modell basiert, ist damit nicht mehr so eindeutig wie früher.
Einige der größten Kanzleien im Vereinigten Königreich setzen KI bereits konkret ein. A&O Shearman hat gemeinsam mit dem Rechts-KI-Unternehmen Harvey KI-Agenten für Aufgaben wie die Prüfung von Kreditverträgen und die Analyse regulatorischer Meldungen entwickelt. Aufgaben, die früher mehrere Stunden in Anspruch nahmen, können laut Kanzlei nun in Minuten erledigt werden. Slaughter and May hat Harvey in diesem Jahr in allen Rechtsgebieten eingeführt, unter anderem für regulatorische Recherchen und Dokumentenanalysen.
Die Details
Die abrechenbare Stunde ist das Herzstück des Geschäftsmodells vieler Kanzleien – doch KI untergräbt ihre Logik zunehmend. „Man kann nicht 16 Stunden für etwas berechnen, das 16 Sekunden dauert", sagte Nick Rowles-Davies, Gründer und CEO des in London und Dubai ansässigen Rechtsfinanzierungsfonds Lexolent, gegenüber CNBC. Etwa jede fünfte Kanzlei, die KI in großem Umfang eingeführt hat, berichtet laut dem Clio-Bericht bereits von Schwierigkeiten, ihre Zielvorgaben für abrechenbare Stunden zu erreichen.
Weltweit erwarten Führungskräfte im Rechtswesen laut einer Deloitte-Umfrage, dass der Anteil der nach Stunden abgerechneten Arbeit in den nächsten zwei bis drei Jahren von 72 % auf 44 % sinken wird. Routinearbeiten seien am stärksten betroffen, so Rowles-Davies. „Wenn man Standarddokumente hat und nur noch Details einfügt, dann ist das eindeutig ein automatischer Prozess."
Komplexe juristische Arbeit erfordere jedoch weiterhin menschliches Urteilsvermögen, betonte Rowles-Davies – insbesondere bei der Interpretation von KI-Ergebnissen und der Festlegung der richtigen Strategie für einen Mandanten. Mansoor Soomro, Leiter der Future of Work Research Unit an der Teesside University im englischen Middlesbrough, erklärte gegenüber CNBC, dass die abrechenbare Stunde sicher nicht über Nacht verschwinden werde, es jedoch immer schwieriger werde, sie zu rechtfertigen.
Ein weiteres Risiko, das Kanzleien im Blick behalten müssen: KI-Halluzinationen. „Es gab bereits zahlreiche Fälle, in denen Anwälte sanktioniert wurden, weil sie dem Gericht Schriftsätze mit Präzedenzfällen vorgelegt haben, die gar nicht existieren", warnte Rowles-Davies. Anwälte müssen daher in der Lage sein, KI-Ausgaben kritisch zu prüfen und Fehler zu erkennen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entwicklung reiht sich in einen längeren Transformationsprozess ein, den aktien.news bereits mehrfach dokumentiert hat. Bereits am 25. September 2026 berichtete aktien.news, dass KI in europäischen Anwaltskanzleien längst keine Zukunftstechnologie mehr ist, sondern gelebte Infrastruktur – und dass eine wachsende Zahl von Wirtschaftskanzleien ihren KI-Einsatz beschleunigt und dabei fundamentale Fragen an das eigene Geschäftsmodell stellt.
Am 19. Juli 2026 hatte aktien.news zudem berichtet, dass das klassische Partnerschaftsmodell in Kanzleien weltweit unter Druck gerät und KI diesen Trend erheblich verschärft. Kanzleien reduzierten demnach die Anzahl und Privilegien ihrer Partner. Und bereits am 26. Juni 2026 hatte aktien.news auf den fundamentalen Wandel der Rechtsbranche hingewiesen, der von Künstlicher Intelligenz bis hin zu neuen Kanzleimodellen reicht.
Ausbildung von Nachwuchsjuristen
Neben dem Abrechnungsmodell verändert KI auch die Art, wie angehende Juristen ihr Handwerk erlernen. Repetitive Aufgaben – das Sichten hunderter Dokumente, das Aufsetzen von Verträgen, die Recherche in dutzenden Fällen – halfen Junganwälten traditionell, die Grundlagen des Rechts zu verinnerlichen. Da die KI immer mehr dieser Aufgaben übernimmt, müssen Kanzleien diese Lernmöglichkeiten gezielt ersetzen.
„Ein schnellerer Weg zu einem Entwurf bedeutet nicht automatisch einen schnelleren Weg zur Kompetenz", sagte Jorge Bestard, Leiter der Region EMEA bei Harvey in London, gegenüber CNBC. A&O Shearman lege deshalb mehr Wert auf „Neugier und Unternehmertum", erklärte Francesca Bennetts, Leiterin für juristische Talente am Standort London. Die Kanzlei schaffe zudem Karrierewege in den Bereichen Legal Engineering, Produktentwicklung und KI-Implementierung, die „vor wenigen Jahren kaum existierten".
Soomro erwartet, dass Urteilsvermögen in der Branche „überproportional wertvoll" wird. „Die Zukunft gehört daher vielleicht nicht dem Anwalt, der am meisten über ein eng begrenztes Fachgebiet weiß, sondern demjenigen, der verschiedene Bereiche verknüpfen kann, um ein komplexes Mandantenproblem zu lösen", sagte er.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung im Rechtssektor vor allem als Indikator für den breiteren KI-Transformationstrend relevant. Unternehmen wie Harvey, die KI-Lösungen für Kanzleien entwickeln, befinden sich in einem stark wachsenden Markt. Gleichzeitig zeigt der Clio-Bericht, dass die Effizienzgewinne durch KI nicht automatisch zu besseren Arbeitsbedingungen führen: 51 % der Rechtsexperten arbeiten abends, aber nur 32 % wollen das. 22 % arbeiten am Wochenende, während sich nur 11 % freiwillig dafür entscheiden würden.
Joshua Lenon, Lawyer-in-Residence bei Clio in New York, sieht dennoch positive Signale: „Anwälte berichten uns, dass ihr Arbeitsalltag besser wird." Ob die Effizienzgewinne durch KI das Arbeitsleben der Anwälte letztlich verbessern, hängt laut dem Bericht davon ab, wie Kanzleien die gewonnene Zeit nutzen.
Ausblick
Laut der Deloitte-Umfrage erwarten Führungskräfte im Rechtswesen, dass der Anteil stundenbasierter Abrechnung in den nächsten zwei bis drei Jahren von 72 % auf 44 % sinken wird. Kanzleien wie A&O Shearman bauen bereits neue Karrierewege in den Bereichen Legal Engineering und KI-Implementierung auf. Die Notwendigkeit, herausragende Anwälte auszubilden, verschwinde dabei nicht, betonte Bennetts: „Sie sind die Partner und Experten der Zukunft."
Kurz erklärt
- Abrechenbare Stunde: Das traditionelle Abrechnungsmodell von Anwaltskanzleien, bei dem Mandanten für jede geleistete Arbeitsstunde bezahlen.
- KI-Halluzination: Ein Phänomen, bei dem KI-Systeme falsche oder erfundene Informationen mit hoher Überzeugung als Fakten ausgeben.
- Legal Engineering: Ein Berufsfeld an der Schnittstelle von Recht und Technologie, das juristische Prozesse durch technische Lösungen optimiert.
