Nasdaq erholt sich: Tech-Investoren kaufen den Rücksetzer, Oracle-Schulden bleiben Risiko
Der Nasdaq Composite steigt um mehr als 1 Prozent, doch Oracle-Anleihen nähern sich dem Junk-Bond-Bereich – die Schuldenfrage bleibt ungelöst.

Nach einer schweren Woche für den Technologiesektor sind Investoren wieder in den Markt zurückgekehrt. Der Nasdaq Composite stieg am Montag um mehr als 1 Prozent, nachdem er in der vorangegangenen Woche 4,5 Prozent verloren hatte. Damit endete eine vierwöchige Gewinnserie. Die Erholung fällt jedoch vorsichtig aus, denn die Schuldenlast bleibt ein zentrales Problem für einen Sektor, der in diesem Jahr Rekord-Emissionen bei Anleihen verzeichnet hat.
Auslöser des Ausverkaufs waren Befürchtungen hinsichtlich der Finanzierung von KI, steigender Wettbewerb und mögliche Überkapazitäten bei Chips in einigen Jahren. Diese Sorgen hatten Anleger dazu bewogen, in der Vorwoche aus dem Markt auszusteigen. Nun kehren sie selektiv zurück – von einer umfassenden Umarmung des Sektors kann keine Rede sein.
Besonders deutlich wird das bei den sogenannten Neocloud-Unternehmen, also Anbietern von gemieteter Rechenleistung für KI-Modelle. Deren Finanzierungsbedenken bestehen unvermindert fort. Ein zweites Sorgenkind ist der Softwarekonzern Oracle, dem eine Herabstufung der Bonitätsbewertung droht, die seine Schulden in den Bereich der Junk Bonds treiben könnte.
Die Details
Die Kursgewinne vom Montag verteilten sich auf mehrere Halbleiterwerte. Intel legte um 2 Prozent zu, nachdem Analysten von JPMorgan ihre Bewertung des Chip-Herstellers aufgestuft hatten. Advanced Micro Devices gewann 1,8 Prozent hinzu, Micron Technology sprang um etwa 3 Prozent an.
Weniger erfreulich verlief der Handel für CoreWeave, einen festen Bestandteil des Neocloud-Sektors. Die Aktie kehrte ihren früheren Kursanstieg um und fiel um 0,4 Prozent – selbst nachdem Goldman Sachs das Papier von „neutral“ auf „kaufen“ aufgestuft hatte. In der Vorwoche war CoreWeave um mehr als 25 Prozent eingebrochen, der größte Ein-Wochen-Verlust seit November 2025, ausgelöst durch Schuldenbedenken.
Bei Oracle zeigt sich der Stimmungswandel vor allem am Kreditmarkt. Das Rating des Konzerns bei S&P Credit Ratings liegt bei BBB-, dem niedrigsten Niveau im Investment-Grade-Spektrum. Die Anleihen sind damit formal noch investment-grade, doch die Spread-Entwicklung der fünfjährigen Credit Default Swaps (CDS) – einer Art Versicherung gegen Zahlungsausfälle – erzählt eine andere Geschichte. Die fünfjährige CDS-Spread-Prämie von Oracle liegt derzeit bei 295 Basispunkten, nachdem sie am Donnerstag kurzzeitig 300 Basispunkte erreicht hatte. Innerhalb eines Jahres ist sie um 287 Prozent gestiegen.
„Diese Spanne entspricht eher den Ratings BB und B, also High-Yield-Anleihen“, sagte Gavan Nolan, Executive Director für Fixed-Income-Preise bei S&P Global Market Intelligence. Der Markt preist Oracle damit bereits schlechter ein, als es das offizielle Rating nahelegt.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Schuldenproblematik bei Oracle ist kein neues Thema. Bereits am 02.02.2026 berichtete aktien.news, dass der US-Softwarekonzern im Jahr 2026 zwischen 45 und 50 Milliarden US-Dollar aufnehmen will, um seine Cloud-Infrastruktur massiv auszubauen. Die Finanzierung sollte hälftig durch Eigen- und Fremdkapital erfolgen. Mit den Mitteln will Oracle zusätzliche Kapazitäten schaffen, um die vertraglich vereinbarte Nachfrage seiner größten Cloud-Kunden zu bedienen – darunter AMD, Meta, NVIDIA, OpenAI, TikTok und xAI.
