Niedersachsen kauft Sparkassenanteil an Nord/LB für 750 Millionen Euro
Das Land erhöht seinen Anteil von 60 auf über 80 Prozent und sichert sich die entscheidende Stimmmacht.

Das Land Niedersachsen will seinen Anteil an der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) deutlich ausbauen. Nach Informationen der WirtschaftsWoche kauft das Land den Sparkassen ihren 20-Prozent-Anteil für rund 750 Millionen Euro ab. Der Landesanteil würde damit von 60 auf mehr als 80 Prozent steigen.
Die Finanzierung soll über zusätzliche Kredite und einen eigenen Nachtragshaushalt erfolgen. Hintergrund ist die Unternehmenssatzung der Hannoveraner Bank: Für zentrale Entscheidungen verlangt sie eine Mehrheit von 80 Prozent. Mit dem Zukauf sichert sich das Land diese Schwelle dauerhaft. Treibende Kraft hinter dem Vorhaben ist Finanzminister Gerald Heere, der seit 2022 im Amt ist.
Über den Verkauf entscheiden die Sparkassen am Montag. Sie sind in der Frage allerdings uneins. Ein Teil fürchtet, dass die Bank unter dem Einfluss des Landes einen zu riskanten Kurs einschlägt. Zugleich wollen die Sparkassen bei einer erneuten Schieflage der Nord/LB kein Geld mehr einschießen. Bereits 2019 steckten sie Geld in die Rettung der Bank.
Energiewende als Argument
Heere wirbt offensiv für den Ausbau und lobt die Nord/LB als Bank der Energiewende. Ein Sprecher des niedersächsischen Finanzministeriums verweist auf den Kapitalbedarf der Transformation: "Die Transformation im Energiesystem weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energien biete gerade für den norddeutschen Raum als Kerngebiet der Nord/LB große wirtschaftliche Chancen", so der Sprecher.
Kritisch ist dagegen der Hinweis, dass Niedersachsen mit der NBank bereits eine eigene Landesförderbank besitzt. Für Privatanleger bedeutet das: Der Staat bündelt gleich mehrere Institute mit ähnlichem Auftrag. Ob sich dieses Engagement langfristig rechnet, hängt stark davon ab, wie profitabel die Nord/LB im umkämpften deutschen Bankenmarkt bleibt.
Die wirtschaftliche Ausgangslage ist deutlich besser als in früheren Jahren. 2018 hatte die Nord/LB einen Verlust von 2,4 Milliarden Euro ausgewiesen, eine Rettung durch die Träger war nötig. Für 2025 steht dagegen ein Gewinn von rund 500 Millionen Euro zu Buche. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte die Rendite neun Prozent. Damit liegt die Bank jedoch weiter hinter der Deutschen Bank (zwölf Prozent), der Commerzbank (fast 13 Prozent) und der UniCredit (knapp 24 Prozent) zurück.
Harte Kritik am Geschäftsmodell
Auch im Vergleich mit anderen Landesbanken gibt es Kritik. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität Frankfurt, urteilt hart: "Das Geschäftsmodell der Nord/LB ist nicht angemessen für eine Landesbank." Die Bank verfüge in allen Geschäftsbereichen über keine kritische Größe, so Brühl. Er sieht in der Nord/LB daher einen Kandidaten für eine Konsolidierung – also für eine Übernahme. Infrastruktur-Finanzierungen hält er für vergleichsweise riskant. Zwei Drittel der Engagements der Bank liegen im Ausland, unter anderem in Großbritannien und den USA.
Tatsächlich gehen die Meinungen über die künftigen Wachstumsaussichten der Nord/LB weit auseinander. Sparkassen-Manager äußern sich nur anonym, aus Furcht vor dem Zorn der Politik. Sie warnen, dass starkes Wachstum nur mit Kampfkonditionen möglich sei – und dass aggressive Konditionen Kunden mit hohem Risiko anziehen könnten. Der deutsche Finanzmarkt gilt wegen der Vielzahl an Geldhäusern ohnehin als hart umkämpft. Ein weiterer Streitpunkt zwischen Land und Sparkassen ist ein neues IT-System. Zudem konzentrieren die Sparkassen ihr Unterstützungsgeschäft bereits bei Helaba und LBBW.
Ein Blick auf die Geschichte der Landesbanken
Die Nord/LB blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Ursprünglich war sie Dienstleister der Sparkassen und begleitete deutsche Unternehmen ins Ausland. Weil die Länder ihre Hausbanken immer weniger benötigten und EU-Regularien die Abspaltung eigener Förderbanken erzwangen, expandierten die Landesbanken in neue Bereiche wie die USA oder die Schifffahrt – mit enormen Risiken. Bei öffentlich-rechtlichen Instituten haftet am Ende stets der Staat. Die Finanzkrise 2008 traf die WestLB, HSH Nordbank, SachsenLB und Bremer Landesbank schwer; auch die private Commerzbank musste gerettet werden. Schon in den 2000er Jahren kollabierte die Landesbank Berlin. Nach der Krise verloren die Landesbanken rasant an Bedeutung, Expansion galt lange als ausgeschlossen.
Heute schneidet die Nord/LB im Vergleich besser ab als manche Konkurrentin. Im europäischen Bankenstresstest übertrifft sie Helaba und LBBW, Ratingagenturen hoben ihre Bonitätsnoten an. Ihr Geschäftsmodell basiert auf fünf Geschäftsfeldern. Nach dem Verkauf bleibt die Bank zudem im Sicherungssystem der Sparkassen. Ob sie zur starken Niedersachsen-Bank wird, hängt auch davon ab, ob die Sparkassen am Montag tatsächlich verkaufen. Lehnen sie ab, bleibt alles beim Alten – und die politischen Pläne wären vorerst gestoppt.
