Ölpreis über 100 Dollar: Eskalation treibt Inflations- und Marktsorgen
Geopolitische Spannungen im Nahen Osten treiben Brent-Rohöl erstmals seit Monaten über 100 Dollar.

Die globalen Finanz- und Energiemärkte stehen unter dem Eindruck einer massiven geopolitischen Eskalation im Nahen Osten. Der Ölpreis ist erstmals seit Monaten wieder über die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar pro Barrel gestiegen. Brent-Rohöl notiert bei rund 100,62 bis 100,66 Dollar, während die US-Sorte WTI mit etwa 95,77 Dollar den höchsten Stand seit Juni erreichte.
Auslöser der jüngsten Preissprünge sind koordinierte Angriffe der Huthi-Rebellen auf saudische Städte, US-Attacken auf iranische Öltanker sowie ein iranischer Raketenangriff auf eine US-Militärbasis in Jordanien. Die Sicherheitslage gefährdet kritische Handelsrouten wie die Straße von Hormus und das Rote Meer.
Daten von Rystad Energy zeigen, dass das Liefervolumen durch die Straße von Hormus dramatisch eingebrochen ist. Waren es zuvor acht bis neun Millionen Barrel pro Tag, sind es nun weniger als zwei Millionen Barrel. Auch russisches Urals-Öl verteuerte sich auf über 80 Dollar pro Barrel, was deutlich über der Kalkulationsgrundlage des russischen Haushalts liegt.
Experten warnen vor Versorgungsengpässen
Marktexperten wie Ole Hansen von der Saxo Bank warnen vor langfristigen Versorgungsengpässen. Analysten halten bei einer anhaltenden Blockade der Handelsrouten Preise von bis zu 150 Dollar für möglich. Alan Gelder von Wood Mackenzie verweist zudem auf weltweit knappe Raffineriekapazitäten, die den Preisdruck zusätzlich verschärfen.
Die Energiekrise belastet auch die US-Wirtschaft massiv. Die Renditen für US-Staatsanleihen sind deutlich gestiegen. Die zehnjährige Benchmark-Anleihe kletterte den fünften Tag in Folge auf 4,814 Prozent, während die 30-jährige Anleihe bei 5,254 Prozent notiert. Investoren fürchten eine hartnäckige, energiegetriebene Inflation, die die Federal Reserve zu einer restriktiveren Geldpolitik zwingen könnte.
Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bei der Fed-Sitzung im September wird am Terminmarkt auf 60 Prozent taxiert. Gestützt wird diese Erwartung durch einen robusten Arbeitsmarktbericht aus den USA.
Inflationsdaten im Fokus der Anleger
Mit Spannung blicken Anleger nun auf die anstehenden Inflationsdaten, insbesondere den Erzeugerpreisindex (PPI) und den Verbraucherpreisindex (CPI). Ein unerwartet hoher Wert könnte die zehnjährige Rendite in Richtung der 5,0-Prozent-Marke treiben.
Politisch wächst der Druck auf die US-Regierung. Finanzminister Scott Bessent hat bereits Maßnahmen zur Beruhigung der Märkte angekündigt. Präsident Donald Trump steht unter Zugzwang, da Rekordpreise für Benzin und Diesel die Verbraucher stark belasten. Die hohen Energiepreise konterkarieren zudem die Bemühungen der Zentralbanken zur Inflationsbekämpfung.
Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert für das laufende Jahr einen Rückgang des globalen Ölangebots um etwa 4,3 Millionen Barrel pro Tag. Sollte sich die geopolitische Lage weiter zuspitzen, drohen den Märkten weitere turbulente Wochen mit potenziell weitreichenden Folgen für die Weltwirtschaft.