Am 20.09.2026 berichtete aktien.news, dass Oracle 56 Prozent unter seinem Höchststand von vor etwa einem Jahr notiert. Die Aktie war zunächst stark gestiegen, nachdem ein 300-Milliarden-Dollar-Abkommen mit OpenAI unterzeichnet worden war. Zweifel, ob OpenAI seinen Verpflichtungen aus dem Deal nachkommen kann, ließen die Oracle-Aktie jedoch einbrechen. Hinzu kommt, dass Oracle erhebliche Kredite aufgenommen hat, um die Infrastruktur für die Finanzierung dieses Deals aufzubauen.
Auch die breitere Marktstimmung hatte sich bereits eingetrübt. Am 16.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Kreditbelastung bei CoreWeave, wachsende Bedenken hinsichtlich der Unternehmensausgaben für Künstliche Intelligenz sowie ein erneut heißer Inflationsbericht mehr als eine Billion Dollar vom Wert von zwanzig der weltweit größten KI- und Halbleiteraktien abgezogen hatten. Im Zentrum des Ausverkaufs stand CoreWeave mit spiralförmig steigenden Kreditproblemen.
Bereits am 30.09.2026 hatte aktien.news auf deutlich gestiegene Renditen von US-Staatsanleihen hingewiesen, die die Aktienmärkte unter Druck setzten. Hinter Präsident Trump stand nach einem beispiellosen Treffen zum Thema künstliche Intelligenz eine hochkarätige Aufstellung: Elon Musk, Jensen Huang, Mark Zuckerberg und Sundar Pichai. Die Kursentwicklung der betreffenden Unternehmen zeigte jedoch, dass die Anleger derzeit vorsichtig agieren.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Botschaft zweigeteilt. Einerseits signalisiert der Nasdaq-Anstieg von mehr als 1 Prozent, dass die Bewertungsrücksetzer der Vorwoche für viele Investoren wieder attraktive Einstiegsniveaus geschaffen haben. Andererseits zeigt der Fall CoreWeave, dass eine Analysten-Aufstufung nicht automatisch für Kursgewinne sorgt, wenn die Bilanz das eigentliche Problem ist.
Die CDS-Spreads von Oracle liefern dabei ein Frühwarnsignal, das über das offizielle Rating hinausgeht. Wer in KI-nahe Anleihen oder Aktien investiert ist, sollte die Kreditkennzahlen der Emittenten ebenso verfolgen wie die Gewinnentwicklung. Der Sektor hat in diesem Jahr Rekord-Emissionen bei Anleihen verzeichnet – die Refinanzierung dieser Schulden hängt maßgeblich davon ab, dass die KI-Investitionen tatsächlich Erträge abwerfen.
Ausblick
Die IPO-Landschaft im KI-Sektor bleibt ein wichtiger Stimmungstreiber. Zu Jahresbeginn hatten Investoren eine Flut von Börsengängen erwartet, darunter SpaceX, Anthropic und OpenAI. OpenAI hat einen Börsengang im Jahr 2026 inzwischen ausgeschlossen, mehrere andere geplante Angebote wurden verschoben. Auf der Prognosemarkt-Plattform Kalshi gehen Spekulanten davon aus, dass Anthropic das einzige große Unternehmen ist, das möglicherweise offiziell einen Börsengang in diesem Jahr ankündigt. Das Unternehmen hatte im Juni einen Prospekt vertraulich bei der Securities and Exchange Commission eingereicht. Von den 23 Unternehmen, die Kalshi auf seinem Markt auflistet und die noch zum Handel offen sind, bietet nur Anthropic Chancen von mehr als 50 Prozent – Stand Montagmorgen 75 Prozent.
Auf geopolitischer Ebene nehmen die Spannungen zwischen Washington und Kiew weiter zu. Präsident Donald Trump sagte am Montag, er werde sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping treffen, um über die Ukraine zu beraten. Ein weiteres Thema mit Signalwirkung für den Markt: Elon Musk kündigte an, jedem Kind in Amerika im nächsten Jahr eine SpaceX-Aktie zu schenken.
Kurz erklärt
- Credit Default Swap (CDS): Ein Finanzkontrakt, mit dem sich Anleger gegen den Zahlungsausfall eines Schuldners absichern.
- Junk Bonds: Anleihen mit einem Rating unterhalb des Investment-Grade-Bereichs, die als besonders risikoreich gelten.
- Basispunkt: Die kleinste gängige Maßeinheit für Zinssätze und Renditeabstände an den Finanzmärkten.
- Neocloud: Anbieter von gemieteter Rechenleistung, die speziell auf KI-Anwendungen zugeschnitten ist.
