Nasdaq-CEO warnt vor Abkühlung im IPO-Markt: Unsicherheit bremst Börsengänge
Adena Friedman verweist auf makroökonomische Turbulenzen: Neue Notierungen an der Nasdaq sanken im dritten Quartal auf 167.

Der Markt für Börsengänge (IPOs) hat sich nach einer Welle makroökonomischer Turbulenzen leicht abgekühlt. Das sagte Adena Friedman, Chief Executive Officer des Börsenbetreibers Nasdaq, laut einem Bericht vom 22. Oktober. Mehrere hochkarätige Unternehmen hatten ihre öffentlichen Debüts zuvor gedrosselt oder ganz verschoben.
Friedman äußerte sich im Rahmen des Earnings-Calls zum dritten Quartal ihres Unternehmens. Dort erklärte sie, das langfristige Pipeline-Angebot sei weiterhin robust. Zugleich beobachtet sie, dass Führungskräfte in bestimmten Sektoren plötzlich „den Zeitpunkt ihrer IPOs neu bewerten“. Die Zahl der neuen Notierungen an der Nasdaq fiel im dritten Quartal auf 167, nach 205 im Vorjahreszeitraum.
Hinter der Zurückhaltung steht ein deutlich verändertes Kapitalmarktumfeld. Die eskalierenden Konflikte im Nahen Osten haben einen energiepolitischen Schock im Kriegsfall ausgelöst und die globalen Inflationsängste wieder befeuert. Die US-Notenbank Federal Reserve reagierte darauf mit Zinserhöhungen. Die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen notieren nahe ihren höchsten Werten seit zwei Jahrzehnten.
Die Details
Steigende Kapitalkosten haben die Risikobereitschaft potenzieller Emittenten dramatisch verändert. Diese Verschiebung hat das IPO-Fenster in den vergangenen zwei Monaten effektiv abgekühlt. Sichtbar wird das an konkreten Fällen aus dem September, die den Ton für das weitere Quartal setzten und die Anlegerstimmung an der Technologiebörse prägten.
Im September verschob das Wearable-Gesundheitstechnologie-Unternehmen Oura seinen geplanten Nasdaq-Start und verwies dabei auf volatile Marktbedingungen. Der Hersteller von Nuklearanlagen Holtec Nuclear zog seinen geplanten US-Börsengang zurück. Als Grund nannte das Unternehmen eine negative Stimmung, die die Aktienmärkte und den Nuklearsektor beeinträchtigte. Eine Reihe weiterer Unternehmen verzögerte ebenfalls ihre Angebote zur gleichen Zeit.
Für den Börsenbetreiber selbst war das Quartal dennoch erfreulich. Die Nasdaq übertraf am Donnerstag die Schätzungen für die Quartalsgewinne, die Aktie stieg im Vormittagshandel um 6,7 Prozent. Friedman betonte, die „Pipeline für neue Notierungen“ des Börsenbetreibers sei weiterhin robust und das Unternehmen sei gut positioniert, um die vielfältige Gruppe von Unternehmen zu unterstützen, die darauf vorbereitet sind, die öffentlichen Märkte zu betreten.
Auch außerhalb des Börsenbetreibers wird die Lage nüchtern eingeschätzt. „Solange die Begeisterung für KI nicht mit großem Aufschwung zurückkehrt, erwarten wir keinen großen Aufschwung, um das Jahr 2026 abzuschließen. Viele Unternehmen bereiten IPOs vor, um sich diese Option offenzuhalten, aber immer mehr planen für 2027. Zum Zeitpunkt konzentriert sich der IPO-Markt 2026 auf Anthropic und den Biotech-Sektor“, sagte Matt Kennedy, Senior Strategist bei Renaissance Capital, einem Anbieter von IPO-fokussierter Forschung und ETFs.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 29.09.2026 berichtete aktien.news, dass der Smart-Ring-Hersteller Oura seinen geplanten Börsengang an der US-Technologiebörse Nasdaq verschoben hat. Als Grund nannte das finnisch-amerikanische Unternehmen am Dienstag „Unsicherheiten im IPO-Markt“. Oura hatte seinen Prospekt Anfang September veröffentlicht. Ein aktualisiertes Dokument aus der vergangenen Woche deutete darauf hin, dass das Unternehmen bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar einsammeln wollte – bei einer Bewertung von bis zu 14 Milliarden US-Dollar. Trotz dieser weit gediehenen Planung erklärte Oura, der IPO werde trotz starker Nachfrage verschoben.
Am 03.10.2026 meldete aktien.news, dass der Markt für Börsengänge stockt und immer mehr Unternehmen ihre Pläne verschieben – manche nur um Wochen, andere gleich um Monate. Der Grund war nach Einschätzung von Marktbeobachtern vor allem ein Verteilungsproblem: Die begleitenden Investmentbanken finden zu wenige Investoren, die bereit sind, den gewünschten Emissionspreis zu bezahlen. Besonders auffällig war die Verschiebung bei den großen KI-Unternehmen. Anthropic hat seinen Börsengang auf das Jahresende verschoben, konkret auf den Zeitraum rund um November. Bei OpenAI wird ein IPO im laufenden Jahr nicht mehr erwartet.
Am 05.10.2026 folgte der Hinweis, dass von der Abkühlung auch die am sehnlichsten erwarteten Debüts betroffen sind – die der KI-Konzerne Anthropic und OpenAI sowie des Smart-Ring-Herstellers Oura. Noch wenige Monate zuvor war die Stimmung an den Börsen wie im Rausch: Große Tech-Werte stiegen in den Wochen zuvor täglich, vor allem die Kurse der Chipaktien schossen stark nach oben. Diese Euphorie scheint nun gebremst, denn die Bereitschaft, neue Aktien zu den gewünschten Preisen zu zeichnen, hat nachgelassen.
Am 14.10.2026 berichtete aktien.news von einer Phase erhöhter Volatilität an den globalen Finanzmärkten. Anleger wägen seither zwischen robusten Quartalszahlen der Banken und einer wachsenden Skepsis gegenüber dem KI-Boom ab. Während die US-Aktienindizes um eine klare Richtung ringen, lastet vor allem der Druck auf Halbleiterwerte auf dem Marktumfeld. Das einst unersättliche Interesse an KI-IPOs hat sich drastisch abgekühlt; steigende Zinsen, eine volatile Börsenlage und politische Unsicherheiten zwingen viele Technologieunternehmen dazu, ihre Zeitpläne für das vierte Quartal zu überdenken.
Was das für Anleger bedeutet
Der Rückgang der Neunotierungen an der Nasdaq von 205 auf 167 Notierungen im Jahresvergleich zeigt, dass deutlich weniger neue Aktien auf den Markt kommen. Für Anleger, die auf Neuemissionen setzen, bedeutet das eine dünnere Auswahl und längere Wartezeiten, bis die angekündigten Debüts tatsächlich stattfinden. Wer auf Unternehmen wie Anthropic oder OpenAI spekuliert hat, muss sich laut den vorliegenden Berichten auf einen späteren Zeitpunkt einstellen.
Gleichzeitig verschiebt sich die Preisbasis. Weil die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen nahe ihren höchsten Werten seit zwei Jahrzehnten notieren, sind die Kapitalkosten gestiegen – mit der Folge, dass Emittenten und Investoren unterschiedliche Vorstellungen vom richtigen Emissionspreis haben. Genau darin liegt der Kern des aktuellen Verteilungsproblems: Es fehlen Investoren, die bereit sind, den gewünschten Preis zu bezahlen.
Interessant ist die Trennung zwischen Börsengeschäft und Börsenbetreiber. Während das IPO-Fenster abkühlt, übertraf die Nasdaq die Gewinnschätzungen für das Quartal, die Aktie legte im Vormittagshandel um 6,7 Prozent zu. Der operative Erfolg des Börsenbetreibers hängt also nicht allein am kurzfristigen Emissionsgeschäft. Dies ist ausdrücklich keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.
Ausblick
Friedman erwartet trotz der aktuellen Zurückhaltung, dass die Pipeline an Börsenkandidaten robust bleibt und sich die vielfältige Gruppe vorbereiteter Unternehmen zu gegebener Zeit für den Gang an die öffentlichen Märkte entscheidet. Renaissance-Capital-Strategie Kennedy rechnet dagegen nicht mit einem starken Schlussspurt: Ein großer Aufschwung zum Abschluss des Jahres 2026 sei nur zu erwarten, wenn die Begeisterung für KI mit großem Schwung zurückkehrt. Viele Unternehmen bereiten IPOs nach seinen Angaben nur vor, um sich die Option offenzuhalten – immer mehr planen dabei für 2027. Für das laufende Jahr 2026 richtet sich der Fokus des IPO-Marktes nach seinen Worten auf Anthropic und den Biotech-Sektor. Für Anthropic gilt weiterhin ein Zeitfenster rund um November, für OpenAI wird ein IPO im laufenden Jahr nicht mehr erwartet.
Kurz erklärt
- IPO (Börsengang): Der erstmalige Verkauf von Aktien eines Unternehmens an der Börse, mit dem Kapital von einer breiten Investorenbasis eingesammelt wird.
- Pipeline: Die Gesamtheit der Unternehmen, die einen Börsengang vorbereiten oder zumindest als Option offenhalten.
- Emissionspreis: Der Preis, zu dem neue Aktien im Rahmen eines Börsengangs an Investoren ausgegeben werden.
- Federal Reserve: Die US-Notenbank, die über die Leitzinsen im Dollarraum entscheidet.
